Zärtliche Zukunftsmusik – Leoš Janáčeks „Jenůfa“ an der Berliner Lindenoper


(nmz) -
Coronabedingt fand die Online-Premier per Livestream am 13. Februar 2021 statt, jetzt erst gab es als zweite Vorstellung die eigentliche Premiere vor Publikum live Unter den Linden. Eine weithin neue Besetzung wurde anberaumt, der Dirigent wurde ausgewechselt und man spielte die Brünner Fassung von 1908, hrsg. von Charles Mackerras, der sich große Verdienste um die Janáček-Aufführungspraxis erworben hat.
23.05.2022 - Von Dieter David Scholz

Die Oper, an der Janáček gute zehn Jahre arbeitete, ist heute eine der meistgespielten Opern des 20. Jahrhunderts. Wurde sie früher in verschiedenen Bearbeitungen und Übersetzungen gegeben, hat sich mittlerweile die Brünner Fassung auf den Bühnen durchgesetzt. Das Ringen um den „wahren“ Janáček währte lange. Ulrich Schreiber sprach zurecht von „Weltmusik aus der Provinz“, denn Janáček ist nichts weniger als die Erfindung einer mährischen Klangrede aus dem Alltagstonfall seiner dörflichen Heimat gelungen. Janáček bekannte: „Die Kunst in der dramatischen Komposition ist, die Melodie der Sprache zu komponieren, hinter welcher wie durch einen Zauber das menschliche Wesen in eine gewissen Lebensphase erscheint.“

Bis heute ist die mährische Dorfgeschichte mit (aus Angst vor Schande) verheimlichter Mutterschaft, Kindsmord, männlicher (machistischer) Gewalt, Alkoholismus, Rollenzwängen und Unterdrückung der Frau überwältigend in ihrer dramatischen und musikalischen Wucht, trotz oder wegen ihrer tragischen Komponente, die in eine finale Vision der Erkenntnis der echten Liebe (jenseits bloßer Leidenschaft), des Verzeihens und Verstehens mündet.

Damiano Michieletto (längst als einer der interessantesten unter den jüngeren italienischen Regisseuren gehandelt) inszeniert das realistische Stück über einsame Menschen jenseits mährischer Dorfgeschichten als ein grundsätzliches universelles Stück moderner Menschen (die Carla Teti auch so kostümiert). Die Inszenierung hat nichts tümelndes, folkloristisches. Sie ist ernst, zeitlos, konzentriert aufs Wesentliche und symbolisch. Sie lebt von einer zentralen Metapher, die einen milchig weißen, zeitlos modernen Raum der transparenten Scheiben und Schleier mit nur wenigen Requisiten dominiert: das Grab des Kindes, das Eis.

Ein riesiger, den ganzen Bühnenhimmel beherrschender Eisberg senkt sich langsam vom Bühnenhimmel herab (im Libretto ist mehrfach davon die Rede, dass ein Stein auf Jenůfa, Laca oder die Küsterin herabfalle oder sie beschwere!). Die Küsterin ertränkt das Kind Jenůfas unter dem Eis in der Hoffnung, mit dem Tod des unehelichen Kindes Schande abzuwenden und früheres Glück zurückzubringen. Aber damit beginnt die Tragödie und zerstört ihr Leben. So wird das Eis zur „Metapher der Schuld.“ Michieletto setzt sie souverän und suggestiv ein. Seine Personenführung ist ohne alle Opernkonventionen, anrührend und erschütternd, präzise und unroutiniert. Steva bringt bei einem ersten Auftritt einen Eisblockmit, den er später zerhacken wird, ein Zeichen für das von ihm ungewollte Kind. Immer wieder spielt Eis eine Rolle es in der Inszenierung. Am Ende findet sich das Paar Jenůfa-Laca zu wahrer Liebe, bleibt der narzisstische Steva allein zurück und die Küsterin, hat einen Prozess der Selbsterkenntnis (ihrer Eigenliebe) durchlitten und erstarrt unterm vor Schmelzwasser tropfenden Eisberg. Sie wird nicht gesteinigt oder abgeführt. Ihr Untergang, wie der Tod aller weiblichen Geschöpfe hat bei Janáček hat im Gegensatz zu denen Puccinis, nichts von Sadismus, aber auch nichts von geistig-moralischer Wandlung à la Strauss oder Sendungsbewusstsein wie bei Wagner. Janáčeks Menschen gehen nach Meinung des Komponisten „mit ihrem Ende zurück in jenen Weltgrund, aus dem sie gekommen sind, um sich wiederum mit dem All der Schöpfung, von dem sie als Kreatur ein Teil sind, zu vereinigen.“ Das ist – neben Verstehen und Verzeihen menschlicher Fehler – die humane Botschaft auch dieses Stücks. Michielettos abstrakte aber einleuchtend-sinnige Inszenierung macht es deutlich.

Sängerisch ist die Aufführung nichts weniger als hervorragend zu nennen. Die alte Burya wird von Hanna Schwarz souverän ehrwürdig vorgetragen. Der Tenor Stephan Rügamer singt einen stimmschönen, draufgängerischen Laca, der sibirische Tenor Alexey Dolgov einen nicht minder eindrucksvollen Steva Evelyn Herlitzius (unvergessen als Emilia Marti in Janáčeks „Die Sache Makropoulos“) verkörpert die moralische Dorfautorität der Küsterin hinreißend in Spiel und Gesang. Die Jenůfa der litauischen Sopranistin Asmik Grigorian lässt es an Anmut, Stimmkraft und leuchtend warmem Timbre nicht mangeln; ein Idealfall diese Besetzung. Aber auch das übrige große Sängerensemble lässt keine Wünsche offen. Staatsopernchor und Staatskapelle Berlin singen und spielen ohne Fehl und Tadel.

Glücksfall Thomas Guggeis

Dirigentisch ist die Aufführung unter Thomas Guggeis eine Sensation. Der 29-jährige Dirigent, seit 2020/21 den Titel Staatskapellmeister der Staatsoper Berlin und hochbegabter Adlatus, Assistent und nun auch Vertreter Daniel Barenboims bei der Tournee des von Barenboim gegründeten und geleiteten West-Eastern Divan Orchestra, hat enormen Sinn für den slawischen Expressionismus, die changierenden Farben, die Zwischentöne, die Rhythmen und Überlagerungen verschiedener Schichten, Strukturen und Reibungsflächen der Musik Janáčeks. Er zelebriert sie nicht plakativ und knallig, sondern sehr subtil, ja fast zärtlich. Er lässt den leisen Janáček zu Wort kommen, ohne dessen kraftvolle und lautstarken Steigerungen und Ausbrüche zu vernachlässigen. Er lässt die immer wieder in plötzliche Lyrismen ausbrechende Musik zu ihrem (fast puccinihaften) Recht kommen und beglaubigt zugleich die Progressivität dieser „Zukunftsmusik“. Er ist bester Anwalt der vergleichslosen Energetik und humanen Kraft der Musik Janáčeks – ein Glücksfall, dieser Dirigent.

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