Mensch-Maschine: Das Neue Kollektiv München (NKM) spielt Werke von Bang, Prins, Reiserer und Winkler


(nmz) -
Das 2015 gegründete Ensemble Neues Kollektiv München (NKM) war in der Black Box des Münchner Gasteig zu Gast. Seinen Auftritt mit Werken von Gerhard E. Winkler, Malin Bang, Stefan Prins und Christoph Reiserer hat Michael E. Bauer besucht:
08.07.2016 - Von Michael E. Bauer

„Mensch-Maschine“, das ist nicht nur der Titel des 1978 erschienenen Albums von Kraftwerk. Mensch-Maschine, das ist auch die Begeisterung in der Philosophie und der bildenden Kunst, im Film und in der Musik für Apparaturen, Maschinen, Software, Hardware im Zeitalter der Maschinen und Computer: Ob Marshall Mc Luhan, Niklas Luhmann, Jean Tinguely, Oskar Schlemmer, Fritz Lang, Stanley Kubrick, Luigi Russolo, Fluxus, IRCAM bis hin zu Peter Ablinger, den Harry-Partch-Instrumenten, den Z-Machines und dem J-Pop Avatar Hatsune Miku – die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

Mensch-Maschine, das war auch der Subtext für das Konzert „Situationen – Konfrontationen auf engstem Raum“ von NKM (Neues Kollektiv München) in der Black Box / Gasteig München. NKM, das sind in der Stammbesetzung Christoph Reiserer – Saxofon, Tobias Weber – E- Gitarre / E-Bass, Julia Schölzel – Klavier, Stefan Blum – Schlagzeug sowie der Komponist Alexander Strauch und der Musikwissenschaftler Michael Zwenzner. 2015 in München gegründet, ist das NKM ein Ensemble für zeitgenössische Musik, das scheinbare Gegensätze wie Klassik und Avantgarde, Komposition und Improvisation miteinander verbindet. Das NKM versteht sich als Pool von kreativen Interpreten und musizierenden Komponisten, als Plattform für die Zusammenführung von Theorie und Praxis – gemäß der Prämisse: ohne Theorie keine Praxis, ohne Praxis keine Theorie. Programmatisch für die einzelnen Konzerte des NKM ist die Idee, regelmäßig Gäste mit unterschiedlichem künstlerischen Background und kultureller Provenienz einzuladen. In diesem Fall war es Gerhard E. Winkler, der vom NKM gefeatured wurde, und gemeinsam mit Zoro Babel den Part der Live-Elektronik übernahm.

Das Konzept, die Kompositionen von Malin Bang, Stefan Prins, Christoph Reiserer und Gerhard E. Winkler jeweils als Konfrontation mit einer neuen musikalischen Situation zu begreifen, darauf zu reagieren und sich daran zu reiben, führte das NKM konsequent in den Bühnenraum fort: Konfrontation auf engstem Raum war bereits durch das große und farbenreiche Instrumentarium gegeben: Zusätzlich zu Saxophonen, präpariertem Klavier, E-Gitarren, Laptop, Schlagwerk und verschiedenen Musikrobotern gab es ein Arsenal an Haushaltsgeräten aller Art: Staubsauger, Nähmaschinen, Töpfe, Grillschale aus Alu, Fön, Ventilator etc.

Während Bang und Prins sich in ihren Kompositionen „Kobushi Burui“ bzw. „Fremdkörper #2“ auf unterschiedliche Art und Weise mit dem Verhältnis von Körper und seinen „technologischen Prothesen“ (Instrumente und Elektronik) auseinandersetzen, lotet Reiserer in seiner Trilogie „Doubles“ für Instrumentalisten und Roboter improvisatorisch das wechselseitige Verhältnis von Aktion und Reaktion aus. Dabei fungieren wenige Spielfiguren als Initialzündung für einen musikalischen Dialog von Instrumentalisten und Robotern. Passend zu den ersten Atombomben-Tests der USA auf dem Bikini-Atoll (1946) , die sich 2016 zum 70ten Mal jähren, setzte das NKM Winklers „Bikini.Atoll“ (Les Arbres VIIB) auf das Programm. Ausgangspunkt ist ein Be-Bop-Zitat, das stilistisch für die 1940er-Jahre steht. Im Verlauf der Komposition dekonstruiert Winkler das Zitat, bis es nicht mehr erkennbar ist. Mittels Live-Elektronik reduziert er es auf erratische „Klang-Splitter, die das Stück phasenweise immer stärker kontaminieren und zum Schluss jeden Klang in rein technischem Geräusch untergehen lassen.“

Sowohl mit der präzisen Umsetzung der akribisch ausnotierten Partituren von Malin Bang, Stefan Prins und Gerhard E. Winkler, als auch der großen Improvisationslust in den „Doubles“ von Christoph Reiserer stellte das NKM erneut seine künstlerische Bandbreite unter Beweis.

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