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Thomas Bergmann, Musiktherapeut am Berliner Behandlungszentrum mit Schwerpunkt Autismus, im Berufsalltag. Foto: Kreutner

Thomas Bergmann, Musiktherapeut am Berliner Behandlungszentrum mit Schwerpunkt Autismus, im Berufsalltag. Foto: Kreutner

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Die Welt klingt nicht für alle gleich

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Autismus-Spektrum – mit Philipp an der Hochschule für Musik in Karlsruhe
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In der Hochschulmensa sitzen viele Menschen zusammen. Gespräche finden gleichzeitig statt, Geschirr klappert, aus verschiedenen Ecken kommen weitere Geräusche. Für Philipp sind solche Situationen manchmal mehr als nur eine laute Umgebung. Besonders schwierig wird es, wenn viele Menschen zur selben Zeit etwas von ihm wollen: „Da gehe ich dann manchmal einfach raus“, erklärt er. Eine der größten Herausforderungen für Philipp sind Situationen mit vielen Eindrücken: „Reizüberflutungen, gerade wenn es zu laut ist, zu viel gleichzeitig passiert.“ 

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Philipp, 21, studiert Schulmusik, hat ein absolutes Gehör und spielt mühelos vom Blatt: „Das ist vermutlich auf meine ausgeprägte Mustererkennung zurückzuführen, die oft mit Autismus einhergeht“, sagt er. Dieselbe Wahrnehmung, die ihm musikalisch Vorteile verschafft, stellt ihn im Hochschulalltag jedoch immer wieder vor Herausforderungen. 

Doktor Thomas Bergmann, Musiktherapeut am Berliner Behandlungszentrum mit Schwerpunkt Autismus, erklärt, dass bei manchen Menschen aus dem Autismus-Spektrum die Filterfunktionen eingeschränkt sein können. Nebengeräusche, die andere ausblenden, bleiben dann stärker präsent: „Einer Vorlesung zu folgen, während andere mit Plastiktüten knistern und ihre Brote auspacken, kann dann zur Qual werden und so viel Anstrengung kosten, dass diese Menschen nach ein paar Stunden völlig ausgelaugt sind.“ 

Autismus wird häufig mit dem Begriff Neurodivergenz in Zusammenhang gebracht. Der Begriff umfasst unterschiedliche Formen des menschlichen Wahrnehmens, Denkens und Verarbeitens. Bergmann betont, dass nicht allein einzelne Merkmale entscheidend seien, sondern deren Auswirkungen im Alltag: „Auch wenn jemand eine deutliche Ausprägung im autistischen Bereich hat, heißt das nicht automatisch, dass eine Diagnose notwendig ist. Entscheidend ist, ob die Person im Alltag zurechtkommt oder ob ein Leidensdruck entsteht.“ 

Neben der Verarbeitung von Reizen können auch Gruppengespräche, Doppeldeutigkeiten oder unausgesprochene soziale Regeln Schwierigkeiten bereiten. Deshalb meint der Experte: „Es ist oft wichtig, dass man den Menschen Zeit gibt und dass man eine direkte Sprache wählt.“ 

Um sich an soziale Erwartungen anzupassen, nutzen manche Menschen aus dem Autismus-Spektrum bewusst oder unbewusst Masking. Damit ist gemeint, dass sich Betroffene bestimmten Verhaltensweisen anpassen, um weniger aufzufallen oder soziale Erwartungen besser zu erfüllen. Auch Philipp beschreibt diese Erfahrung. Während der Situation selbst empfinde er das nicht unbedingt als belastend, im Nachhinein merke er aber oft, dass es „Energie zehrt“. Diese Anpassungsleis­tung beschreibt Bergmann als etwas, das langfristig zu starker Erschöpfung bis hin zu Burnout führen kann. Gleichzeitig sei es trotzdem eine persönliche Entscheidung, wie offen jemand mit einer Diagnose umgeht. Ein offener Umgang könne zwar Erleichterung bedeuten, sei aber nicht für alle Menschen die richtige Entscheidung. Philipp hat im Studium bisher nur wenigen Menschen von seinem Autismus erzählt. Seine Kommunikationsweise wird im Hochschulalltag manchmal missverstanden, auch von Lehrkräften. Für ihn zeigt sich darin ein Problem, das Bergmann ebenfalls schildert: Nicht immer lägen die Schwierigkeiten allein bei der Person. Auch der Umgang mit neurodivergenten Menschen spiele in Bezug auf den Leidensdruck eine Rolle. Doch dieselbe Eigenart, die im Studienalltag zur Herausforderung werden kann, eröffnet gleichzeitig auch besondere Möglichkeiten.

