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Komponistin Liza Lim mit Jean Boisserie in seiner Werkstatt. Fotos: Janet Sinica

Komponistin Liza Lim mit Jean Boisserie in seiner Werkstatt. Fotos: Janet Sinica

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Der Klang der verlorenen Stimme

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Die Reinkarnation der gallischen Kriegstrompete Carnyx
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Manchmal liegen in den verschiedenen Schichten der Erdoberfläche anthropologische Geheimnisse über die Vergangenheit tief vergraben, zuweilen sind sie sogar greifbar nah, so wie die keltische Kriegstrompete Carnyx nur wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche lag, als der Archäologe Christophe Maniquet sie am gallischen Heiligtum von Tintignac bei Naves in Frankreich 2004 an der Fundstätte entdeckt.

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Mit einem Filmteam bestehend aus der Videographin Janet Sinica und mir fuhren wir 2025 auf einen Anruf des Trompeters Marco Blaauw hin für eine Recherche nach Frankreich. Initiiert wurde das Projekt durch die australische Komponistin Liza Lim, die einen Kompositionsauftrag der Roche-Stiftung erhalten hatte.

Die Carnyx ist ein Blasinstrument aus Bronze mit einem langen, geraden Hals und einem Wildschweinkopf, der elegant und detailreich gearbeitet ist. Die Mimik des Tiers zeichnet sich durch ein weit aufgerissenes Maul und aufgestellte, geschwungene Ohren aus. Letztere dienen als Schallverstärker und vibrieren lebendig, wenn man es spielt. Die Spielposition des Instruments ist senkrecht: Der animalische Kopf schwebt nahezu über seinem Spieler. Die Gallier nutzten die Carnyx zur Einschüchterung der Feinde und zur Bestärkung der eigenen Männer. Das Wildschwein etablierte sich zum Symbol der Gallier, dass sie später auch in Darstellungen repräsentierte.

Die Überreste des Instruments wurden in einem gallischen Depot unter den späteren Überresten des gallo-römischen Heiligtums entdeckt. Konkret befanden sie sich in einer Grube, die über 500 Fragmente von Objekten aus Eisen und Bronze enthielt, darunter sieben Carnyces aus Bronze, von denen diese als das vollständigste je entdeckte Exemplar gilt. Sie ist heute ausgestellt im „Maison du Patrimoine“ in Naves und diente dem Kupferschmied Jean Boisserie zur Anfertigung einer spielbaren Replik.

Jean Boisserie, den wir in seiner Werkstatt in Cublac besuchten, war ein außergewöhnlich charismatischer und versierter Meister der Kupferschmiedekunst. Er hatte die alleinige Autorisierung zur Nachbildung des archäologischen Fundes und fertigte sie im Austausch mit den Archäologen an. Seine Kenntnisse gingen direkt aus der Untersuchung des Gegenstandes hervor. Körperwissen, Kraft, Geduld und vor allem Präzision flossen darin ein: „If it is not exact I don’t want to bother with it“, erklärte er.

Kurz bevor Jean Boisseries Werk, die von Marco Blaauw gespielte Replik, in Luzern wieder lebendig wurde, erreichte uns Anfang August die Nachricht, dass Jean im Alter von 89 Jahren verstorben ist. Ein Stück der Carnyx geht damit auch von uns, denn er selbst hat einen Teil dieses antiken Wesens verinnerlicht, indem er es in all seinen Gegebenheiten studiert und neu geschaffen hat. Die Frage nach seiner Verbindung mit dem von ihm geschmiedeten Instrument beantwortete er uns lachend mit: „Je suis le carnyx! Für Liza Lim ist die Rekreation des Instruments eine Form der „De-Extinction“. Bei der Suche nach dem Klang der verlorenen Stimme ist aus Sicht der Archäologie klar, dass wir nicht genau wissen können, wie sie gespielt wurde. Ihr Klang variiert, je nach Spieltechnik. Deshalb wurden bereits viele Musizierende verschiedenster Genres und Instrumente gebeten, sie zu spielen. Eine Hornistin und ein Trompeter entlocken ihr beispielsweise andere Sounds als jemand, der Didgeridoo spielt.

Trompeter Marco Blaauw bewegt die Frage, welche Bedeutung die Rückkehr des archaischen Instruments für die zeitgenössische Musik hat. Das Wildschwein war für die Gallier von ungemeinem Wert. Sowohl der lebensbedrohliche Kampf mit ihm, als auch der sättigende Überlebenswert für eine Gruppe von Menschen, sind aus heutiger Perspektive unvergleichbare Erfahrungen.

Es verwundert daher nicht, dass es dem Gegner im Kampf instrumental trotzen sollte. Die Carnyx ist zudem eine mythische Verlängerung des Menschen hin zu einem tierischen Charakter, sie bildet eine Symbiose zwischen beiden. Natur und Kultur verbinden sich, überwinden eine Grenze, die wir in der Moderne viel stärker ziehen, als unsere Vorfahren es getan haben. Sicherlich inspiriert dies, in Anbindung an die anthropologische Vergangenheit, zu einer anderen Art der Interaktion des Musikers mit seinem Instrument.

Die Uraufführung des im Rahmen der Recherche von Liza Lim komponierten Stücks „Tongue of the Land“ fand am 29. August 2026 im Rahmen des Lucerne Festivals statt. Entstanden ist eine 20-minütige Komposition für Orchester und Carnyx, gespielt vom Lucerne Festival Contemporary Orchestra (LFC) und Marco Blaauw an der Carnyx, dirigiert von Elim Chan, die im zeitgenössischen Kontext eine 2.000 Jahre lang ausgestorbene Klangstimme wieder lebendig werden lässt.

  • Die das Projekt begleitende Dokumentation „Je suis le Carnyx“, die Interviews mit Jean Boisserie, Christoph Maniquet, Marco Blaauw und Liza Lim enthält, ist über YouTube frei zugänglich.
  • Zur Uraufführung von Liza Lims „Tongue of the Land“ mit dem Lucerne Festival Contemporary Orches­tra (LFCO) weiter auf S. 7.

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