Versöhnt euch denn ihr Brüder – „Abraham – eine Oper von heute“ beim düsseldorf festival! uraufgeführt


(nmz) -
Oper und Kirche, Oper in der Kirche. Das Spiel mit dem Schein an einem Ort, wo er nicht vorgesehen ist? Geht und darf, sagt die Praxis. Auch in Düsseldorf. Dort sind die Bedingungen sogar derart günstig, dass die Liaison eine bemerkenswerte Weiterung erfahren hat: Oper durch Kirche.
15.11.2014 - Von Georg Beck

Verantwortlich dafür die erfreulich energetische Verbindung zwischen dem Kantor der evangelischen Johanneskirche und der künstlerischen Leitung eines seit mehr als 20 Jahren in der Stadt gut etablierten Herbstfestivals. 1991 ist man an den Start gegangen: „Kleinkunst und Konzerte in Kneipen und Kirchen“. Eine schöne Alliteration und ein ebenso schönes Motto. Mittlerweile ist aus dem charmanten „Altstadtherbst“ mit Rücksicht auf die internationalen Sponsoren ein potentes „düsseldorf festival!“ geworden. Die Kugeln, die man in die Umlaufbahn schickt, sind schwerer, gewichtiger geworden. Schon in den zurückliegenden Festival-Ausgaben hat man an den Big-Playern Oper und Tonhalle Maß genommen und großformatige Produktionen auf die Beine gestellt. Mit dabei, im Huckepackverfahren, auch die Stadtkirche. Dergestalt konnte Kantor Wolfgang Abendroth mit dem Einakter Savitri von Gustav Holst und Verdis Erfolgsstück Nabucco schon in der Vergangenheit seine Vorliebe fürs Téte-à-téte Oper und Kirche an den Tag legen. In dieser Spielzeit nun ist eine bemerkenswerte Neuerung hinzugekommen. Das von Christiane Oxenfort und Andreas Dahmen auf hohem Sponsoren-Niveau in Schwung gehaltene Festival-Netzwerk hat ermöglicht, auch als Produzent und Auftraggeber auf den Plan zu treten.

Beim Jazzmusiker Daniel Schnyder, einem gebürtigen Schweizer, der seit vielen Jahren in New York lebt, hat man sich eine abendfüllende Oper bestellt und sie von Gregor Horres in Szene setzen lassen. Mit dem sympathischen Zug wesentlicher Beteiligung interessierter Laien in Gestalt der kooperierenden Kirchenchöre Johanneskantorei Düsseldorf und der der Bonner Kreuzkirche. Was insofern erwähnenswert ist als die Festival-Innovation Oper durch Kirche hier doch ganz offensichtlich eine zusätzliche produktionsästhetische Bedeutung erlangt. Man ist eben Auftraggeber und Akteur. Womit sich die Frage nach den speziell künstlerischen Resultaten der jetzt als Uraufführung gezeigten Produktion „Abraham – eine Oper von heute“ noch ein weiteres Stückchen relativiert. Wer wollte, konnte es ihr bereits an der Nasenspitze ansehen. Am Ende schließlich, nach zweistündigem ausstattungsintensivem Spielgeschehen, dem der Publikumsbeifall einer gut gefüllten Johanneskirche sicher war, hatte sich Schnyders Abraham-Oper als modernes protestantisches Tendenzstück zu erkennen gegeben. Wogegen nichts zu sagen ist, nur dass es doch gesagt werden muss.