Bei Menschen aus dem Autismus-Spektrum werden beispielsweise überdurchschnittlich häufig musikalische Fähigkeiten beschrieben. Darunter kann auch das absolute Gehör fallen. Umgekehrt zeigen Musikerinnen und Musiker mit absolutem Gehör in Untersuchungen häufiger autistische Merkmale als Vergleichsgruppen, erklärt Bergmann. 

Für ihn deutet das darauf hin, dass zwischen Autismus und Musik besondere Affinitäten bestehen. Solche ausgeprägten Begabungen autistischer Menschen in bestimmten Bereichen werden häufig unter dem Sammelbegriff „Inselbegabungen“ zusammengefasst. Dabei handelt es sich nicht um Eigenschaften, die allen Menschen mit Autismus zugeschrieben werden können, sondern um individuelle Ausprägungen. 

Im musikalischen Bereich gebe es etwa neurodivergente Menschen, die sich ganz deutlich Akkorde bildlich vorstellen können. 

Musik ist für Philipp aber nicht nur eine Berufung, sondern auch eine Möglichkeit, Situationen zu verarbeiten. Wenn es ihm nicht gut gehe, setze er sich ans Klavier und spiele drauflos. Dabei entstehe nicht immer etwas Schönes: „Das hat auch schon in halbstündigen, atonalen Improvisationen geendet“, meint er. Bergmann kennt diese Funktion auch aus der Musiktherapie. Musik könne ein Gefäß für Emotionen sein, selbst wenn verbale Kommunikation schwerer falle: „Da braucht man keine Wortbedeutung, keinen Blickkontakt.“ Und auch gemeinsames Musizieren spiele für Philipp eine wichtige Rolle. Durch seine Mitwirkung in Chören und das Begleiten anderer Sängerinnen und Sänger am Klavier habe Musik soziale Zugänge für ihn geschaffen. 

Gerade weil Musik für Philipp und viele andere ein Weg zu Austausch und Teilhabe ist, stellt sich die Frage, wie Musikhochschulen Räume schaffen können, in denen unterschiedliche Wahrnehmungsweisen berücksich­tigt werden. Bergmann betont in diesem Zusammenhang, dass neurodivergente Menschen in Entscheidungen über die Gestaltung von Hochschulen einbezogen werden sollten. Ein relevanter Bereich sei dabei zunächst die Umgebung: Sensorische Belastungen könnten durch Maßnahmen wie Schalldämmung oder definierte Ruheräume reduziert werden. Neben der Gestaltung von Räumen gehe es auch um den Umgang miteinander. Dazu gehört laut Bergmann ein anderer Blick auf Stimming-Verhaltensweisen. Damit sind selbststimulierende Handlungen gemeint, die manche neurodivergente Menschen nutzen, um Stress zu regulieren: etwa Hüpfen, das Wedeln mit den Armen oder andere wiederholende Bewegungen und Geräusche. Solche Strategien würden häufig im Kindesalter abtrainiert, damit Betroffene im sozialen Umfeld weniger auffallen, obwohl sie eine zentrale Funktion erfüllen können.

Auch Lehrende müssten für unterschiedliche Kommunikationsweisen sensibilisiert werden, um Missverständnisse zu vermeiden. Gerade im Hochschulalltag können Situationen entstehen, in denen nicht nur die Fähigkeiten einer Person entscheidend sind, sondern auch, ob die Umgebung diese Fähigkeiten überhaupt sichtbar werden lässt. Alternative Prüfungsformate könnten zudem helfen, Barrieren weiter abzubauen und faire Bedingungen zu schaffen. Trotz der Herausforderungen zieht Philipp eine positive Bilanz. Auf die Frage, ob sein Autismus ihm im Studium eher hilft oder im Weg steht, antwortet er: „Ich würde sagen, inzwischen hilft er mir eher.“ Wichtig ist ihm, dass Menschen mit Autismus aufgrund ihrer direkten Kommunikationsweise oder ihres Rückzugsverhaltens nicht falsch verstanden werden. Gerade bei Menschen, die sich im Alltag stark anpassen, könne es Situationen geben, in denen ihre Kräfte vollständig erschöpft sind. Manche ziehen sich dann zurück, werden stiller oder können weniger auf ihr Gegenüber eingehen, ohne dass damit Ablehnung verbunden sei. Genau hier setzt auch Bergmann an: Verständnis entstehe durch Austausch und die Bereitschaft, andere Formen des Denkens, Lernens und Fühlens kennenzulernen. Dazu gehöre auch, sich aktiv mit dem Thema Neurodivergenz auseinanderzusetzen. Insbesondere in der Kunst werde laut Bergmann sichtbar, dass divergierende Wahrnehmungen auch neue Ausdrucksformen hervorbringen können.

Vielleicht liegt darin eine essenzielle Verbindung zwischen Neurodivergenz und Musik: Die Welt klingt nicht für alle Menschen gleich – aber gerade diese Unterschiede können neue Perspektiven eröffnen.

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