Schon im Musikunterricht können viele Kinder gar nicht mitspielen. Meistens liegt das an den Instrumenten, sagt Andreas Förster im Gespräch mit der nmz. Im Rahmen seiner Doktorarbeit an der Technischen Universität Berlin und der Hochschule Furtwangen hat er gemeinsam mit Schüler:innen barrierefreie Musikinstrumente entwickelt, die auf ihre Fähigkeiten abgestimmt sind.
Andreas Förster mit einer inklusiven Gitarre. Foto: Det Göckeritz
Alle Menschen haben das Recht, Musik zu machen
neue musikzeitung: Die Entwicklung von zugänglichen digitalen Musikinstrumenten ist erstmal kein neuer Gedanke. Warum ist das nach wie vor notwendig und interessant?
Andreas Förster: Es gibt ein paar wenige kommerziell erhältliche, zugängliche digitale Musikinstrumente, überwiegend aus dem englischsprachigen Raum. Bisher werden die Instrumente zumindest an Schulen mit sonderpädagogischem Schwerpunkt in Deutschland kaum genutzt. Sie sind oft sehr kompliziert einzurichten, sodass sich viele Lehrkräfte damit überfordert fühlen. Das vielleicht größte Problem ist aber, dass die Instrumente in Deutschland wenig bekannt sind, weil sie in der Ausbildung bisher nicht thematisiert werden.
nmz: Warum sind Musikinstrumente, die im Musikunterricht verwendet werden, nicht für alle zugänglich?
Förster: Unter anderem liegt das an dem Design von Musikinstrumenten, das sich an normierten Körperbildern orientiert. Zum Beispiel setzt das Spielen einer akustischen Gitarre voraus, dass man mit der einen Hand präzise und mit Kraft die Saiten gegen das Griffbrett drücken muss, während man mit der anderen Hand die Saiten anschlägt. Diese Kombination aus feinmotorischer Kontrolle, Kraftaufwand und Koordination erleben viele Kinder als Barriere. Deswegen werden im Musikunterricht oft elementare akustische Instrumente eingesetzt. Auch diese Instrumente setzen bestimmte körperliche Fähigkeiten voraus und sind nicht für alle Kinder zugänglich. Aber natürlich kann es nicht das eine Musikinstrument geben, das für alle zugänglich ist.
nmz: Bei Ihrer Arbeit haben Sie auf digitale Musikinstrumente gesetzt, warum?
Förster: Digitale Musikinstrumente haben den Vorteil, dass man sie mit wenig Aufwand an unterschiedliche körperliche oder kognitive Fähigkeiten anpassen oder von diesen ausgehend gestalten kann. Sie ermöglichen außerdem eine große musikalische Vielfalt. Viele Musikrichtungen sind von digitalen Technologien und Klängen geprägt.
nmz: Wie sind Sie dazu gekommen, barrierefreie Musikinstrumente zu entwickeln?
Förster: Ich habe meinen Zivildienst an einer Schule mit sonderpädagogischem Schwerpunkt gemacht. Dort wurden im Unterricht überwiegend einfache akustische Musikinstrumente eingesetzt. Teilweise konnten die Schüler:innen diese Instrumente nicht selbst spielen. Danach habe ich Lehramt Musik für sonderpädagogische Förderung studiert. Durch Zufall bin ich auf ein Projekt gestoßen, bei dem digitale Technologien genutzt werden, um Zugänglichkeit zu verbessern, auch für Menschen mit komplexer Behinderung. Ich habe mich mehr mit dem Thema auseinandergesetzt und nach einem Zweitstudium in Musikdesign hat sich mein Promotionsprojekt entwickelt.
nmz: Was hat Sie zu dem partizipativen Forschungsansatz motiviert?
Förster: Am Anfang habe ich sehr viele Musiklehrkräfte aus den sonderpädagogischen Bereichen befragt. Ich wollte wissen, ob die verfügbaren digitalen Musikinstrumente genutzt werden oder warum sie vielleicht nicht genutzt werden. Es wurde berichtet, dass manche Schüler:innen Instrumente ablehnen, wenn sie nicht zu ihren ästhetischen Vorstellungen passen. Wenn sie beispielsweise als besondere Instrumente für Menschen mit Behinderung wahrgenommen werden. Der partizipative Ansatz war mir wichtig, weil man auf diese Weise Instrumente entwickeln kann, die zu den Fähigkeiten und Wünschen der Schüler:innen passen. Auch mit den Anforderungen der Lehrkräfte sollten die Instrumente übereinstimmen.
nmz: Wie sah der Entwicklungsprozess aus?
