Friederike Haupt spricht mit dem Musikwissenschaftler und Komponisten Yuval Shaked aus Haifa über Beziehungen zwischen palästinensischer und jüdischer Musik
Künstlerbrunch: Yuval Shaked (2.v.li.) beim Workshop in Meran
Musik verstehen kann zum Verständnis der Welt beitragen
5. Oktober 2026, Flughafen Verona, zum Flug nach Tel Aviv mit drei Stunden Verspätung. Prof. em. Yuval Shaked aus Haifa, ein kleiner Mann mit Brille, reiht sich in eine unendlich lang wirkende Menschenschlange ein. Er fliegt nach Hause. Um ihn herum, arabische Familien, einzelne Männer, Frauen in Verschleierung. Er wirkt völlig alleine. Yuval Shaked ist Musikwissenschaftler und Komponist, studierte in den achtziger Jahren in Köln, spricht perfekt Deutsch und er hat gerade in Meran beim kleinen Festival MERANOKLEZMER 26 zwei Vorträge gehalten: Über „Wandernde Melodien“, die Wanderwege jüdischer Musik also, über die Verschiedenheit jüdischer Musikkulturen in Ost und West. Völlig unbekannte Melodien, aus „Ashkenaz“ Deutschland, und aus dem zerstörten „Yiddishland“ in der Ukraine, aus „Sefarad“, dass in Spanien lag bis zur Vertreibung 1492, und aus dem Jemen, das war die erste Auswanderungswelle, noch vor der Zerstörung des zweiten Tempels im Jahr 75 unserer Zeitrechnung, mit einer der ältesten Liturgien. Musikbeispiele zeigten, unterschiedlicher kann Musik nicht sein! Die sakrale Mehrstimmigkeit Lewandowskis in den Reformsynagogen des 19. Jahrhunderts in Deutschland erklang neben uralten Rhythmen und monodischen Melismen bei jemenitischen Zeremonien. Verschiedene Musikkulturen, und doch, etwas verbindet sie. Ist es der Text, die Funktion bei Feiern und Festen, bestimmte kleine Floskeln? Eine unerwartete Thematik, die den Reichtum und die Vielfalt jüdischer Musik beleuchtete und die anwesenden HörerInnen um völlig neue Eindrücke bisher nie gehörter Musik bereicherte.
Und jetzt steht er da, ganz einsam in einer langen Reihe von Menschen, die ihm möglicherweise seine Anwesenheit streitig machen würden, wenn sie gefragt würden. Dabei hat gerade Yuval Shaked mit seinen Studenten in Haifa an der Beziehung zwischen palästinensischer und jüdischer Musik gearbeitet, verbindet Menschen und Menschlichkeit, gründete das „Arab-Jewish Orchestra“ mit Chor als Ensemble mit palästinensischen und jüdischen Studenten. Einmal im Jahr inkludieren sie noch Studenten aus Weimar und touren als „Caravan-Orchester“ durch halb Europa. Friedliches Miteinander funktioniert. Shaked beschrieb auch als erster Musikwissenschaftler die palästinensische Neue Musik. Jetzt aber, nach dem 7. Oktober 23 seien viele Friedens-Initiativen von Seiten bemühter Israelis eingeschlafen, erzählt er, der Terror des Überfalls war einfach zu schrecklich. Das Land, die Menschen, sind noch im Schockzustand, die Antwort in Gaza ist in das Grauen miteinbezogen. Im Interview mit RAI, Radio Italia, und der neuen musikzeitung konkretisierte Prof. em. Shaked anlässlich MERANOKLEMZER 26 seinen musikalischen Denkansatz.
nmz: „Wie kann man denn den Unterschied zwischen jüdischer und arabischer Musik definieren?
Shaked: (…) Unsere arabischen Studenten sind zum Beispiel viel versierter im Auswendiglernen als unsere jüdischen. Die spielen kaum von Noten. Wenn sie Noten haben, dann als Rohmaterial, dann spielen sie, improvisieren, paraphrasieren, parodieren, alles Mögliche. Das Grundmuster arbeitet weiter, sozusagen, und daran denken sie. Das ist ganz toll. Das merken sie sich auch. Und das geht bei ihnen sehr schnell. Man sagt arabischen Musikern, ich spiele Dir jetzt etwas vor - und binnen kürzester Zeit spielen sie es nach. Und dann wissen sie es schon. Die merken es sich ganz genau. Noten sind kein Faktor dabei. Man macht Musik gemeinsam, und wenn morgen meinetwegen noch ein Instrumentalist dazukommt, und er spielt mit, dann muss er sich zurechtfinden, ohne Noten…
nmz: Denn er kennt ja die Maqamat, die Tonleitern…
Shaked: Genau, es gibt eine begrenzte Anzahl von Modi, von Tonleitern und rhythmischen Formeln. Es gibt auch unter diesen Formeln populärere und weniger populäre, (lacht), so dass sie ganz schnell erkennen, in welchem Maqam jetzt gespielt wird, und sie spielen mit.
nmz: Gehört denn das Tonmaterial und der Rhythmus zusammen?
