Rossini-Sternstunde mit „Der Barbier von Sevilla“ in Dessau


(nmz) -
„Der Barbier von Sevilla“ war einer der größten Welterfolge der Operngeschichte. Keineswegs seit der Uraufführung im Teatro Argentina in Rom, wo das in wohl weniger als zwei Wochen komponierte Auftragswerk des noch Dreiundzwanzigjährigen am 20. Februar 1816 herauskam. Die Uraufführung war ein Fiasko. Aber seit der zweiten, gefeierten Produktion am 10. August 1816 in Bologna trat das Werk seinen Siegeszug durch die Welt an. Das Werk wurde allerdings häufig bearbeitet und geradezu entstellt.
24.01.2022 - Von Dieter David Scholz

Erst durch die kritische Edition des Altmeisters unter den Rossiniforschern und -Dirigenten Alberto Zedda, die 1969 bei der Universal-Edition erschein, man spielt sie nun auch in Dessau, wurde das Werk mit seinen Quellen, musikali­schen Strukturen und Versionen auf eine zuverlässige Grundlage gestellt. Freilich hat Zedda alles, was Rossini für diese Oper komponierte, in seine Edition aufgenommen, zur jeweiligen Selbstbedienung und je eigenen Zusammenstellung der Theater, die das Werk aufführen. Auch in Dessau hört man daher manches Neue, Ungewohnte, Verblüffende.

Von der bei der Uraufführung verwendeten Ouvertüre ist kein autographes Manuskript erhalten. Möglich, dass, dass Rossini eine eigene Ouvertüre komponiert hatte, aber die meisten Ausgaben verwenden eine, die zuvor bereits bei zwei anderen Opern Rossinis zum Einsatz gekommen war, bei „Aureliano in Palmira“ sowie bei „Elisabetta Regina d´Inghilterra“. Diese erklang auch in Dessau. Überhaupt hat Rossini einige Musiknummer aus seinen bereits komponierten 17 anderen Opern und aus fremden Werken zitiert beziehungsweise wiederverwendet.

Gleichwohl ist der „Barbier“ eine der originellsten, rasantesten komischen Opern aller Zeiten, ein Meister- und Feuerwerk an Melodien und Rhythmen, funkelnden Ensembles und brillianten Arien, aber auch an Situationskomik und absurd-komischen Nummern, zu schweigen von der Sogwirkung des Rossinischen Orchestercrescendos.

Die Inszenierung des Hausherrn Johannes Weigand geht die Situationskomik, Rossinis und das Comedia dell‘ Arte-hafte des Plots souverän an. Die Handlung ist an sich sehr einfach: Ein alter Mann verliebt sich in sein Mündel. Doch ein Graf kommt ihm mit der Hilfe eines gewitzten Barbiers zuvor und gewinnt das hübsche und kluge Mädchen für sich. Aber wie Rossinis Librettist Cesare Sterbini den komödiantischen Plot (der zuvor schon vielfach „veropert“ wurde) mit Verkleidungen, Unwahrscheinlichkeiten und turbulentem Spiel um Schein und Sein zubereitet hat, ist nicht anders als genial zu nennen.

Weigand greift den Ball auf und zeigt ein Arsenal witziger Figuren, ein turbulentes Spiel um zurechtgebogene Wahrheiten, eine handfeste Situationskomödie, meistert die sich überstürzenden Ereignisse, haarsträubenden Verkleidungen und Verwirrung, dass sich die Balken biegen. Fern allen Outrierens und billigen Klamauks. Er kann Komödie!

 Dabei befleißigt er sich einfachster Mittel. Es ist alles andere als historisierendes oder opulentes Ausstattungstheater, dem man beiwohnt. Sein Bühnbildner Moritz Nitsche hat eigentlich nur eine weiße, vielfach auf- und zu klappbare Wand vor einen Rundhorizont gestellt. Sie ist Spielvorhang, Brecht­gardine und szenisches Scharnier, ermöglicht Innen- und Außenräume, Durchgänge und Durchblicke. Eine großartige wie simple Inszenierung, die Rampe und Anspielen des Publikums wagt, überzeugend voller Schwung und Poesie. Miriam Damm hat mit der Beleuchtung magische Lichtstimmungen gezaubert. Die Kostüme von Judith Fischer sorgen für überwältigende Opulenz des 18. Jahrhunderts.

Die Sensation ist allerdings die Sängerbesetzug. Wer glaubt, nur in Pesaro (dem Mekka aller Rossinianer) könne man gute Rossinistimmen hören, wird in Dessau eines Besseren belehrt. Man hat ein Ensemble aufgeboten, das jeder Hauptstadtoper zur Ehre gereichen könnte.

Der italienische Tenor Enrico Iviglia, ein hohen- und koratursicherer tenore di grazia mit sehr viriler, durschlagender, beweglicher, sehr kultivierter Stimme singt den Grafen Almaviva. Ein Glücksfall von Rossinisänger.

Den Doktor Bartolo, geprellter Alter, singt der in Sofia geborene Bass-Bariton Kostadin Argirov. Fabelhaft, wie er die technisch anspruchsvolle Arie „A un dottor de la mia sorte“ als brilliantes Charakterstück gibt, das schnellste je geschriebene Buffo-Plappern.

Die international gefeierte, in London geborene Sopranistin Ania Vegry singt mit betörender Stimme, fulminanter Höhe und bewundernswerter Koloraturengeläufigkeit die Rosina. Nicht nur deren Cavatine „Una voce poco fa“ wird vom Publikum frenetisch bejubelt.

Einer der herausragenden baltischen Sänger seiner Generation ist der litauische Bariton Modestas Sedlevičius. Er singt den verschlagenen Barbier Figaro als Dr. Nosferatuhafte markante Erscheinung mit beeindruckender Stimme und souveräner Spiellust jenseits aller Konventionen. Seine Auftrittsarie „Largo al factotum“ – einer der berühmtesten Ohrwürmer Rossinis – ist ein Meisterstück der Charakterisierung dessen, was der Rossinispezialist Richard Osborne als „Manifestation der uralten Antriebskraft“ und „Verkörperung des libidinösen élan vital“ nennt.

Eine Wucht als Basilio ist der südkoreanische Bassist Don Lee ist. Seine unwiderstehliche, vom Publikum äußerste beliebte Verleumdungs-Arie „La calunnia è un venticello“ schlägt tatsächlich ein wie die hörbare Kanonenkugel.

Aber auch das übrige Sängerensemble ist vorzüglich, der von Sebastian Kennerknecht einstudierte Chor zuverlässig und die Anhaltische Philharmonie Dessau spielt ohne Fehl und Tadel, wenn auch etwas eingebremst im ersten Teil des Abends und – für Rossini – viel zu tief im großen Graben des Dessauer Theaters versenkt. Wäre es auf Höhe der Bühne plaziert, es hätte brillianter und transparenter geklungen, hätte sich besser an „Spiel“ und Gesang beteiligt.

Die griechische Dirigentin Elisa Gogou, seit der Spielzeit 2016/17 erste Kapellmeisterin und Stellvertreterin des Generalmusikdirektors der Anhaltischen Philharmonie Dessau, hat bewundernswert alles „richtig“ gemacht bei diesem Rossini, verfügt über Rasanz und Tempo, Kraft und Chuzpe, diese Musik zu verlebendigen. Es fehlt ihr allerdings das „leichte Händchen“, italienische Eleganz und Frechheit. Es ist ein etwas schwerfälliges, zuweilen bedächtiges Dirigat. Nichts desto ein unerwartet großer Abend!

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