Massenentlassung in Wien – Frank Hilbrichs analytisch kalter „Rosenkavalier“ am Theater Bremen


(nmz) -
Von „Elektra“ zum „Rosenkavalier“ ist der Weg weniger weit als man gewöhnlich denkt. Das zeigt die Inszenierung von Frank Hilbrich, die er mit hervorragenden Darstellerinnen und Darstellern am Theater Bremen bis auf den Kern entschlackt auf die Bühne bringt. Joachim Lange hat sehr genau hingehört und hingesehen.
22.09.2019 - Von Joachim Lange

Es gilt vielen Liebhabern der Opern von Richard Strauss als ausgemacht, dass er sich mit dem „Rosenkavalier“ kompositorisch von der „Elektra“, also seinem Weg in Richtung Moderne und der Exkursion in seelische Abgründe abgewendet hat. Mitten hinein in ein liebevoll ausstaffiertes Wien aus der Zeit Maria Theresias. Mit altem Adel und jungem Geld. Mit einem Beispiel individueller Freiheit beim Umgang mit einer selbstbestimmten Liebe jenseits von Standes- oder Moralnormen. Dabei kann man durchaus darüber staunen, dass das Ganze im Jahre 1911 im Kaiserreich Deutschland und Königreich Sachsen so ein durchschlagender Erfolg wurde. Was natürlich auch am Überhören durch intensives Schwelgen gelegen haben mag. Man muss sich nur mal vorstellen, was passiert wäre, wenn das Poltern im Vorzimmer nach der Liebesnacht der Anfang dreißigjährigen Fürstin mit ihrem halb so alten Liebhaber wirklich der Ehemann gewesen wäre.

Der „Rosenkavalier“ imaginiert liebevoll eine menschlich nachvollziehbare, wenngleich erfundene künstliche Welt. Zu leuchten beginnt die erst, weil ein ganzes Geflecht von Obsessionen das Handeln der Protagonisten antreibt.

Wenn man den Bremer Musikern unter Yoel Gamzou jetzt zuhört, dann kommen einem Zweifel, ob es diese musikalische Wende bei Strauss wirklich gibt. Der GMD folgt nämlich musikalisch dem Regisseur Frank Hilbrich und einer Radikalisierung der Geschichte. Die unterstellt, dass der „Rosenkavalier“ nicht nur zeitlich, sondern auch im umfassenden, wenn auch nicht sofort erkennbaren Sinne, der „Elektra“ folgt.

Diese radikale Zuspitzung und Fokussierung kommt vor allem zustande, weil Hilbrich radikal kürzt, das Personal und die morgendlichen Bittsteller bei der Feldmarschallin ebenso feuert, wie bei Faninal und im Beisel. Es bleiben: die Feldmarschallin und Octavian, Faninal und seine Tochter Sophie und der Vorstadtunterkommisarius. Hippolyte, der hier – da der Morgenempfang ausfällt – nicht frisieren muss, reicht den Mocca ins Schlafzimmer, übernimmt die Tenor-Arie und ist der Mann für alle noch verbleibenden, unvermeidlichen Stichworte. Luis Olivares Sandoval macht das alles hervorragend. Außerdem ist er ein gespenstisch grauer Geist, ein furchterregender Engel, wenn nicht der Geschichte, so doch der Zeit. Am Ende holt er sich denn auch nicht das Taschentuch – dieser possierliche Schlusspunkt bleibt dem Orchester vorbehalten. Am Ende bricht er in ein diabolisch wissendes Lachen aus, während Sophie und Octavian noch an den Traum der Liebe glauben.

Drastische Massenkündigung des Personals

Von der drastischen Massenkündigung des Personals bleibt ausgerechnet der lerchenauer Bastard Leopold verschont. In dieser stummen Rolle ist der wie eine Biedermeier Karikatur daherkommende Jakob von Borries so gut wie immer an der Seite seines Vaters auf der Szene. Es gehört zu den zahlreichen besonderen Glanzleistungen einer detaillierten Personenregie, wie sein Verhalten und seine Miene zum Spiegel der enthemmten Seite dieses Ochs’ wird. Als die Marschallin sagt, sie hoffe nicht, dass das Kind seiner Laune ein Mädchen sei, ahnt man, was sie ihm zutrauen würde, wenn es eins wäre. Wenn man die mimischen und körperlichen Reaktionen Leopolds auf die Attacken oder Zurückweisungen seines Erzeugers in Bremen sieht, dann weiß man, dass der vor nichts halt macht. Auch vor dem Knaben nicht. So jedenfalls dessen Blick.

Dass die Marschallin und Octavian (nebst dem geisternden Hippolyte) und der Ochs (samt seines Schattens Leopold) im ersten Aufzug unter sich bleiben, gibt den Blick auf die Geschichte und die Art, wie sie von Hilbrich erzählt wird, vor.

