Die Hiobsbotschaften häufen sich unaufhörlich: Im Mai 2025 stoppt die Klaviermanufaktur Bechstein in Seifhennersdorf die Arbeiten an einem mehrgeschossigen Erweiterungsbau, Grotrian-Steinweg meldet Insolvenz an, die Firma Schimmel entlässt Mitarbeiter*innen – und sie alle verzweifeln an den gleichen Gründen: der weltweiten Absatzschwäche und steigender Inflation. Die Nachfrage aus China ist drastisch gesunken. Rohstoffe haben sich extrem verteuert. Donald Trump hat Zölle auf Musikinstrumente massiv erhöht. Russland wird nach seinem Einmarsch in die Ukraine sanktioniert. Weltweit gibt es nur noch 14 Klavierbaubetriebe. Und zu allem Überfluss herrschen auf dem deutschen Markt Inflation und Rezession – denn: wer kauft sich oder seinen Kindern ein Klavier für mehrere Tausend Euro, wenn der Arbeitsplatz nicht sicher ist und parallel alles immer teurer wird? Anders gesagt: Es läuft nicht für die europäische Klavierindustrie. Oder?
Beim Flügel ist der Rim das prägende äußere Element. Seine Herstellung erfordert viel Erfahrung, um eine perfekte Form ohne Spannungen zu erreichen. Die Fotografin Susanne van Loon dokumentierte in der Klaviermanufaktur Steingraeber in Bayreuth diesen heiklen Moment der Instrumenten-Produktion mit ihrer Nikon für die nmz.
Weltweit ohne Vergleich
Es gibt eigentlich keine Firma in Europa, die nicht massiv Kapazitäten abbauen musste, sagt Dr. Christian Blüthner, 1. Vorsitzender des Bundesverbands Klavier e.V. und Geschäftsführer der Julius Blüthner Pianofortefabrik – mit einer Ausnahme: „Außer uns. Wir sind etwas globaler aufgestellt und hatten von Anfang an einen eher manufakturellen Ansatz.“ Heißt: Blüthner hatte zwar zu Boom-Zeiten Probleme die Nachfrage zu bedienen, kann dafür jetzt aber von ihr leben. Das will was heißen: Denn die Nachfrage ist stark zurückgegangen.
Noch vor fünf Jahren, sagt Blüthner, seien in Europa gut 60 Prozent mehr Klaviere und Flügel gebaut und verkauft worden – 2025 waren es nur noch etwa 2000 Stück. Die internationalen Rückgänge betreffen dabei nicht nur China, sondern auch Russland. Aufgrund der Sanktionen dürfen laut Blüthner keine Musikinstrumente mit einem Wert über 1500 Euro mehr nach Russland importiert werden. Firmen wie etwa der österreichische Klavierbauer Bösendorfer spüren das besonders: „In Russland ist der Bösendorfer-Klang sehr beliebt“, sagt die Geschäftsführerin Sabine Grubmüller in einem Interview für das österreichische Magazin Profil. „Man schätzt seine besondere Wärme. Die Sanktionen sind sehr bitter für uns.“
Hinzu kommen für alle Hersteller, die nicht vor Ort produzieren, die verdreifachten Zölle für Musikinstrumentenimporte in die USA, was den Verkauf dorthin seit Mitte 2025 ebenfalls beeinträchtigt hat. Den meisten Herstellern bleiben da nur noch wenige Ausweichmöglichkeiten: „Die stärksten Märkte sind nun einmal Europa und Nordamerika“, sagt Christian Blüthner. „Dazu kommt aber auch der ganze mittlere Westen, Australien, Japan und die Tigerstaaten“ – also Südkorea, Singapur, Thailand, Malaysia, Indonesien, die Philippinen, Taiwan und Hongkong.
