Zu den Seltsamkeiten menschlicher Existenz gehören Ratlosigkeit, Gegenwehr und Konfliktscheue gegenüber Veränderungen des Gewohnten. Das ist bemerkenswert, denn mit dem Wandel der Lebensformen, des Erreichten, der etablierten Ressentiments gegenüber Innovationen in Kunst und Gesellschaft sind die allerersten Verlierer die „Alten“. Gustav Mahlers Ewigkeitswort gilt auch heute: „Die Jungen haben recht, und wenn sie mir auch noch so unreif erscheinen. Sie haben immer recht, denn sie bringen das Neue, und die Welt kann ohne das Neue nicht leben.“
Erste Hilfe vonnöten? Im Flur des Bayerischen Rundfunks. Die Fotoserie zum ÖRR in der nmz 11/2026 stellte Martin Hufner zur Verfügung.
Chronik des Verschwindens
Im „Ver-Alten“ der Individuen sklerotisiert Beweglichkeit nicht nur in körperlicher Hinsicht. Auch das im Mannes- und Frauenalter erworbene Meinen, Wichtigfinden und Geleistethaben erstarrt im Älterwerden zur Mumie einstigen Beweglichgewesenseins und wird zum intoleranten Festklammern an Werten, die im Behaupten ihrer einstigen gesellschaftlichen Relevanz von den folgenden Generationen nun belächelt, bezweifelt und als behindernd missachtet werden.
Die künstlerischen Errungenschaften und die einstige künstlerische Präsenz der Alten werden im Getriebe des Gegenwärtigen weggespült von den Fluten neuen Denkens, kreativen Handelns und technisch innovativer Radikalität. Was eben noch berühmt war und reüssierte, vereinsamt in der rasanten Beweglichkeit des Wandels.
Pointiert könnte man auch sagen, dass die Alten mit ihrem ihnen anhaftenden „Alten“ abgeschoben, sich ihrer selbst überlassen werden, zumal das Credo der Gegenwart eine schleichende Demenz der eben noch gefeierten Künstler und deren Kunstwerke nicht nur provoziere, sondern ihnen nun auch noch ihre betreuende Pflege und Versorgung versagt werde. Das „Jetzt“ mit seinen Phantasmagorien reformiere, reguliere und annulliere das gerade erst Vergangene.
Mir scheint diese Vorbemerkung wichtig, weil der von der Redaktion der neuen musikzeitung initiierte Titel „Chronik des Verschwindens“ in Bezug auf den Rundfunk am Beispiel der sogenannten E-Musikabteilung des SWR im Verlauf der letzten fünfzig Jahre suggerieren könnte, dass ein Verschwinden von unwiederbringlichen Errungenschaften und Leistungen nicht nur durch das Altern des Vorausgegangenen, sondern auch durch willentliche, ja womöglich willkürliche Selbstentscheidungen des SWR mit verursacht worden sei. Ein oberflächlicher Vergleich zwischen den letzten 25 Jahren des 20. Jahrhunderts mit heute lässt bei näherer Betrachtung eine solche Unterstellung ausscheiden.
Denn auch ein mediales Unternehmen unterliegt der andauernd sich verändernden gesellschaftlichen Entwicklung. Dazu verändern die innovativen Techniken nicht nur die organisatorischen Formen und Strukturen, sondern auch alle Beschäftigungsbereiche und die beruflich erworbenen Kompetenzen der darin tätigen Menschen. Der Chor des Stöhnens angesichts permanenter Umwandlung von Pfründen ist in allen dem Fortschritt unterworfenen Institutionen gleichtönend, sobald eingespielte Abläufe von einem Tag auf den anderen modifiziert werden.
Damals
Vor fünfzig Jahren gab es weder Fotokopiergeräte, Computer, mobile Telefone noch Festplatten und Bildschirmkonferenzen. Die damals noch nicht und erst im Laufe der Zeit die Arbeit prägenden und erleichternden Geräte wurden durch Personal, sprich Menschen, kompensiert. Arbeitsteilung auf hohem Niveau war der Anspruch im Revier der Musik. Ein leitender Redakteur verfügte über stattliche finanzielle Mittel, um im Bereich Kammermusik, Neue Musik, Oper, Musikessay oft mehr als zur Sendung nötig war, zu produzieren. Chor und Orchester waren engstens verbunden mit dem SDR/SWF. Das menschliche Dach dieser Klangkörper war der Musikabteilungsleiter, der zugleich alle Musikredaktionen schirmte. Die Konzerte und die Produktionen dieser Klangkörper wurden selbstverständlich ins Programm eingespeist.
Es war eine Selbstverständlichkeit, eigene Konzertreihen, eigene Festivals, eigene Großveranstaltungen im Bereich Musik repräsentativ durchzuführen. Im sogenannten Orchideenrevier Neue Musik blühten pro Saison wenigstens fünf bis sieben Konzerte ausschließlich mit Uraufführungen. Die Frage nach der Resonanz seitens der Öffentlichkeit spielte keine Rolle. Da alles in Sendung gehen musste, ging man davon aus, dass sogenannte Minderheitsangebote übers Radiogerät ihre disperse Zuhörerschaft irgendwie erreichen würden.
