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Gut zugänglich für Gegenwartsmusik: der Sauter Omega. Foto: SAUTER

Gut zugänglich für Gegenwartsmusik: der Sauter Omega. Foto: SAUTER 

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Hochgeschätzter Geheimtipp

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Eindrücke von einem Flügel der Sauter Pianofortemanufaktur, dem Modell Omega · Von Martin von der Heydt
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Zu Zeiten, in denen die Fördersituation sich für die freie Szene erheblich verschärft, ist es eine seltene Freude, von einem Beispiel wirklich nachhaltiger Kulturförderung zu berichten. Die Alte Feuerwache Köln ist ein überregional etablierter Ort für neue Musik höchst unterschiedlicher Art, von komponierter Musik bis zu experimentellen oder improvisatorischen Konzepten. Viele haben es lange herbeigesehnt, dass an dieser Konzertstätte endlich ein Flügel zur Verfügung stehe, der auch für Aufnahmen und klanglich sensible Werke tauglich ist. Dank großzügiger Unterstützung durch den Landschaftsverband Rheinland und das Kulturamt der Stadt Köln und den guten Beziehungen des herausragenden Kölner Klaviertechnikers Christian Schoke wurde es möglich, ein neues Instrument in geeigneter Größe anzuschaffen, das am 22. Januar in einem Konzert der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

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Die Wahl war auf einen Sauter Omega (220 cm), Seriennummer 124500, gefallen. Ich nehme dieses Ereignis zum Anlass, die Qualitäten des Instruments zu beschreiben und auf einen Hersteller aufmerksam zu machen, der hierzulande mehr Öffentlichkeit verdient. Denn trotz einer über 200-jährigen Firmengeschichte und dem Stammsitz tief im Schwarzwald scheinen die Flügel der Sauter Pianofortemanufaktur vielen deutschen und euro­päischen Pianisten wenig bekannt zu sein, während diese Instrumente in der englischsprachigen Fachwelt ein hochgeschätzter Geheimtipp sind und von der einschlägigen Fachpresse, etwa dem „Piano Buyer’s Guide“, als Instrumente höchsten Niveaus gewertet werden. Warum dies so ist, welche ökonomischen, kulturellen und geschichtlichen Bedingungen sich hier auswirken, kann ergiebigen Stoff für weiteres Nachdenken abgeben.

Doch zurück zum Sauter Omega. Drei Konzertpianisten – Dorrit Bauerecker, Thibaut Surugue und ich – mussten im Zuge des Förderantrags Vergleichsangebote einholen und haben zahlreiche Instrumente anderer, gut bekannter Hersteller angespielt. Den Ausschlag für die Wahl des Sauter Omega gaben drei Faktoren: 1. Die Anschaffung eines Neuinstruments, das über viele Jahrzehnte dem Konzertort in höchster Qualität erhalten bleiben sollte und ein großes Entwicklungspotential hat. 2. Die Eignung für neue Musik: Der Sauter Omega ist ausgestattet mit schwarzen und weißen Dämpfern und mit Linien auf dem Resonanzboden, welche die Knotenpunkte für Flageoletts auf den Saiten markieren. Beides erleichtert die Orientierung im Inneren des Instruments, die für viele erweiterte Spieltechniken der neuen Musik wichtig ist. Auch die leichte Zugänglichkeit des Instrumenten­inneren und der Obertonreichtum fallen stark ins Gewicht. 3. Ohne Kompromisse bei der Qualität kann Sauter den Preis neuer Instrumente anderer renommierter Hersteller deutlich unterbieten.

Das Programm des Einweihungskonzerts, gespielt von den drei bei der Auswahl Beteiligten, präsentierte ein sehr breites Spektrum der Möglichkeiten des Sauter Omega: von den kammermusikalischen Qualitäten — Thibaut Surugue spielte auch im Duett mit dem Flötisten Daniel Agi — zu Solowerken, über zartestes Pianissimo, Obertoneffekte, den Resonanzreichtum in großen, pedalgesättigten Tonräumen, trockene, perkussive Klänge in rhythmisch betonter Musik bis hin zu Inside Playing und Präparation. Der Sauter Omega erwies sich all diesen Aufgaben hervorragend gewachsen. Er bietet durchaus die sinnlichen und lyrischen Klangfarben, die man beim klassisch-romantischen Kernrepertoire benötigt. Aus der Erfahrung des Spielens und Zuhörens lässt sich sein Klang als modern orientiert beschreiben, tragfähig im Saal, eher hell und obertonreich, etwas neutraler im Vergleich mit Herstellern, bei denen man zum Beispiel stärker grundtönige, alte deutsch-österreichische Tradition hört — für die Musik des 20. und 21. Jahrhunderts mag man gerade das als Vorzug sehen.