Nur warum ist die Nachfrage auf dem chinesischen Markt so massiv eingebrochen? „Das war ein riesen Umschwung“, sagt Blüthner. „Die chinesische Regierung hat zuvor Kindern die Möglichkeit gegeben, eine höhere Schulbildung zu erreichen, indem sie durch Klavierspiel oder anderen Musikinstrumentenunterricht ihren Score zur Gymnasialbewerbung verbessern konnten.“ Dadurch stieg seit der Einführung 2018 landesweit die Nachfrage nach Klavierunterricht – Privatpersonen kauften neue Instrumente, aber auch Musikschulen. Das Programm stellte die chinesische Regierung allerdings 2021 komplett ein: „Das hat dafür gesorgt, dass landesweit der Wunsch nach Musikunterricht für die Kinder massiv zurückgegangen ist. Viele Musikschulen hatten Überkapazitäten.“ Das allein berührte die deutsche Klavierindustrie allerdings eher sekundär, weil die chinesischen Musikschulen überwiegend mit einheimischen Instrumenten ausgestattet sind – viel drastischer waren dafür die Folgen, die in den nächsten Jahren spürbar wurden: „Die Entscheidung hat die öffentliche Wahrnehmung verschoben, heißt: Der chinesische Staat hat weniger in Musikinstitutionen, also Konservatorien, Theater und so weiter investiert. Dieser Marktanteil ist vorher primär durch deutsche Firmen gedeckt worden.“ 2021 und 2022, sagt Blüthner, „ging es noch halbwegs, aber von 2023 bis 2025 war der Markt katastrophal“. Und das, nachdem der der Verkauf nach China für einige Unternehmen in den Jahren davor noch den sinkenden Absatz in Europa auffangen konnte: Bechstein brachte 2018 gut 400 Instrumente mehr in Umlauf als noch 2011, und Schimmel verkaufte 2017/18 1800 Klaviere und 700 Flügel, von denen ein großer Teil nach China exportiert wurde. Jetzt müssen sich die Klavierbaufirmen zum Teil andere Märkte erschließen, wenn sie die Produktion nicht reduzieren wollen. Bösendorfer zum Beispiel machte im Juni 2025 den Weg nach Kasachstan und stellte in Astana, der Hauptstadt, den „Bösendorfer 280 Vienna Concert“ vor – ein Instrument, das laut Hersteller die „höchste Sensibilität“ mit der „höchsten Stabilität“ vereint. Die Veranstaltung war laut Sabine Grubmüller die erste öffentliche Vorstellung des Flügels in einem Konzertraum.
Dieser Weg in Richtung neuer Märkte bringt offenbar Erfolg: 2024 steigerte Bösendorfer seine Umsätze und erzielte „rund eine Million operativen Gewinn“. Der verringerte sich laut eigener Angabe allerdings im Folgejahr: Rund 85.000 Euro weniger bilanziert die Firma laut der Plattform North Data. Laut Grubmüller kommt die Firma aber „seit 200 Jahren mit allen möglichen Herausforderungen klar“ – man ist also trotz allem zuversichtlich. Die Betriebe halten sich in krisengebeutelten Zeiten wie diesen mit unterschiedlichen Strategien über Wasser: „Entweder sie haben eine gute Nische oder gutes Marketing – oder sie passen ihre Kapazitäten der Nachfrage an“, sagt Christian Blüthner.
Stand 2025 gibt es in Deutschland mehr als 8,5 Millionen Klaviere, von denen die meisten nicht in Musikschulen oder Konzerthäusern, sondern in Privathaushalten stehen – das hat sich im Vergleich zum Stand vor etwa zehn Jahren nicht verändert. Genauso wenig wie die Qualität: Die Instrumente, die Firmen wie Schimmel, Bechstein, Bösendorfer oder Steinway bauen, sind extrem robust und halten ihr Qualitätsversprechen für eine kleine Ewigkeit. Es stecken schonmal 600 Arbeitsstunden in einem Instrument. Und Restaurationsbetriebe sorgen dafür, dass selbst Instrumente von vor 100 oder 50 Jahren noch immer spielbar sind. Sabine Höpermann, Head of PR and Communications bei Steinway in Hamburg, fasst dieses Phänomen in einem nmz-Interview vor ein paar Jahren so zusammen: „Wenn Sie zu einem unserer Händler gehen und dort einen Flügel kaufen, dann sieht der Sie nie wieder, Ihre Kinder nicht, und auch Ihre Enkelkinder nicht.“ Und das gilt so bis heute: Die Qualität der in Deutschland gebauten Klaviere ist laut Blüthner nach wie vor ohne Vergleich. Davon ist man auch mit Blick auf Österreich überzeugt, wie Sabine Grubmüller von Bösendorfer in einem Interview sagt: „Jemand, der einen Bösendorfer möchte, wird ihn sich auch in Zukunft leisten.“
Auch deshalb wird die schwierige Lage aus Christian Blüthners Sicht nicht zum vollständigen Einbruch der Industrie führen: „Klaviere wird es immer geben, und Musik wird immer Bestandteil der menschlichen Kultur bleiben“, sagt er. „Ich bin da relativ optimistisch, dass die Klavierindustrie, wenn auch in kleineren Maßstäben, einen Bestand haben wird. Vorausgesetzt, man macht seine Hausaufgaben und schätzt den Markt richtig ein. Dann sind wir zukunftsfähig.
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