Die Ethik der gesamten Redaktionen gründete in dem Anspruch an den Hörer, Überforderung als Aufforderung zur erweiterten Selbstbildung zu verstehen. „Bildungsauftrag“ war das Zauberwort des damaligen Rundfunks – auch gestützt durch das bundesrepublikanische, politisch gut funktionierende Nachkriegs-Selbstverständnis. Information durfte, ja sollte Belehrung sein. Manchmal auf verrätseltem, sprachlich gewollt diffusem Fachkenntniswissen. Was da gesprochen, behauptet, argumentiert wurde, so der Flurfunk-Tenor, lasse sich problemlos „versenden“.
Eine gebilligte Arroganz etablierte sich, das Niveau von elitärem Selbstverständnis im doppelten Sinne auszustrahlen. Redakteure waren in diesen Abteilungen der E-Musik weniger ausgebildete Journalisten, vielmehr Fachleute der Literatur, Kunst- oder Musikwissenschaft. Ja selbst Dichter, Komponisten, Instrumentalisten oder Dirigenten mauserten sich zu leitenden Redakteuren. Deren vornehmste Tätigkeit bestand darin, Fachleute auf ihrem jeweiligen Gebiet zu beauftragen, die Manuskripte zu fachspezifischen Sendungen zu schreiben. Eine lukrative Tätigkeit für das Heer an freien Mitarbeitern, die oft selbst in leitenden Berufen anderer Provenienz tätig waren. Das Geschriebene ging über den lektorierenden Durchblick des Redakteurs zum Regisseur in die Produktion. Nicht nur das Sekretariat der Redaktion, sondern auch die Instanzen der Produktionsebene, der Honorar- und Lizenzabteilung, des Sendebereitstellungsbereichs waren mit aufwändigem Personal an jeder einzelnen Produktion beteiligt und beschäftigt. Kurz gesagt: Im ganzen Rundfunkhaus wimmelte es von Menschen.
Und heute?
Nicht nur im alltäglich Privaten schafft der rasant revolutionäre Fortschritt des Technischen sowohl Verunsicherung als auch Euphorie, sondern auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk zieht es Personal, Produktionsprozesse, daraus folgend Vermittlung des Produzierten und Daseinsberechtigung der Produktionsanstalt mit in den rasenden Strudel hinein, wo neben dem medialen Wirken die Legitimation dieses Wirkens permanent von Politik und von der Öffentlichkeit durch Meinungsumfragen hinterfragt, bezweifelt und als reduzierbar oder gar als abschaffenswert beurteilt wird.
Was diese kontrapunktischen Prozesse bestimmt, geht allerdings nicht allein vom Kulturradio aus. Das Fernsehen, dessen Produkte die größten Teile der Bevölkerung bereitwillig in Anspruch nehmen und sich nahezu ausschließlich diesem Medium verschreiben, dominiert die Wahrnehmung des Öffentlich-Rechtlichen sowohl in der Politik als auch in der Bevölkerung. Unter den Folgen dieser TV-Dominanz, die jedes Mal bei der Frage nach den Rundfunkgebühren offenbar wird, werden durch den politischen Willen Einsparungsrituale erzwungen, in deren Folge auch der Hörfunk zusammen mit seinen Organen finanziell, organisatorisch, personell zusammengespart wird.
In dieser neuen Abhängigkeit nach Jahrzehnten politisch gewollter Unabhängigkeit von Staatsgewalt dient der Staat nicht mehr dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, sondern umgekehrt, die Anstalten müssen unter dem Zwang der politisch gewollten Veränderungen mit Einsparforderungen und mittlerweile auch mit soziologischen Kalkülen reagieren: Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist es demnach, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu gewährleisten. Kunst spielt keine Rolle mehr, weil der Staat auf den sogenannten Willen der Massen reagiert, die sich in den Foren medialer Kommunikationssysteme, sprich in digitalen Communities, im Social-media-Universum prozentual als die Fürsprecher zur Abschaffung von ZDF und ARD verklumpen. Gegenwärtig wollen wenigstens 75 Prozent der über Meinungsinstitute Befragten die „Öffentlich-Rechtlichen“ abschaffen.
Der SWR ist in diesem Wandelprozess ARD-Vorreiter. Sein immens großes und mental stark divergierendes Sendegebiet – Baden, Württemberg, Rheinland-Pfalz, Saarland – verfügte ja zunächst über vier Rundfunkorchester, wovon zwei längst schon, dann jüngst die restlichen zwei, fusioniert wurden. Ziel der durch Politik erzwungenen weiteren Konsolidierung der gesamten ARD deutet sich am fernen Horizont bereits an: ein den Berliner Philharmonikern gleichwertiges Orchester, ein der aktuellen Komponistengeneration verfügbares Uraufführungsorchester mit Schwerpunkt Musik der Gegenwart und ein drittes Orchester, das das produziert, was sich die Öffentlichkeit wünschen darf, ein sogenanntes „Gern-gehört-viel-produziert-Orchester“.