Shaked: Man kann sie in verschiedenen Kombinationen zusammenfügen. Es ähnelt indischer Musik - es gibt Talas (Rhythmen) und Ragas (melodisches Material). Das Prinzip ist eigentlich im Großen und Ganzen das gleiche.
nmz: Und inwieweit sind die synagogalen Modi, also „Ahava Raba“ oder „Mi sheberach“, diese liturgischen Tonleitern im Gottesdienst, denn vergleichbar mit den arabischen Maqamat? Gibt es da irgendwie Beziehungen?
Shaked: Eigentlich nicht. Es gibt aber eine sehr bekannte Tonleiter („Steiger“ auf Jiddisch), die Du genannt hast, die heißt „Ahava Raba“ (übersetzt: Große Liebe), das ist der Anfang eines liturgischen Textes auf Hebräisch, der zu einer Melodie gesungen wird, die in diesem Modus ist. So hat der Modus diesen Namen bekommen.
nmz: Und die jüdische Tonleiter „Mi sheberach“ das Gleiche? Der Ursprung ist ein Gebet?
Shaked: Das Gleiche.
nmz: Und dann hat sich diese Melodie befreit?
Shaked: Das melodische Material kann man immer emanzipieren und loslösen vom Text. Tonleiter und Modi sind ja ein theoretisches Phänomen.
nmz: …also so, dass ein Musiker aus der Synagoge rausgeht und spielt, was er da gehört hat?
Shaked: „Ja, und dann kommt ein Musikwissenschaftler und sagt, die Tonleiter ist soundso, diese oder diese. Spezifisch der Modus „Ahava Raba“ ähnelt sehr, genauer: er ist identisch mit einem arabischen Maqam, den wir „Hijazz“ nennen. Aber dieser Tetrachord, ja, dieser Doppeltetrachord, kommt in anderen Kulturen genauso vor.
nmz: Ist das nicht auch eine der Kirchentonarten?
Shaked: Nein, da gibt es eine übermäßige Sekunde, die ist sehr unüblich in westlichen Kreisen. So sehr, dass man sie eine Zeit lang mit „jüdischer Musik“ identifizierte. Das ist Quatsch natürlich, denn sie kommt in arabischer Musik genauso vor. Es gibt ein fantastisches Beispiel: Der „Arabische Tanz“ von Béla Bartók. Als ich den Tanz meinen arabischen und jüdischen Studenten vorspielte und nicht sagte, was es ist, meinten sie gemischt, also Araber und Juden sagten, es wäre ein arabischer Tanz. Und andere, ebenso Arabische und Jüdische sagten, es ist ein jüdischer Tanz. Gemischt. Die Antwort war gemischt! Das Tonmaterial ist identisch. Dass ist es genau, auch mit den „Wandernden Melodien“: Letztendlich bekommt eine Melodie ihre Identität nicht primär durch das Tonmaterial, das ist quasi die Voraussetzung. Aber, die Identität bekommt die Melodie durch die Art und Weise, wie man sie ausführt. Und das ist genauso bei Klezmer-Musik. Mittlerweile gibt es lauter Ausgaben in Deutschland, Noten von Klezmer-Musik. Wenn Du diese Noten vor einem Musiker stellst, spielt er die Noten richtig. Aber es klingt eben nicht nach Klezmer. Dazu muss man klezmorisch spielen - das heißt, mit bestimmten „Krechzen“, sagt man auf Jiddisch, mit bestimmten charakteristischen Appoggiaturen und Glissandi. Das heißt, es ist die Art und Weise des Vortrags, nicht primär des Tonmaterials.“
(Anmerkung der Autorin: Schlechte Nachricht für Materialfetischisten, denn hier zeigt sich, der Genpool der Tonleiter alleine bestimmt nicht ihre Identität. Vielmehr bestimmt die Art der Ausführung die Identität. Bei den Wahlen am 27. Oktober in Israel übrigens sind auch palästinensische Parteien zugelassen. Etwa ein Fünftel der Israelis im Kernland sind arabischer Herkunft.)
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