Wenn Mord verbindet … – Bedřich Smetanas Oper „Dalibor“ an der Oper Frankfurt


(nmz) -
Die Oper Frankfurt widmet sich Bedřich Smetanas Oper „Dalibor“ mit musikalischer Sorgfalt, die Inszenierung entgeht freilich nicht ihren Tücken. Einige Aspekte habe Regisseurin Florentine Klepper links liegen lassen, meint unser Kritiker vor Ort, Joachim Lange. Geboten werde jedoch allemal musikalisches Wohlbefinden und fast durchweg hohes vokales Niveau.
25.02.2019 - Von Joachim Lange

Einige Opern der drei großen tschechischen Komponisten Bedřich Smetana, Antonín Dvořák und Leoš Janáček haben ihren festen Platz im Repertoire. Janáček gleich mit einem halben Dutzend. Bei Dvořák ist Rusalka die zuverlässige Platzhalterin und Smetanas Verkauften Braut gehört sogar in die Rubrik populärer Kassenfüller.

Aber ein klein wenig so etwas wie ein schlechtes Gewissen dürfte die Spielplanmacher in Deutschland gegenüber der kleinen, aber produktiven Nachbar-Musiknation wohl doch immer mal beschleichen. Über das ehrenwerte Bemühen dagegen etwas zu tun, wird es auch sein Dreiakter „Dalibor“ aus dem Jahr 1868 (nach Augsburg im vorigen Jahr) zu einem Platz im aktuellen Premierenreigen der Oper Frankfurt gebracht haben.

Weil der Anlass seiner Uraufführung im Neustädter Theater in Prag 1868 die Grundsteinlegung des tschechischen Nationaltheaters lieferte, war „Dalibor“ sogar als Nationaloper gedacht. Und das, obwohl ursprünglich ein deutsches Libretto von Josef Wenzig zu Grunde lag. Sein Singspiel „Libusa“, mit dem das Nationaltheater dann 13 Jahre später eröffnet wurde, brachte es auf Anhieb zu dieser Ehre.

„Dalibor“ ist eine hochdramatische, tragisch endende Rittergeschichte. Mit einer solchen Überdosis von Zufällen und jähen Wendungen, dass die der Rezeption immer wieder ein Bein stellen. Der Held ist wegen eines Tyrannenmordes (zunächst zu lebenslänglich) verurteilt. Er hat aber wegen seines Edelmutes viele Anhänger, die ihn lieber in Freiheit sehen wollen. Ganz ähnlich wie Eleonore ihren Florestan will Milada ihn aus dem Kerker befreien. Als Mann verkleidet im Dienste des Kerkermeisters Beneš (Thomas Faulkner) – man kennt das. Nur bezahlt Roccos böhmischer Kollege seine Naivität beim Umgang mit dem Personal, als die Sache auffliegt, mit dem Leben. Milada ist aber keine liebende Ehefrau, sondern die Schwester des von Dalibor aus Rache für den Tod seines Freundes Zdeněk getöteten Burggrafen. Wie das Leben so spielt: Milada verliebt sich während des Prozesses in Dalibor. Und will ihn retten. Das große – schon etwas absurd daherkommende – Liebesduett zwischen den beiden im Kerker klingt in seiner pulsenden Ausführlichkeit so, als wollte sich Smetana mit den Liebesduett-Prunkstücken in Wagners Tristan und Isolde oder Berlioz’ Dido und Äneas im Karthago-Teil der Trojaner messen. Abgesehen davon wird musikalisch vor allem Dalibors Liebe zum ermordeten Freund beglaubigt. Ein Aspekt den Regisseurin Florentine Klepper links liegen lässt, weil sie sich mehr auf Dalibors Statement „Macht gegen Macht ist das Weltgesetz“ konzentriert. Und das dann illustriert.

In vokaler Hochform

Beim Liebesduett im Kerker laufen der sehr lyrische aber dennoch kraftvolle tschechische Heldentenor Aleš Briscein als Dalibor und die fabelhaft leidenschaftliche Izabela Matuła als Milada zu vokaler Hochform auf. Der Befreiungsversuch misslingt, der Kommandant der Wache Budivoj (Simon Bailey) besteht beim König auf einer Hinrichtung Dalibors. In der Frankfurter Inszenierung setzt die Regisseurin noch eins drauf. Hier kommt es am Ende zu einem Putsch der Schwerbewaffneten (mit Sonnenbrillen wie weiland Pinochet), die gleich noch den König und den Kommandanten ausschalten und selbst die Macht übernehmen. Wobei Vladislav (sehr nobel und präsent: Gordon Bintner) nicht der König ist, sondern ein eitler, aber dann doch von Skrupeln befallener Showmaster im Fernsehen. Genau hier liegt das Problem dieser Produktion. Klepper,  Boris Kudlička (Bühne) und Adriane Westerbarkey (Kostüme) versuchen nämlich so ambitioniert einen Kurzschluss zwischen Ritterlegende und heutigen Machtmechanismen, samt Aufbegehren dagegen, herzustellen, dass die entsprechenden (Über-)Leitungen gelegentlich durchschmoren.

Durchschmorende (Über)-Leitungen

Alles beginnt als TV-Show mit einem Fernsehgericht, samt Verhaltenshinweisen für das anwesende Studiopublikum. Der Prozess endet mit einer Verurteilung bei der Dalibor eigenartige Fesseln und ein seltsam verdrahteter Kopfputz (zur Messung der Hirnströme? zur Gedankenkontrolle?) angelegt werden. Was Show bleibt, Wirklichkeit oder eine Art Truman-Show ist, wird nicht ganz klar. Einerseits gibt es einen Raum mit Überwachungsmonitoren. Andererseits sitzt der Gefangene wie der Proband eines Versuches zwischen lauter Kameras, also offensichtlich noch im Studio. Seine Anhänger machen vor den geschlossenen Toren des Studios maskiert Rabatz. Wenn der Mann an den Bildschirmen (sprich der Kerkermeister) mit einer Schlinge um den Hals ausgeschaltet wird, ist die Show endgültig vorbei. Und die finale Katastrophe ist nicht aufzuhalten.

Musikalisch ist die Nähe zu Wagner nicht zu überhören, ebenso wenig wie die zum Sujet der Befreiungsoper „Fidelio“ zu übersehen ist. Stefan Soltesz und das Frankfurter Opern- und Museumsorchester verleugnen diese Nähe nicht, betonen das romantische Anschmiegen der Musik an die Hörgewohnheiten und Smetanas melodischen Atem. Geboten wird allemal musikalisches Wohlbefinden und fast durchweg hohes vokales Niveau. Schade, dass es der Inszenierung nicht gelingt, die Tücken des Stückes wirklich offensiv und überzeugend aufzugreifen. Interessant ist der Abend schon deshalb, weil dieser Teil der Musik Smetanas deutlich seltener zu hören ist, als die Moldau oder die Verkaufte Braut.

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