Furore nannte Renate Matthei ihren Verlag, der bei der Gründung 1986 vor allem eines sollte: Aufmerksamkeit erregen für das bis dato unbeachtete Schaffen und die vielen ungehörten Lebensgeschichten von Frauen im Musikleben. Matthei wollte mit ihren Ausgaben den Werken von Komponistinnen endlich die Chance geben, auf die Konzertbühne zu gelangen. Das provozierte. Bis heute ist Furore weltweit immer noch der einzige Verlag, der exklusiv Werke musikschaffender Frauen für die Bühne, für Orchester, für Kammer- und Solomusizierende, für Chöre aus allen Jahrhunderten sowie Bücher und CDs veröffentlicht, mittlerweile mehr als 3.000 Werke aus unterschiedlichen Epochen, vorrangig Erstausgaben zeitgenössischer und historischer Komponistinnen aus aller Welt.
Renate Matthei. Foto: Ulf Schaumlöffel
Fanny Hensel palettenweise
Dabei war die Gründung des Verlags vor 40 Jahren eigentlich ein Zufall, wie Matthei bekennt, die zuvor in der Wirtschaft als einzige weibliche Gesellschafterin unter zahlreichen Männern tätig war. Damals vernetzte sie sich schnell mit den ersten Vertreterinnen der Frauenmusikbewegung, darunter die Dirigentin Elke Mascha Blankenburg, die Komponistin Barbara Heller und die Musikwissenschaftlerin Eva Rieger. Matthei glaubte von Anfang an an den Bedarf nach Musik von Frauen und an den Erfolg von Furore. Die ersten zwanzig Jahre verliefen aber doch eher mühsam. 2019 führte der erste Katalog mit Musik für Orchester schließlich zu einer deutlichen Absatzsteigerung. Außerdem nahm die öffentliche Anerkennung zu: 2012 Bundesverdienstkreuz am Bande, 2021 Ehrenmitglied des Deutschen Musikrats. Außerdem wurden bereits fünf Furore-Editionen mit dem Deutschen Musikeditionspreis „Best Edition“ ausgezeichnet, sodass sich der Verlag mittlerweile vor Angeboten durch zeitgenössische Komponistinnen, aber auch Forschende bezüglich historischer Werke kaum retten kann.
Fanny Hensels Vokal-, Orchester- und kammermusikalische Werke, mit deren Erstausgaben neben den zeitgenössischen der Verlag gestartet ist, verzeichnen einen besonders hohen Umsatz. Hensels Klavierzyklus „Das Jahr“ gehört zu den am häufigsten eingespielten Werken des Verlags, sodass in CD-Rezensionen endlich zwischen der Qualität des Werks und der Darbietung unterschieden wird. Mit den Vorurteilen, Musik von Frauen sei leichter zu spielen, Dirigentinnen würden mehr Musik von Frauen programmieren und Furore würde sich vor allem an Frauen richten, räumt Matthei entschieden auf. „Unser Kerngeschäft sind praktische Ausgaben verschiedener Schwierigkeitsgrade für den Musikbetrieb, Konzerte ebenso wie die Musikausbildung, und zwar für alle, egal welchen Geschlechts, welcher Herkunft et cetera.“
Immer noch wird Furore im deutschsprachigen Raum als Frauenmusikverlag teils belächelt, während man im Ausland die Expertise schätzt, auch spürbar an den steigenden Angeboten von fremdsprachigen Qualifikationsarbeiten und an der Nachfrage nach mehrsprachigen Ausgaben. Bücher über Mel Bonis und Vivienne Olive lässt Matthei nun ins Englische übersetzen. „Die Gleichberechtigung in Deutschland hinkt hinterher. Im angloamerikanischen Raum und den nordischen Ländern ist man da weiter“, ist sich Matthei sicher und berichtet stolz, dass Furore gerade palettenweise Chornoten von Hensels Kantate „Hiob“ zu einem Chorwettbewerb nach Texas versendet hat, übrigens als einziger deutscher Originalverlag. „Es ist leider trotz eines spürbaren Wandels immer noch ein weiter Weg, bis Musik von Frauen ganz selbstverständlich in die Programme aufgenommen werden wird“, meint Matthei. So fordert sie eine Quote bei der Musikauswahl für politische Anlässe, für Radiosender und Hochschulen bei Prüfungen und Wettbewerben und hofft, dass mehr Ausübende ihre Programme entweder diversitätsbewusst planen oder sich bewusst des Themas Komponistinnen annehmen. „Mein Wunsch wäre, dass Musik von Frauen wirklich gleichberechtigt und ohne gesonderten Hinweis Teil unserer Konzertprogramme wird, und zwar nicht nur bei der Anzahl der Namen, sondern auch bei der Besetzung und Spieldauer.“ Sie sieht darin weder eine Einschränkung der Kunstfreiheit, noch befürchtet sie ein mangelndes Interesse – ihrer Erfahrung nach ist eher das Gegenteil der Fall, so spürte sie bei Konzerten des Jugendsinfonieorchesters Kassel eine große Neugier und Begeisterung für ihr Thema. „Momentan ist leider alles noch singulär und hängt von einzelnen Individuen ab“, bedauert die Verlegerin, die vor Ort in Kassel selbst durch verschiedene Ehrenämter Komponistinnenkonzerte initiiert, so mit wachsendem Erfolg die jährlichen Benefizkonzerte des SI-Clubs Kassel-Elisabeth-Selbert „Mit der Kraft der Musik gegen Krieg, Terror und Gewalt“ am Europatag.
Anlässlich des 40. Verlagsjubiläums gibt es ebenfalls zahlreiche Konzerte in Kassel, zum Beispiel das Luise Greger Festival vom 6. bis 8. November – benannt nach einer um 1900 in Kassel aktiven Komponistin, die dem Verlag besonders am Herzen liegt – sowie weitere Konzerte deutschlandweit, aber auch international, unter anderem die zahlreichen Aufführungen von Hensels Ouvertüre C-Dur im November und Dezember in Bremen, Boppard, Koblenz, Erlangen und München. Besonders freut sich Matthei auf die beiden Neujahrskonzerte in Kassel am 29. und 30. Dezember. Die Aufführung von Luise Adolpha Le Beaus Sinfonischer Dichtung „Hohenbaden“ op. 43, gerade neue herausgegeben, durch die Münchner Symphoniker an Silvester verspricht, als Auftakt ins Gedenkjahr zum 100. Todestags Le Beaus auch ein besonderes Highlight zu werden. Für eine weitere Neuerscheinung, nämlich Ruth Schonthals Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2, das bisher lediglich in der Fassung für zwei Klaviere aufgeführt worden ist, ist der Verlag noch auf der Suche nach einem interessierten Ensemble.
Mindestens ebenso wichtig wie hochkarätige Aufführungen sind Matthei umfassend ausgebildete, kompetente Lektorinnen, weshalb sie den 2023 eingerichteten Masterstudiengang Musikverlagswesen an der Universität Kassel mit anregte, bei dem Furore bereits zwei Mal Praxispartner war. Denn der aus ihrer Sicht gesellschaftlich notwendige Auftrag, das Schaffen von Komponistinnen aufzuarbeiten und zu verbreiten, bleibt perspektivisch auch eine Aufgabe nachfolgender Generationen.
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