Mit Sebastian Hannacks Bühne wird sie zum Raum. Das Labyrinth in einer vertikalen Fläche wird immer wieder zum in die Tiefe sich öffnenden Raum. Abstrakt für Assoziationen und wandelbar für entfesselte Aktion. Die beginnt in der ausklingenden Liebesnacht des ersten Aktes, bei dem wir wie aus der Schlüssellochperspektive zum Zuschauer dessen werden, was wir sowieso hören.

Im zweiten Akt rückt der Ochs, der zum außer Kontrolle geratenen Stier wird, so auch uns auf die Pelle. Das Tier im Manne, das nicht nur als „Standsperson“ vollkommen indiskutabel ist. (Außer vielleicht für das Berliner Landgericht, das im Falle Künast gerade jede Grenze von verbalem Anstand kassiert hat.) Da spielt der stimmgewaltige Patrick Zielke als Ochs mit aggressivem Körpereinsatz voll aus, wovon er im ersten Aufzug „nur“ erzählt hat.

Aber auch Octavian kam für Sophie (nach ihren Dehnübungen) wohl nicht wie ein Engel mit der Silberrose in ihr Leben, sondern plautzte ihr durch die Papierwand gleichsam vor die Füße. Samt roter Rose. Als Vorbote des Ochs, der noch brutaler hereinplatzt, um dann nicht nur ungeniert über die anatomischen Vorzüge, der ihm von Faninal präsentierten Braut zu schwadronieren, sondern sie an Ort und Stelle auch gleich auszuprobieren. Und da sie nicht willig, braucht er Gewalt. Nach diesem Auftritt wäre eigentlich der Schluss seiner Ehepläne besiegelt.

Im dritten Aufzug gewinnt der Ochs eine Spur Menschlichkeit zurück, weil ihm Octavian in Gestalt Mariandels offensiv attackiert und er zu ahnen beginnt, wie man sich in der bedrängten Position fühlt. Erstaunlich, dass Faninal im dritten Akt seiner Tochter immer noch den Mund zuzuhalten versucht, und die sich energisch davon löst, um Ochs sein endgültiges Aus zu verkünden. Hier sieht man, was sich Faninal (souverän dessen Verklemmtsein ausspielend: Christian-Andreas Engelhardt) wohl im Innersten trotz allem wünscht.

Bremer „Rosenkavalier" hat den Nährwert eines unvermuteten Erschreckens

Szenisch funktioniert der dritte Aufzug auch ohne Spukpersonal verblüffend gut. Musikalisch wird er zu einer Punktlandung, bei der das Terzett, und dann das „Ist ein Traum kann nicht wirklich sein“, ihren, wenn auch ungewöhnlich beleuchteten, Glanz entfalten.

Der Bremer „Rosenkavalier" hat den Nährwert eines unvermuteten Erschreckens, den noch jeder Blick hinter die Oberfläche eines schönen Scheins mit sich bringt. Dafür muss man einen Preis zahlen, weil es viele ans Herz gewachsene Schmankerl oder Nebensachen nicht gibt. Vom Streit des Ochs mit dem Notar über die Morgengabe an ihn im Ehevertrag, und das „Der Graf ist auf und davon“ der Lakaien, über den Bericht von Rofranos Vorfahren bei Faninals und dem „Wir sind da“ der Intriganten bis hin zu dem „Papa, Papa,Papa“- Geschrei der angeblichen Kinder des Ochs im Beisel.

Lässt man sich darauf ein, dann leuchtet dieser Abend nicht schwelgerisch im Gegenlicht der Melancholie, wie sonst so oft und hochwillkommen. Dann ist das Gegenlicht analytisch kalt und zeichnet die Gesichts- und Charakterzüge der verbliebenen Beteiligten scharf nach. Stellt sie in den Mittelpunkt und entstellt sie allesamt zur Kenntlichkeit. Kein Genre-Wimmelbild aus dem Man-ist-was-man-ist-Wien; eher Einzelporträts von dessen menschlichen Folgen….

Dieses mutige (und in Dresden oder Wien nur schwer vorstellbare) Rosenkavalier-Experiment bezieht einen Gutteil seine Wirkung aus dem fabelhaft präzisen Spiel der Protagonisten.

Da fängt an bei der stimmlich sicher aufblühenden Nadine Lehner als Feldmarschallin. Die braucht (und bekommt) für ihren großen Auftritt im Beisel keine Spur von fürstlicher Eleganz, sondern muss mit dem Selbstbewusstsein einer jungen TV Kommissarin auskommen. Als Geliebte des jungen Octavian (und in Konkurrenz zu Sophie) ist sie vollkommen nachvollziehbar. Stimmlich von Anfang an hochsouverän verwandelt sich Nathalie Mittelbach als Octavian den männlichen Habitus ihrer Rolle immer überzeugender an. Nerita Pokvytyte ist die ideale Sophie - darstellerisch und stimmlich. Mit dem Terzett als Krönung.

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