Zum Heulen schön – Antonín Dvořáks „Rusalka“ an der Semperoper Dresden


(nmz) -
Die Nixe Rusalka liebt einen Prinzen, dem sie am See begegnet und will, um für immer bei ihm sein zu können, ein Mensch werden. Mit ihrer Stimme bezahlt sie die Hexe Ježibaba für die Verwandlung und verlässt die bergende Heimat und Familie des Wasserreichs. Rusalkas Erscheinen bei den Menschen entzückt den Prinzen zunächst, doch das magische, stimmlose Wesen bleibt ein Fremdkörper in der Menschenwelt und schließlich wendet sich der Geliebte (verführt von einer fremden Fürstin, die ihn erst gebraucht und dann wegwirft) von ihr ab – was für ihn den Tod und für sie die Verbannung bedeutet, soweit das Märchen.
09.05.2022 - Von Dieter David Scholz

Doch das böhmische Nixenstück zwischen Schilf, Seerosen und moosigem Waldboden ist alles andere als eindimensional. Nun war Stefan Herheims „Rusalka“ doppelbödiges, luxuriöses, aufwendiges Zaubertheater, das weder Bühnentechnik noch Kulissenaufwand schonte. Man versteht, das kann ein Haus allein kaum stemmen.

Schon dir Vorgänger-Inszenierung der Oper „Rusalka“ an der Semperoper (2010) von Stefan Herheim war keine Originalproduktion des Hauses. Auch die neuste Inszenierung ebendort ist eine Koproduktion mit dem Teatro Real Madrid, dem Teatro Comunale di Bologna, dem Gran Teatre del Liceu Barcelona und dem Palau de les Arts Reina Sofía, Valencia. Die Produktion lief erstmals 2020 in Madrid.

Herheim erzählte das Stück in aufwendigem, sich oft verwandelndem Bühnen­bild aus der Perspektive des Wassermanns, eine ungewöhnliche Perspektive. Rusalkas Märchen war bei Stefan Herheim der Alptraum des Wassermanns, der stellvertretend für die Männer schlechthin stand. Herheim holte das Stück in die Moderne. Rusalka war für ihn eine Mischung aus femme fatale und femme fragile, Hure und zugleich madonnenhaftes Ideal männlicher Wunschphantasien, die sich in der bürgerlichen, christlichen Gesellschaft nicht ausleben lassen.

Eine psychoanalytische Lesart des Stücks, die Herheim wagte. Sie stieß allerdings auf kontroverse Reaktionen. Der ebenfalls international arbeitende Regisseur Christoph Loy geht bei seinem Debüt in der Semperoper einen anderen Weg und durfte bei der Premiere ungeteilten Beifall entgegennehmen. Er zeigt die 1901 in Prag uraufgeführte Undinenoper als Gleichnis über den Wert der eigenen Identität, die Bedeutung der menschlichen Seele und die Differenz von Mensch und Natur.

Das böhmische Naturstück wird von Loy zwar nicht gezeigt, aber vom Orchester umso suggestiver akustisch veranschaulicht. Das Libretto von Jaroslav Kvapil ist angereichert mit einer ordentlichen Portion Gesellschafts- und Zivilisationskritik, die Märchenpoesie hat bei ihm eine gleichnishafte Dimension. An die knüpft Christoph Loy an, ohne allerdings die gesellschaftskritische Dimension anzutasten. Umso mehr arbeitet er den Gegensatz von kalter, leidenschaftsloser, reiner Liebe der Naturwesen und böser Menschen-Lust deutlich heraus. Die Polonaise im zweiten Akt (Choreographie: Klevis Elmazaj) lässt keinen Zweifel, sie wird als Ballett der entfesselten männlichen, triebhaften Sexualität gezeigt, das in einer furiosen Orgie gipfelt. Loy zeigt das Stück in einem etwas heruntergekommenen Theater (Bühne: Johannes Leiacker). Für ihn ist das „Theater“ auf dem Theater Metapher für die Schwierigkeit der Kommunikation zwischen Menschen- und Natur- beziehungsweise Märchenwelt. I

m Laufe des Abends drängt immer mehr Natur in Form versteinerter Wellen ins Bild. Die Nymphen tanzen wie Balletteusen im Tutu um Rusalka herum, die zu Beginn der Aufführung auf einem Bett mit verletztem Bein liegt. Sie ist gehbehindert und geht an Krücken. Erst nach ihrer Verwandlung in einen Menschen wird auch ihr Kommunikationsmittel der Spitzen-Tanz, zumal sie ihr Menschsein mit dem Verlust der Stimme erkauft hat. Hinreißend, wie die Sängerin das meistert.

Der Wassermann klagt sein Leid über Rusalkas Schicksal als Theaterdirektor, die Hexe tritt als deftige Kassenfrau auf, Menschen von heute. Exzellent, souverän, einleuchtend hat Johannes Stepanek, ein enger Mitarbeiter Loys dessen Lesart einstudiert. Sängerisch ist die Aufführung phänomenal. Olesya Golovneva ist eine Rusalka von kalter, silbriger Leidenschaft im stimmlichen Großformat. Pavel Ćernoch ist als Prinz ein Glücksfall, ein höhensicherer, männlicher Tenor von enormer Durchschlagskraft und doch auch lyrischen Qualitäten. Auch die Hexe von Christa Mayer und die fremde Fürstin von Elena Guseva lassen es an Stimmgewalt und Dämonie nicht fehlen. Der Wassermann wird von Alexandros Stavrakakis mit makellos samtigem, helltimbriertem Bass verkörpert, eine sängerdarstellerische Autorität. Aber auch das übrige große Ensemble (hervorzuheben das exquisite Nymphenterzett) lässt keinen Wunsch übrig.

Joana Mallwitz (noch Musikchefin am Staatstheater Nürnberg) weiß die Musik Dvořáks vom Pult aus zwischen böhmischer Naturpoesie und spätromantischen Klangrausch beeindruckend zu entfesseln. Mit der nötigen Ruhe, aber auch starker Dramatik und immer wieder rasanten Tempi lässt sie den Abend zum Ereignis werden, an dem freilich die Sächsische Staatskapelle Dresden wesentlichen Anteil hat. Sie zeigt sich in Bestform und stellt wieder einmal ihre instrumentalen Qualitäten, insbesondere der (Holz-) Bläser unter Beweis. Das Orchester spielt zum Heulen schön, zumal im Liebestodfinale des letzten Aktes, in dem der Prinz reumütig zur ruhelos umherirrenden Rusalka zurückkehrt und von ihr in den Tod geküsst wird, was auch ihr Erlösung beschert. Einer der bewegendsten (wirklichen) Liebestode der Operngeschichte.

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