Neue Horizonte in Farbe mit ascolta, dem SKO und einer Schüler-Kunstgruppe


(nmz) -
Für Wassily Kandinsky hatte die Farbe einen Klang. Komponisten seit Earl Brown haben Musik grafisch notiert. Im Kinder- und Jugendprojekt SKOhr-Labor des Stuttgarter Kammerorchesters dient Malerei den beteiligten Schülern dazu, sich mit neuer Musik auseinanderzusetzen.
30.11.2016 - Von Dietrich Heißenbüttel

Im Foyer sind die Gemälde aufgereiht, die Oberstufenschüler aus Ostfildern am Tag vor dem Konzert in der Generalprobe angefertigt haben, zu Werken von Michael Pelzel und Michael Wertmüller. Zuvor hatte Tobias Ruppert mit ihnen zu Musik, die er und sie selbst mitgebracht hatten, verschiedene Techniken ausprobiert. Der Posaunist Andrew Digby vom Ensemble ascolta und die Violinisten Ulrike Stortz und Luca Bognar vom Kammerorchester hatten sie besucht. Mit dem Komponisten Michael Wertmüller hatten sie ein Gespräch geführt. Obwohl alle zu denselben zwei Kompositionen gemalt haben, gleicht keine Leinwand der anderen. Die eine ist mit der Spitze des Borstenpinsels getupft, die andere ornamental verschnörkelt, die dritte mit einer Walze fett aufgetragen. So unterschiedlich kann Musik wirken – und doch scheint das eine oder andere Bild fast dazu einzuladen, als grafische Partitur in Musik rückübersetzt zu werden. Was dann sicher nicht klingen würde wie das Original.

Im Saal läuft noch einmal ein Werk nach dem anderen als Diashow durch. Dann beginnt das Konzert mit der Uraufführung von „Mysterious Anjuna Bells“ von Michael Pelzel, geschrieben nach einem Aufenthalt im indischen Goa. Es setzt ein mit einem metallischen Anschlag, hervorgebracht von Triangeln bis Röhrenglocken, der in sanften, schwankenden Streicher-Klängen ausklingt. Die elektrische Gitarre, von Hubert Steiner auf den Knien liegend mit Steel Bar gespielt, übernimmt zusammen mit dem Solo-Cello von Eric Borgir, unisono oder jedenfalls annähernd parallel, die Führung. Es bleibt längere Zeit eher verhalten, rhythmisiert von den periodischen metallischen Klängen. Doch allmählich steigert sich die Dichte und Intensität. Das Ensemble ist um das Streichorchester herum platziert, Steiner und Borgir vorn, die beiden Schlagzeuger ganz hinten. Auf einmal nehmen die Streicher Weingläser in die Hand, die in unterschiedlichem Maß mit Wasser gefüllt sind, und reiben mit dem Finger über den Rand. Es entstehen vibrierende Schwebungen, etwas Zartes scheint aus der Mitte hervor zu wachsen. Am Ende reiben sie Klangschalen mit hölzernen Stöcken.

In der Umbaupause zeigt ein Video, wie die Schüler die Bilder angefertigt haben. Später ist nicht mehr erkennbar, ist in welchem Tempo sich der Pinsel über die Leinwand bewegt hat: in einigen Fällen ganz schnell, manchmal aber auch sehr ruhig und überlegt. Parallel dazwischen geschnittene Probenausschnitte machen die Analogie sinnfällig.

In Beat Furrers „Linea dell’orizzonte“ wird das Ensemble ascolta ergänzt um die Violine von Bogdan Božović und die Bassklarinette und Klarinette von Andrea Nagy. Ein raschelndes Huschen, keine Töne – auf der Klarinette gedämpfte Spaltklänge, die Vibraphone mit bloßen Händen gespielt – steigert sich immer mehr in chromatisch auf- und abwärts rasende Läufe, vorwärts treibend und doch rhythmisch unregelmäßig. Irgendwann ist es plötzlich still. Dann kommen nur noch ein paar Fetzen. Nach der Pause ist das Kammerorchester, ebenfalls mit einem Furrer-Stück an der Reihe. Eine hart angezupfte, sehr kurz gegriffene Violinsaite setzt einen Auftakt für ein tonlos gestrichenes Rauschen. Ein paar abgedämpfte Zupfgeräusche stolpern hinterher. Rechts und links sitzen die Violinen in zwei Dreiergruppen. Klangflächen wandern hin und her und im Kreis herum. Trotz manch dramatischer Zuspitzungen bleibt eine ätherische, irreale Stimmung.

Nach einem zweiten Video und Umbaupause folgt dann Michael Wertmüllers „beschleunigt“. Der Programmaufbau, noch bis kurz vor der Aufführung anders geplant, hat damit zu einer im Nachhinein fast zwingenden Logik gefunden: Jeweils an zweiter Stelle ein rhythmisches Werk mit dem Höhepunkt ganz am Schluss. Freilich ist der Titel nicht wörtlich zu nehmen. Wer genau zuhört, vernimmt einen regelmäßigen, leisen Paukenschlag. Darum herum steigert sich das Geschehen zu einem immer frenetischeren, gleichwohl wie vor der Pause bei Furrer immer unregelmäßigen Beat, in dem sich mehrere Schichten überlagern. Die Elektrogitarre, diesmal konventionell gespielt – es klingt fast nach Rock –, und das Violoncello übernehmen zunächst wieder solistische Funktionen. Später kommen andere Instrumente zum Zug: Vibraphon, eine Jazz-artige Trompete mit Dämpfer, Violine. Einmal produzieren Klavier und Marimbaphon plötzlich einen wimmelnden Wirbel. Dann wird ein Basslauf auf dem Solo-Cello vom Kontrabass verstärkt oder das Cello duettiert mit der Violine. Peter Rundel dirigiert nicht einfach, er folgt den Cross-Rhythmen mit Körperdrehungen und läuft dabei zu Höchstform auf. Es ist offenkundig ein Programm, das ihm Freude bereitet.

Von der Arbeit des SKOhr-Labor ist am Ende nicht mehr viel zu sehen. Aber wer die beteiligten Schüler in der ersten Reihe sitzend beobachtet, der erkennt, dass Tobias Ruppert nicht übertreibt, wenn er sagt: „Als wir angefangen haben, haben die Schüler schon manchmal gesagt: kann das nicht mal jemand abstellen? Aber nach dem Besuch der Musiker, nachdem sie mit Michael Wertmüller gesprochen und bei der Generalprobe gemalt haben, ist neue Musik für sie überhaupt kein Problem mehr.“ Man sieht es ihnen an: Sie sitzen ruhig da und hören aufmerksam zu.

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