Hauptbild
Das Ensemble Intercontemporain unter Susanna Mällki. Foto: Luc Hossepied
Das Ensemble Intercontemporain unter Susanna Mällki. Foto: Luc Hossepied
Hauptrubrik
Banner Full-Size

Katastrophe im Kopf – das Ensemble Intercontemporain mit vier neuen Stücken in Köln

Publikationsdatum
Body

Die Eindrücke des Konzertes des Ensemble Intercontemporain führten zu unterschiedlichen emotional-rationalen Welten. Susanna Mälkki dirigierte Kompositionen, von denen drei in Köln zum ersten Mal nach der Uraufführung in Paris vor drei Tagen zu hören waren. Allen vier Werken lag die Idee einer Grenzerfahrung von erlebter Gleichzeitigkeit zugrunde:

Die Schnelligkeit des Vorüberrasens der Eindrücke in voller Fahrt bei gleichzeitiger Zeitungslektüre; die Traumerlebnisse, die unmittelbar unterschiedliche Bilder auftauchen lassen, die vermeintlich in keinem Zusammenhang miteinander stehen; die Erfahrung sich fremder Kulturkreise in ihrem jeweiligen musikalischen Ausdruck, der doch im Kopf gleichzeitig er-hörbar wird und ein Klang-Echo-Raum des Gleichzeitigen.

Sean Shepherd lässt  in seinem Stück „Blur“ (2011) überlappende Klangbilder entstehen, einzelne als Melodiefloskeln erkennbare Strukturen durchkreuzen das Flirren der Streicherklänge: Unterschiedliche Eindrücke zucken in seine Erinnerung, lösen die Zeitungslektüre im Moment auf, neue heftige Klangbewegungen lösen sich mit vermeintlichem Stillstand ab, nur im Moment, um aber dann weiter zu rasen.

Texu Kim verwandelte in seiner „Toccata Inquieta“ (2011) für Cembalo und großes Ensemble das Instrument des Barock in ein zeitgenössisches Klang-Schlagzeug-Instrument. Dimitri Vassilakis spielte die vertrackten Passagen mit großer Leichtigkeit, die Glissandi glitten in eine unwirkliche Klangwelt, Neu im Alt verschachtelt, unmittelbares Trommelspiel, gedämpfte Blechaktionen, Flageolett-Unwirklichkeit, plötzlich auftauchende Klangbewegungen, Traumassoziationen.

Eine Unmittelbarkeit und eine interessante Mischung aus archaisch anmutenden Klanglandschaften ließ Unsuk Chin in ihrem 2009 uraufgeführten und nun ergänzten Stück „Gougalon – Szenen eines Straßentheaters für Ensemble“ hören. Fast ein Schlagzeugballett war erforderlich, um die beiden Musiker rechtzeitig zu ihren Instrumenten zu bringen, die jeweiligen Klangforderung des umfangreichen Arsenals der Klangvarianten zu realisieren. Der Vorhang geht „dramatisch auf“, es folgt ein „Lamento der kahlen Sängerin“, der „Wahrsager grinst“, eine „Episode aus Flaschen und Dosen“ wird vom „Tanz vor den Baracken“ abgelöst, und es gibt die „Jagd nach dem Zopf des Quacksalbers“. Immer wieder gelingt es der Komponistin, die Assoziationen der Hörer in die Klangwelt asiatischer Facetten zu lenken, mal archaisch fern, mal rhythmisch überaus nah und präzise. Gleichzeitigkeit der Eindrücke der unterschiedlichen Lebenswelten und Erfahrungsräume der Komponistin, nachhörbar, nachvollziehbar.

„La Chambre aux échos (2009–2012) ist ein Stück, in dem sich Michael Jarrell auf einen Roman von Richard Powers bezieht. Dieser beschreibt die Situation eines Menschen, der nach einer schweren Kopfverletzung das Funktionieren des Gehirns neu erlernen muss. In den vier Sätzen des Stückes prallen heftige Gegensätze aufeinander, dem Klangschimmern der Streicher, die sich aus dem flimmernden Nichts zu entwickeln scheinen, knallen wiederholte Bombeneinschläge des Schlagzeugapparats entgegen. Immer wieder Erschrecken – leise Aufhaltemöglichkeiten werden im Keim erstickt durch Erschrecken, Verdrönen, Zerstören. Eine Welt des Scheiterns der ständigen Nicht-Verstehens, da das Verstehen selbst zerschlagen wird. Helligkeit wird konterkariert durch punktuelles Dunkel, Einzeltöne, wie verloren, ohne Zusammenhang gedacht, überdecken Streichertremoli, Hektik breitet sich aus, massive Schlussschläge beenden das Stück. Die Katastrophe im Kopf als Komposition. Man hätte schreien mögen.

Die Konzentration des Ensembles war atemberaubend, die Präzision war hör- und spürbar, überaus einfühlend geleitet und gefordert durch Susanna Mälkki.

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!