Sängerfest an der Bastille – Die Pariser Oper glänzt mit Giacomo Meyerbeers Gand opéra „Les Huguenots“


(nmz) -
Wenn man diesen neuen „Les Huguenots“ von Giacomo Meyerbeer in der Pariser Opera Bastille lauscht, dann könnte man auf die Idee kommen, dass dieses Genre vielleicht doch am besten bei den Franzosen aufgehoben ist. So perfekt kommt das aus dem Graben und über die Rampe! Das ist natürlich eine Schnaps-, pardon, Rotweinidee, die man gleich wieder zur Seite legt. Es gehört zu den Vorzügen ambitionierter mitteleuropäischer Opernhäuser, sich in den letzten Jahren dem Genre Grand opéra zu stellen. Ob in Brüssel, Nürnberg oder Berlin – um allein bemerkenswerte „Hugenotten“-Interpretationen der letzten Jahre zu nennen. Manchmal nimmt man bei diesem Aufbruch zu neuen (alten) Ufern auch vokale oder stilistische Verluste in Kauf. Dennoch: der Gewinn fürs Publikum ist größer.
02.10.2018 - Von Joachim Lange

Gerade die „Hugenotten“ sind nicht nur ein spectacle, wie der französische Programmzettel so charmant wahrhaftig vermerkt. Sie reflektieren mit der Bartholomäusnacht ein Gemetzel, das nicht nur im kollektiven Gedächtnis Frankreichs eine traumatische Ablagerung bildet. König Henri IV. brauchte nach dem Blutbad, das die Katholiken unter den Protestanten anrichteten, von 1572 bis zum Toleranzedikt von Nantes noch ganze 26 Jahre! Die Geschichte die Eugène Scribe und Émile Deschamps um die reale Gattin Heinrich von Navarras herum, dicht der realen Historie auf der Spur, erfunden und zum Libretto für eine der größten Opernerfolge Meyerbeers gemacht haben, mündet in genau dieser Blutnacht. Die Annalen verbuchen nach der Pariser Uraufführung 1836 bis 1914 über tausend Vorstellungen allein in Paris! Dabei ist die Pflege der Grand opéra als Gattung auch dort, am Ort ihrer Entstehung und größten Blüte, erst in der letzten Zeit wieder in den Fokus geraten. 

Musikalisch spektakulär

Was in der Bastille jetzt musikalisch geboten wird, ist gelinde gesagt spektakulär. Selbst im aufbäumenden Forte der Chöre bleibt das eine hochkultiviert klingende Veranstaltung. Was man als besonders wohltuend empfindet, wenn einem noch der Laustärke-Rekordversuch mit Korngolds „Toter Stadt“ am Tag davor in der Komischen Oper Berlin in den Ohren klingt. Während sich der musikalische Chef der Opéra de Paris Philippe Jordan im Palais Garnier einer Novität (Berenice) widmet, lässt Michele Mariotti das französische Spitzenorchester im großen Haus vom ersten Ton an in Hochform spielen. Man kommt keine Sekunde auf die Idee, dass man das auch anders, weniger geschmeidig und glühend, dabei eben auch eloquent und in dieser Lautstärke und Balance spielen sollte, wie die Musiker unter Mariotti es exerzieren. Es ist eine Lehrvorführung in Grand opéra. Wagners berüchtigtes Bonmot über Meyerbeer von der Wirkung ohne Ursache wirkt da besonders giftig und kleinkariert. 