Förster: Über ein Jahr habe ich an einer Schule mit sonderpädagogischem Schwerpunkt mit einer Gruppe von Schüler:innen, Lehrkräften und Assistenzkräften zusammengearbeitet. Anfangs habe ich mit den Kindern über ihre Vorstellungen gesprochen und daraufhin erste Prototypen entwickelt, die die Kinder ausprobieren konnten. Wir haben auch Musikstücke gehört und mit den Schüler:innen besprochen, was ihnen gefällt. Die meiste Zeit habe ich still beobachtet und mir Notizen gemacht. Am Ende jeder Sitzung wurden die Eindrücke und Beobachtungen mit den Musiklehrkräften besprochen. Zuhause habe ich die Instrumente angepasst und neue Prototypen entwickelt.
nmz: Wo lagen die Schwierigkeiten?
Förster: Ein partizipativer Entwicklungsprozess bringt immer Herausforderungen mit sich. Man weiß vorher nicht, was am Ende rauskommt. Im Projekt selbst gab es die Schwierigkeit, dass einige Schüler:innen nonverbal kommuniziert haben und kein direktes Feedback geben konnten. Die ersten Instrumente, die wir entwickelt haben, waren für die Kinder noch nicht zugänglich. Das hat dazu geführt, dass wir typische Alltagsbewegungen als Ausgangspunkt genommen haben, um Prototypen zu entwickeln. Also Bewegungen, die für die Schüler:innen individuell bedeutsam waren.
nmz: Haben Sie ein Beispiel für einen Prototypen?
Förster: Ein Schüler hatte eine Rassel in Form eines kleinen Balls dabei, die er den ganzen Tag benutzt hat. Wir haben in eine ähnliche Rassel einen Bewegungssensor eingebaut, der Daten an den Computer geschickt hat. Mit dieser bekannten Alltagsbewegung konnte der Schüler dann zum Beispiel Loops oder Klangflächen steuern.
nmz: Was waren besondere Momente während der Entwicklung?
Förster: Eine Schülerin hat häufig mit einer Hand auf dem Rücken der anderen Hand gerieben. Wir haben mit einem Drucksensor diese Bewegung abgegriffen. Damit konnte die Schülerin durch die Intensität des Drucks eine Klangfläche steuern. Direkt beim ersten Ausprobieren hat sie große Freude gezeigt und wir haben dreißig Minuten lang Musik gemacht. Zum ersten Mal in diesem Projekt war für sie ein gemeinsames Musizieren möglich. Es war eine große Überraschung, dass das so gut funktioniert hat. Ein weiteres Highlight war, als wir am Ende des Projekts mit den Schüler:innen einen Karnevalssong bei einem Schulfest aufgeführt haben.
nmz: Welches Feedback haben Sie erhalten?
Förster: Die Kinder haben die Instrumente gerne ausprobiert. Es gab Schüler:innen, die jede Woche vor dem Projekt gefragt haben, ob sie gleich wieder Gitarre spielen dürfen. Von den Lehrkräften kam das Feedback, dass sie die Instrumente gerne längerfristig einsetzen würden. Mit den Prototypen ist das noch schwierig, weil sie nicht immer zuverlässig funktionieren. Deswegen entwickle ich gerade mit dem Team von Klingklusion zwei der Instrumente im Rahmen eines EXIST-Gründerstipendiums weiter. Eines davon ist die digitale Gitarre, weil die am beliebtesten war.
nmz: Wie funktioniert diese digitale Gitarre?
Förster: Sie besteht aus fünf farbigen Leuchtbuttons, mit denen man Akkorde auswählen kann. Mit dem Touch-Slider kann man durch Berührung die Akkorde anschlagen. Man kann auf jeden Button einen Akkord drauflegen. Außerdem ist ein kleiner Computer in der Gitarre eingebaut, der die Klangproduktion übernimmt. Auch ein Lautsprecher und eine Powerbank sind installiert, damit das Instrument standalone funktioniert.
nmz: Sind die Instrumente nur für den Musikunterricht gedacht oder auch darüber hinaus nutzbar?
Förster: Grundsätzlich sind sie auch im Bereich Musiktherapie, Community Music oder in inklusiven Ensembles nutzbar. Wir haben die Prototypen mehrmals beim Festival für selbstgebaute Musik in Berlin präsentiert. An unserem Stand kamen die unterschiedlichsten Leute zusammen, die damit Musik gemacht haben. Die Instrumente funktionieren auch für solche Formate und Gruppen.
nmz: Wie geht es mit dem Projekt weiter?
Förster: Ich bereite gerade mit Partnern an der Universität Köln und der Hochschule Furtwangen ein Anschlussprojekt vor. Dabei soll die partizipative Forschung in unterschiedlichen Einrichtungen fortgesetzt werden. Es geht darum, den Entwicklungsansatz der maßgeschneiderten Instrumente für Kinder mit komplexer Behinderung zu verbessern. Wir wollen die Technologie so gestalten, dass die Lehrkräfte in Zukunft die Instrumente individuell an die Bewegungsfähigkeiten der Schüler:innen anpassen können.
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