Martin Schläpfer choreografiert Adriana Hölszkys „Deep Field“ an der Rheinoper Düsseldorf


(nmz) -
Pünktlich mit „b.20“ geht er weiter, der Griff nach den Sternen. Für Martin Schläpfer liegen diese deutlich jenseits der ihm vor Jahresfrist angebotenen Intendanz des Staatsballetts Berlin. Der Chefchoreograf des Balletts der Deutschen Oper am Rhein sondiert mittlerweile im Himmel der zeitgenössischen Kunstmusik. Was Strawinsky für Balanchine, was Schnittke für Neumeier, Takemitsu für Kyliàn, das soll, wenn alles gut geht, Adriana Hölszky für Martin Schläpfer werden. Jetzt hat man mit „Deep Field“ schon mal einen tiefen Blick in den wechselseitigen Kunst-Himmel riskiert.
26.05.2014 - Von Georg Beck

So viele Verwandlungen und dann dieses Schlussbild! So sehr das von Adriana Hölszky ins Spiel gebrachte „Liebesmärchen“, Hesses frühe, von ihm selbst wieder und wieder illustrierte Novelle „Piktors Verwandlungen“ den Meister zu kaum je redundant werdenden, stets gegen ein absolutes Zentrum auschoreografierten Gestaltwechseln animiert – dieses Finale steht quer dazu. Nicht nur alle Bewegung, vielmehr die für Hesse zentrale Verwandlungsforderung selber scheint negiert, wenn Schläpfer seine Compagnie zu einem Standbild gefrieren lässt, das an den erhabenen Gestus altdeutsch-niederländischer Tafelmalerei erinnert. Frappierend diese Schlusseinstellung, wenn sie sich alle auf einmal scharen um diesen einen Tänzer mit dem Buch in der Hand. Der liest versonnen und alle lauschen. Dann fällt der Vorhang. Passend dazu hat Ausstatterin Rosalie der Gruppe Fechtermasken vors Gesicht gebunden: Jetzt gilt’s dem Hören aufs Wort! Richtig, denkt man sich, am Anfang war ja dasselbe.

Deutlicher wird man kaum werden können, um den Ausgangspunkt dieser hochambi­tionierten, an der Düsseldorfer Rheinoper in Uraufführung vorgestellten Gemein­schaftsproduktion zu kennzeichnen. Tatsächlich war dies auch für Adriana Hölszky der Auslöser. Was Text ist am Rande der Unsagbarkeit, was das Irdische verlassen, was den Blick ins Unendliche wagen will – Hölderlins Empedokles, Nietzsches Dionysos-Dithyramben, Hanns Johsts Stunde der Sterbenden – dies hat in der Komponistin eine Partitur zum Klingen gebracht, die aus den mannigfaltigen Repetitionen des Tons einen Hallraum erzeugt. Einen, in dem jene Grenzerfahrungen denkbar werden wie sie für die Komponistin die „Deep Field“-Ansichten eines Weltraumteleskops Hubbles liefern. Weniger der Ton selbst, das, was dahinter ist, was er in Gang setzt, interessiert sie. Deswegen auch die ganze Skala vom stummen Spiel auf den Klappen der Klarinetten, auf der Tastatur des Akkordeons bis zu jenem Fortissimo-Dauerfeuer, das die im Orchestergraben positionierten sechs Schlagzeuger immer dann losschicken, wenn der Tanz neuen Schub braucht.

„Das Wort teilt nichts mit, es löst aus“

Ein Rütteln und Schütteln, das Schläpfer konsequent in die Gliedmaßen seiner Compagnie fahren lässt. Die Körper als Resonanzräume, gewiss unter Vermeidung des bloß illustrierend Übersetzenden. Immer wieder findet Schläpfer Balancen, die einerseits aufgreifen und ihm doch die Unabhängigkeit sichern. Pantomimisch am Anfang, wenn wir an der Seite ein Fußpaar zittern sehen, theatralisch zum Ende hin, wenn das Stampfen in die Körper fährt. Dass Hölszky ihre Musik in sogenannten „zehn KLANGbelichtungen“ eingeteilt hat, spielt für diese einhundert „Deep Field“-Minuten keine Rolle. Man gewahrt sie nicht. Soll man wohl auch nicht. Was aber eine Rolle spielt, ist die Dreiteilung der Klangquellen: Düsseldorfer Symphoniker als perkussionsgestützte Bläserformation im Graben, der in 48 Stimmen aufgesplittete WDR-Rundfunkchor vis-a-vis im Dritten Rang und ein Zuspiel vom Band, das einen mittels markigem Surroundsystem förmlich anspringt. Hier vor allem lagern sich bevorzugt die Textfragmente an das Vokale und Instrumentale an, wollen Kunde geben von den Versuchen, das ominöse Feld auszumessen, abzubilden. Die Texte selbst, bis auf paradiesische, schöpfungsursprüngliche Schlüsselwörter – Garten, Erde, Wasser und dergleichen – weitgehend unverständlich. Was kein Problem darstellt. Das Wort, so Hölszky, teilt nichts mit, es löst aus.

Worin ihr die Koautoren beipflichten. Rosalie mit einem von den Farben der Hesse-Novelle genommenen, zwischen Lila und Dunkelblau schimmernden Netz, korallen­artig, in sich gekrümmt wie die Raum-Zeit. Und auch Schläpfer bleibt konform, gerade indem er nichts entwickelt, nichts abbildet, nichts erzählt. Was er entwickelt, abbildet und erzählt ist das, was das Teleskop macht: Lauschen. Was auf eine Zustandsbeschreibung hinausläuft, in der nur ihr erzwungen scheinendes Andachts-Ende überrascht.

„Deep Field“: Ein Ballettabend der ungewöhnlichen, der sich gegen das bloß Kulinarische stemmenden Art. Zugleich einer, der vor lauter höherer Bedeutung und vielleicht auch wegen dem, was er auslässt, die abgründige Seite jeder Verwandlung respektive die politische Seite jedes Märchens, nicht so groß ausgefallen ist wie vielleicht erhofft.

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