Außerdem ist ein Protagonisten-Ensemble auf der Bühne, das man in der Ausgewogenheit und Qualität wohl nur in Paris zusammenbekommt. Nicht nur, weil sie die Königin Marguerite de Valois verkörpert ist sie an der Spitze zu nennen: Lisette Oropesa präsentiert die halsbrecherischsten Arien ganz leicht, selbstverständlich und ohne Druck. Perfekte Piani krönen ihre wahrhaft königlichen Auftritte. Eine Perfektion, die die Pariser mit ausgiebigem Szenenapplaus belohnen. Im Verlauf des knapp fünfstündigen Abends kommt aber auch Ermonela Jaho als Valentine an diese vokale Präsenz heran. Da sie die Tochter des katholischen Oberscharfmachers des Grafen de Saint-Bris verkörpert und sich auf die Seite von dessen Opfern schlägt, kann sie die Chance einer Entwicklung ihrer Figur natürlich voll ausspielen. Der unmissverständlichen Kraft, mit der Karine Deshayes den Pagen der Königin in den Raum stellt, traut man diesem Urbain vokal deutlich mehr zu, als nur die Rolle des Dieners. Bei den Männern stattet Yosep Kang den Raoul de Nangis mit all der Leidenschaft aus, die der männliche Held auf der Seite der Hugenotten braucht. Nicolas Testé ist als Marcel der kraftvolle und sangesfreudige Diener Raouls, dem es vor allem Luthers „Eine feste Burg…“ angetan hat. Er ist so standfest im Glauben und bei Luther, dass er sich – zumindest bei seinen ersten Aufritten kaum von der Stelle rührt. Eigentlich müsste man neben Paul Gay als dem arroganten Saint-Bris alle seine katholischen Kumpane nennen. Jeder trägt sein Schärflein zu einem Sängerfest bei, das es auch in Paris so nicht aller Tage gibt. 

Wohlfühlästhetik der Bühne

Und die Regie? Ob Stéphane Lissner sich den prominenten deutschen Regisseur an die Seine geholt hat, um dann dieses Resultat zu bekommen? Was Andreas Kriegenburg hier abliefert hat, grenzt fast an eine intellektuelle Verweigerung. Wenn schon in einer Einblendung zum anfangs blutüberströmten Portalrahmen das Jahr 2063 aufgerufen wird, dann müsste man bei der historischen Steilvorlage aus dem 16. und 19. Jahrhundert in Frankreich doch mindestens die hypothetische (oder alternative) Geschichte nach der „Unterwerfung“, wie sie in Michel Houellebecq an die Wand gemalt hat, zumindest mitdenken. Und nicht auf solchen stilisierten Schnickschnack in drei Etagen und jeweils ein paar Abteilen ausweichen, wie das in der Wohlfühlästhetik der Bühne von Harald B. Thor und in den Kostümen von Tanja Hofmann (Marke: Maskenball zum Thema Bartholomäus-Nacht) der Fall ist. Zwischen der Amüsiergesellschaft des ersten Aktes wuseln permanent Kellner in Weiß mit Tabletts voller Sektgläser, während sich die bekanntlich sinnenfreudigen Katholiken dauernd an ein paar Schönheiten in Ganzkörperschwarz zu schaffen machen. Für die Protestanten ist natürlich Schwarz-grau angesagt. Einem von ihm verbinden sie Augen und spielen Blinde Kuh mit ihm. 

Beinahe-Nichtregie

Im zweiten Akt, bei der Königin, geht es dann birkenstammhell und heiter am Wasser zu. Schulterfreie oder barbusige Schönheiten plaudern, planschen und bewundern die trällernde Königin. Alles schick und so unpolitisch und zeitlos wie es nur geht. Noch schlimmer wird es, wenn Volk angesagt ist. Das erinnert dann an ein aufgeräumtes Brueghel-Bild. Das vorne sogar einer zu malen versucht. 

Das Ärgerlichste an dieser Beinahe-Nichtregie ist, dass Kriegenburg die Auseinandersetzung mit den genreeigenen Tableaus gar nicht erst sucht. Er gibt gleich auf und arrangiert sie. Symmetrisches Rumstehen, mit konventionellen Operngesten gemischt und ein wenig Hintergrundwuseln. Das es sowas noch gibt und ausgerechnet ein deutscher Regisseur es dem Pariser Publikum zumutet, das erstaunt schon. Von den Tableaus löst er sich, selbst wenn gemetzelt wird, nur widerwillig. Wenn man genau hinschaut werden in seiner Bartholomäusnacht vor allem wenig bekleidete Frauen von den Katholiken ermordet. Was dann das halbe Dutzend Frauen soll, die in Freizeitkleidung von heute von der Garde der Königin (die wir vorher als um Ordnung und Deeskalation bemüht kennen gelernt hatten) mit Pistolen erschossen werden, während doch so überdeutlich, dass es albern wurde, die Messer gewetzt worden waren (natürlich in Tableauformation) das bleibt sein Geheimnis. 

Insofern macht dieser musikalisch so grandiose Abend auf die nächste szenische Deutung neugierig: Diesmal in der Semperoper in Dresden unter dem neuen, Grand opéra-affinen Intendanten Peter Theiler und mit dem aktuellen Regisseur des Jahres Peter Konwitschny!