Sieben Uhr morgens bis dreiundzwanzig Uhr abends, jeden Tag. So lange ist die Halle E im Gasteig HP8 geöffnet. Von Januar bis Mai sitzen hier Münchener Abiturientinnen und Abiturienten, in den Klausurenphasen die Studierenden. Ein Musikstudio, eine Goldschmiedewerkstatt und Probenräume lassen sich für Kurse belegen oder frei buchen, im Haus untergebracht ist außerdem der Studiengang Kulturmanagement der Hochschule für Musik und Theater München. Und dann sind da die, die für ein Konzertticket viel Geld bezahlt haben. Die einen kommen zum Verweilen, ohne Konsumzwang, die mit Ticket für die großen Stars der Klassik.
Pop-up-Konzert des Community Events „Der Gasteig brummt!“. Foto: Kathrin Metzner/Gasteig
Kultur gegen Einsamkeit
Kann ein Haus, das für Konzerte gebaut wurde, auch ein Ort für Menschen sein, die kein Konzert wollen, brauchen oder bezahlen können? – Seit 2024 erhebt das Kompetenznetz Einsamkeit (KNE) am Institut für Sozialarbeit und Sozialpädagogik in Frankfurt am Main jährlich das „Einsamkeitsbarometer“. Einer der Befunde: Einsame Menschen gehen seltener wählen und engagieren sich seltener. Damit ist Einsamkeit auch eine Frage der demokratischen Substanz. Also – Einsamkeit bekämpfen. Hierbei kommen Kulturinstitutionen ins Spiel. Dass Kulturhäuser dafür taugen, wurde von der WHO untersucht: Ein Evidenzbericht wertet über 900 Publikationen aus und benennt künstlerische Angebote als einen Weg, Einsamkeit zu verringern. Gleichzeitig sind Armut und gesundheitliche Probleme Faktoren, die Einsamkeit begünstigen, daraus kann folgen, dass sich betroffene Personen ein Konzert oder einen Opernbesuch nicht leisten können oder durch gesundheitliche Einschränkungen wenig Möglichkeiten zur Teilhabe bekommen.
Der Begriff, unter dem das läuft, ist über dreißig Jahre alt. Ray Oldenburg beschrieb 1989 in „The Great Good Place“ den Dritten Ort als das, was zwischen Zuhause und Arbeitsplatz fehlt. Als eine der wichtigsten Leistungen derartiger Orte nannte er, dem „Bedürfnis nach Gemeinschaft zu dienen“. Koautorin Karen Christensen geht in der Neuauflage von 2023 weiter: Dritte Orte seien die Antwort auf Einsamkeit, auf politische Polarisierung und auf die Frage der Klimaresilienz.
Manche Merkmale eines Dritten Orts sind für Kulturhäuser leicht zu erfüllen, andere sind schwieriger. Gute Erreichbarkeit ist meist gegeben, auch wird Austausch befördert. Allerdings – Dritte Orte, so Oldenburg, brauchen neutralen Boden. Einen Ort, an dem man kommen und gehen kann, wann man will, und an dem niemand die Rolle des Gastgebers ausfüllen muss. Nach diesem Merkmal ist ein Opernhaus der denkbar schlechteste neutrale Boden. Es hat einen Gastgeber. Es hat eine Anfangszeit, Preise, Kleidungserwartungen und ein Wissen, über das man verfügen sollte, um sich wohlzufühlen. In München läuft seit 2024 ein Feldversuch, der von der Beisheim Stiftung gefördert wird. Die Stiftung unterstützt drei Kultureinrichtungen unterschiedlicher Sparten bei der Öffnung zu Dritten Orten: die Schauburg, das Haus der Kunst und die Bayerische Staatsoper, assoziiert ist die Pinakothek der Moderne. Angelegt ist die Förderung zunächst auf drei Jahre, finanziert werden Stellen für Community Builder und fachliche Begleitung. Man betrete mit solchen Orten Neuland, sagt Stiftungsgeschäftsführer Max Wagner, gerade in traditionellen Kulturbetrieben.
Seit Mai 2026 stehen der Königssaal und die Ionischen Säle im Vorderhaus des Bayerischen Nationaltheaters jeden Freitag tagsüber offen, kostenfrei und ohne Anmeldung. Flexibles Mobiliar soll unterschiedliche Situationen ermöglichen, vom Rückzugsort bis zur Gesprächsrunde. Man darf dort, so die Formulierung des Hauses, einfach da sein.
Während in Großstädten einzelne Häuser mit Stiftungsgeld zu Dritten Orten umgebaut werden, gibt es eine Infrastruktur, die das Potential hat, auch als Dritte Orte zu fungieren: die öffentlichen Musikschulen. Über 930 sind im Verband deutscher Musikschulen (VdM) organisiert. In öffentlicher Trägerschaft, über die Fläche verteilt, mit wöchentlichem Unterricht und Lernenden quer durch die Generationen.
Im Juni 2026 haben der Deutsche Landkreistag und der VdM ein gemeinsames Papier vorgelegt, das diesen Gedanken erstmals formuliert: Gerade im ländlichen Raum könnten Musikschulen als Dritte Orte wirken. Sie erfüllten Aufgaben weit über den Musikunterricht hinaus und seien eine öffentliche Gemeinschaftsaufgabe, bei der alle Ebenen in der Pflicht stünden. Im April hatte der Verband bereits die Erfurter Erklärung verabschiedet und die Initiative „Musikschule stärkt, was uns verbindet!“ gestartet. Das Papier verlangt ein stärkeres finanzielles Engagement der Länder, um die kommunalen Träger zu entlasten.
Die Aufgabe der Einsamkeitsbekämpfung und die der Teilhabe, der sich Kulturhäuser und Musikschulen verschreiben durch die Öffnung zu Dritten Orten ist eine Große. Gleichzeitig kann diese Aufgabe auch zu neuer Relevanz für die Häuser über ihren Grundauftrag hinweg führen. München zeigt, wie Dritte Orte eröffnet werden können mit eigenem Personal, durch Geld einer Stiftung.
Ob das reicht, um Hürden vor dem Opernhaus abzubauen, wird sich zeigen, wenn die Förderung ausläuft und die Häuser entscheiden müssen, ob sie die Öffnung auch aus eigenem Budget finanzieren. Vielleicht erkennen auch die Träger die Relevanz und sorgen für eine Weiterführung des Projekts. Bei den Musikschulen kommt das Geld nicht von einer Stiftung.
In Zeiten knapper Kassen entsteht über die mögliche Öffnung zu Dritten Orten ein Argument, warum die Länder mehr Zuschüsse zahlen sollten. Dritte Orte entstehen so nicht nur an Orten mit großer kultureller Strahlkraft, sondern überall, wo Alltagstauglichkeit und ausreichende Förderung zusammenkommen.
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