Schaut man in die Redaktionen und ins Sendeprofil jenes SWR-Kulturradios, so hat sich darin der Wandel am radikalsten vollzogen. Ein heutiger Redakteur muss ein musikalisches Studium und eine Ausbildung als Journalist nachweisen. Er muss redegewandt, technisch kompetent als „Selbstfahrer“ seiner Sendungen und gleichzeitig live-moderierend „Gastgeber“ seiner dispersen Radiohörer sein. Er muss alle journalistischen Formate beherrschen: Reportage, Moderation, Interview, Recherche, er muss seine Sendungen im Studio schneiden, Pressetexte für unterschiedliche Formate wie Print, Internet, Social-Media schreiben können. Darüber hinaus muss er die Urheberrechte und Senderechte einholen, die Sendeabläufe ins digitale System eingeben und die Honorarverträge der beauftragten freien Mitarbeiter verantwortlich in digitale Muster einspeisen. Ein heutiger Redakteur ist alles zugleich. Er ist selbst seine eigene Reisestelle und Unterverwaltung, die alles bereits für die Hauptverwaltung eines Rundfunkhauses erledigt hat.
Das Prinzip inhaltlicher, also fachspezifischer Sendeplätze im Bereich der Musik gehört der Vergangenheit an. Mehrstündige „SendeschienenS oder „SendeflächenS beherrschen das Programm. In ihnen versammeln sich Beiträge unterschiedlicher Themen, deren Brisanz in ihrer jeweiligen Aktualität liegt. Umfangreiche Informationsbeiträge, aktuelle Veranstaltungsereignisse oder Gespräche mit renommierten Musikerpersönlichkeiten werden entsprechend der Thematik durch Musikbeispiele gestützt. Historische Spielpraxis, klassisch-romantische Musik, Folklore oder Swing, Neue Musik oder Avantgarde, Filmmusik und Oper finden jederzeit an jedem Tag in diesen großen Zeitfenstern eine Hörerschaft, die nie genau weiß, was sie erwartet, die aber gerade die Fülle an Themen, den Wechsel an musikalischen Stilen und das persönliche Angesprochensein durch die verbindliche Art eines moderierenden Redakteurs favorisieren. „Kulturelle“ Unterhaltung auf gehobenem Niveau erlaubt situatives Zu- oder Abschalten. Für den anspruchsvolleren Radiohörer kein Problem, zumal dieser sich am grenzenlosen Reichtum von Sendematerial, vermittelt etwa durch Podcasts, randvoll gefüllte, dabei kostenlos verfügbare Musikarchive oder durch YouTube, bedienen und folgerichtig sich zum eigenen Redakteur seines ureigenen Wunsch-Programms emanzipieren kann.
Alles scheint sich nun aus der Enge statistisch eruierter, analytisch beschriebener Zugehörigkeit von Radiohörern befreit zu haben. Nischen verschwinden nicht, sie tauchen im Totalen aller Nischen als Nischen im überfüllten digitalen Raum auf, abrufbar oder eben auch plötzlich erlebbar im Dauerfluss vermittelter Informationsbeiträge.
Und die Klangkörper mit ihrer Fokussierung auf die klassisch-romantische Epoche? Im SWR-Bereich jedenfalls etabliert sich seit dieser Saison unter dem neuen Chef des SWR-Symphonieorchesters innerhalb der Abo-Reihen pro Konzert jeweils immer auch eine Uraufführung. Die einst vermauerten Grenzen sind gesprengt. Die Musikgeschichte und die Musik der Gegenwart, verbunden in klug konzipierten Programmen, werden sowohl durch das SWR-Vokalensemble als auch durch das Orchester zur Selbstverständlichkeit.
Der vielfach bedauerte Schwund des Konzertpublikums resultiert nicht aus einem Desinteresse, sondern ein weltweit infernalisches Überangebot verteilt die Interessierten in weit verstreute, buchstäblich massenhafte Veranstaltungsorte.
Damit müssen wir leben
Deshalb liegt es auf der Hand, dass der Intendant des SWR mit der einfachen und daher wohl immer neu zu beantwortenden Frage nach der Notwendigkeit eines ständigen Anpassens an die Bedürfnisse der Öffentlichkeit, immer auch neue Strategien zum Erhalt seines Hauses suchen muss: „Wie kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk die Strukturen und Arbeitsweisen seiner Organisationen so anpassen, dass sie mit dem Tempo technologischer und gesellschaftlicher Veränderungen Schritt halten?“
Ob dadurch ein anachronistisch daherkommender Qualitätsbegriff verschwindet, würde wohl aus der diffus globalisierten Gesellschaft heraus verneint werden müssen. Die Furcht vor dem Verschwinden ist surreal, da die unendliche Verfügbarkeit von allem das eben noch Vorhandene als das gerade wieder Verschwundene verschwinden lässt.
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