Ein Hauch von Kirchentag breitete sich spätestens dann aus als Horres die Akteure auf der im Kirchenschiff aufgebauten Hochbühne in eine Tafel- und Feierstimmung fallen ließ, in der alle zuvor so heftig verhandelten Konflikte weggeblasen waren. Ein Zwang zur Versöhnung, mit dem der Komponist und Librettist Daniel Schnyder von vornherein nicht nur kein Problem hatte, sondern was ihm Herzensanliegen gewesen ist. Dem Programmheft durfte man entnehmen: „Durch die Rückkehr der Hagar als Ketura, die Wohlriechende, hat mein Werk ein freundliches Ende; die Patchwork-Familie kommt wieder zusammen und die Brüder versöhnen sich. Das ist natürlich eine Art Wunschgedanke, eine Vision, eine Epiphanie, wenn man die aktuellen Geschehnisse verfolgt. Doch ich möchte zeigen: Die Stämme Abrahams können und sollten in Frieden wieder zusammenfinden.“ Muss man kurz erklären. Patchwork-Familie: Gemeint ist die schon in 1. Mose Kap. 16 bezeugte Dreiecks-Verbindung Abraham-Sarah-Hagar. Mit einer Abraham-Ehefrau, die ihre betrauerte Kinderlosigkeit durch einen Leihmutterdeal zu kompensieren trachtet. Sarah (16,2 in der Lutherübersetzung) zum Patron: „Geh doch zu meiner Magd, ob ich vielleicht durch sie zu einem Sohn komme.“ So wird’s gemacht, wodurch natürlich die Pandorabüchse weit offen ist: Eifersucht, Rachewünsche, Vertreibung. Was der Autor von 1. Mose im Prinzip so stehen lässt. Schnyder aber nicht. Letzterer ist aus auf die Versöhnung der Brüder! Gemeint sind Isaak und Ismael, womit den besagten „Stämmen Abrahams“, den jüdischen und (heute sagen wir) palästinensischen, ein protestantisch wohlmeinender Weg zum Frieden aufgezeigt ist.

Ein Gestus, den Schnyders Musik im Übrigen bereits mit den ersten Takten kund tut. Als ebenso versierter und auch selbst im Festivalorchester mitspielender Jazzsaxophonist hat er seine Partitur gewissermaßen um seine süffigen Ethno-Kantilenen herumgeschrieben. So konnte von Anfang an auch keinerlei Zweifel aufkommen, wie diese Geschichte ausgehen würde. Stilistisch will Schnyder niemandem auf die Füße treten. Ein bisschen Gospel, ein bisschen Musical, ein bisschen Broadway. Und ein psychologisierend-menschelndes Libretto, das leider dazu verurteilt ist, ohne Andeutung, ohne Geheimnis auszukommen. Weitgehend ironiefrei. Nur einmal, in einer dadaesk-zungenbrecherisch angelegten Ismael-Arie auf „gusgus“, auf „gugu“ und eben auf „dada“ schimmerte von fern so etwas auf wie Kurt Weill- und Charles Chaplin-Komik. Was aber ebenso bald wieder vom regierenden Deklamationspathos abgewürgt ward. Dabei hatte man mit Mischa Schelomianski (Abraham), Theresa Nelles (Hagar) und Rena Kleifeld (Sarah) in den Hauptrollen ansprechende, schöne Stimmen ins Boot geholt. Freilich blieb unerfindlich, weshalb sie verstärkt wurden. Vielleicht, dass hier das Musical-Vorbild durchgeschlagen ist. Im Endeffekt jedenfalls trug dies entscheidend bei zum Eindruck eines durchgehenden Überdrucks dieser Produktion. Ein ziemlicher Querstand zur eigentlich intendierten improvisatorischen Lockerheit, die Schnyder in immerwährend schwelgend-groovende Linien übersetzte, mit denen er Chor und Festivalorchester beschäftigte. Kantor Wolfgang Abendroth am Pult dabei sehr souverän, wenngleich man den Eindruck nicht los wurde, dass sein etwas kantiges Dirigat nicht recht passte zum schleifendem Idiom dieser World Music. Einer, an der nichts ist, was nicht ubiquitär wäre. Nicht anders die bedeutungsschwangeren Kanjo Také-Videos: Kerzenmeer, Flammengezüngle, Kreuz-Davidstern-Halbmond als triadisches Ballett und dergleichen mehr. Unterm Strich dann doch eher ein Abend der länglichen Natur. Bliebe die Hoffnung (die ja gerade in solchen Fällen zuletzt stirbt), dass man es beim nächsten Anlauf vielleicht auch einmal probiert mit der „Oper von morgen“.

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