Thibaut Surugue beschreibt seine Eindrücke wie folgt: „Dieses Instrument ermöglicht breite, äußerst nuancierte Klangpaletten, von sehr intim bis kraftvoll, und reagiert sehr schnell, so dass der individuellen Ausdruckskraft freier Lauf gelassen ist. Darüber hinaus ist die hochpräzise Mechanik ideal für die Ausführung extrem virtuoser Stücke. Schließlich machen die reduzierte Anzahl der Gussrahmenstangen und die Markierungen der Dämpfer es zu einem Instrument, das sich für Neue Musik gut eignet, da die meisten erweiterten Spieltechniken nicht nur möglich, sondern auch erleichtert sind.“

Interview

Bei einem Gespräch mit dem Geschäftsführer der Sauter Pianofortemanufaktur, Christian Hott, konnte ich weitere Aspekte des Instruments besprechen.

neue musikzeitung: Zunächst zur Geschichte des Unternehmens: Seit Ibach und Pleyel ihre Tore geschlossen haben und die alten Traditionen des französischen und englischen Klavierbaus (mit Ausnahme einer recht neuen Gründung in Nordengland) fast vollständig verschwunden sind, scheint Sauter mir weltweit der älteste Klavierbauer zu sein, der heute noch aktiv ist.

Christian Hott: Ja. Unser Gründer Johann Grimm ist Anfang des 19. Jahrhunderts nach Wien gegangen und hat Klavierbau bei Streicher gelernt, der eng mit Beethoven verbunden war und auch für ihn Instrumente gebaut hat. Später ist Grimm dann nach Spaichingen zurückgekehrt, und seit 1819 wird jedes Sauter-Instrument dort in unserer Manufaktur gebaut, von A bis Z. Wir sind einer der wenigen Hersteller, der wirklich noch alles in einem Hause macht, und in unserer Manufaktur zeigen wir sehr gerne, was wir da tun. Wir fertigen die Gehäuse, wir furnieren und lackieren, stellen die Basssaiten und Rasten selbst her und haben auch eine Schlosserei, um die Metallteile selbst zu produzieren. Zum Beispiel unsere ganzen Design-Instrumente: Die haben jede Menge Elemente, die man nicht irgendwo vom Regal kaufen kann. Die produzieren wir alle selbst im Haus.

nmz: Auch die Mechaniken?

Hott: Die Mechaniken lassen wir bei Renner fertigen, wie viele Hersteller, die Klaviaturen bei Kluge, alles nach unseren Vorgaben.

nmz: Neben den Design-Flügeln: Was unterscheidet Sie von anderen Herstellern?

Hott: Wir sind in der Firmengeschichte immer sehr offen gewesen für Innovationen und haben versucht, neue Möglichkeiten zu schaffen. Wir bieten auch ein 16-tel-Ton-Klavier an und sind damit die einzigen, die Mikrotoninstrumente bauen. Vor einigen Jahren haben wir für ein Neue-Musik-Institut in der Schweiz einen Omega gebaut, wo man die Pedalerie von der Seite aus bedienen kann, während man neben dem Instrument steht. Da haben wir dann Verlängerungen an die Pedale gebaut. Wir haben eben auch Leute, die so etwas können, bei uns im Haus. Wir haben immer eine Aufgeschlossenheit gegenüber Sonderwünschen oder Spezialanfertigungen gepflegt, gerade auch in Fragen des Designs.

nmz: Die Einrichtung mit den verschiedenfarbigen Dämpfern und den markierten Saitenknotenpunkten, die bei Aufführungen Neuer Musik sehr hilfreich sind, bieten heute auch einige wenige andere Hersteller an. Waren Sie bei Sauter die ersten?

Hott: Meines Wissens ja. Wir machen das seit 1994. Der Omega-Flügel wird seit 1991 gebaut und ist heute standardmäßig damit ausgestattet. Wir bieten ihn auch in einer Design-Ausstattung mit 230 cm Länge an.

nmz: Wie würde Sauter seine Klangvorstellung beschreiben?

Hott: Es ist natürlich etwas Subjektivität dabei. Aber was wir uns immer auf die Fahnen geschrieben haben, ist, dass wir unserem Sauterklang treu bleiben. Wir haben nie versucht, den Klang anderer Hersteller, die sehr erfolgreich waren, zu imitieren. Unsere Instrumente klingen sehr voluminös, haben aber gleichzeitig eine große Ausgewogenheit und Tragfähigkeit im Klang.

nmz: Mir scheinen Sauter-Instrumente im Ausland mehr Bekanntheit zu genießen als hierzulande. Wie stehen Sie international da?

Hott: In Deutschland erleben wir das, auch an den Hochschulen, regelmäßig. Man will einfach Konstanten haben. Aber ich habe das Gefühl, das bricht jetzt langsam ein bisschen auf. Nach meinem Empfinden gibt es in Deutschland keine so große Offenheit gegenüber etwas Anderem, wie das in Amerika der Fall ist. Dort schaut man einfach, und alte europäische Tradition ist hoch angesehen. Im angelsächsischen Bereich, auch in Großbritannien, sind wir mit unseren Flügeln gut vertreten. Australien kauft fast nur Flügel von uns.

nmz: Fast das andere Ende der Welt, das ist bemerkenswert.

Hott: Wir bedienen fast die ganze Welt, obwohl wir im kleinen Spaichingen sitzen. Doch wir haben das Glück, dass wir recht unterschiedliche Märk­te haben. China und die USA sind zuletzt für die gesamte Branche schwieriger geworden, aber Japan ist für uns ein wichtiger Markt. Es gibt sogar eine Anekdote zum Omega: Er spielt in einem Manga eine Rolle: „Forest of Piano“ (Piano no Mori), der auch für Netflix verfilmt wird.

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