a tempo (2009/03)

Sein und Schein


(nmz) -
Ich weiß nicht, warum ich immer wieder darauf zurück komme: Warum bewegt mich die Tatsache, dass etwas ist, mehr als die Frage, was etwas ist? Hörerlebnisse der letzten Wochen: „Voci“ von Franco Donatoni (Deutschlandradio Kultur), „Benedictus“ aus Beethovens Missa solemnis (Karajan-Produktion 1966), Messiaens „Des Canyons aux Etoiles“ (Münchener Philharmoniker), „Gesänge der Frühe“ (alter Mitschnitt auf Kassette eines Schumann-Abends von Pollini in Salzburg). Kindliche Reaktion: Alles das gibt es! Diese Musik gibt es! Es ist menschenmöglich. Es gibt diese Ungeheuerlichkeit des Erfundenen, Gefundenen, Formulierten.
Ein Artikel von Nikolaus Brass

 Es gibt dieses Hörbare. Es begeistert mich, Herrliches zu hören: „Gesungene Zeit“ von Wolfgang Rihm, die Hingabe an die Endlosigkeit der Linie. Und Unerhörtes, wirklich „neue“ Musik: Wolfgang von Schweinitz’ „Plainsound glissando Modulation, Raga in reiner Stimmung für Violine und Kontrabass“, gerade beim BR dank des beharrlich unauffällig tätigen, dafür umso mehr bewegenden Redakteurs Helmut Rohm produziert – ein unvergleichliches Klingen: Tonhöhen, Intervalle, Konsonanzen, wie ich sie noch nie vernahm, ein instrumentales Juchzen und Jodeln der Extraklasse.

Ich formuliere angreifbar und „unwissenschaftlich“, ja bewusst ungeschützt, ich weiß. Aber in dieser Hinwendung, die erst mal eine vor-ur-teilslose Teilnahme ist (zu sein versucht), möchte ich zunächst verharren. Verharren, um so das Vorverständnis zu überspringen, das sich immer zwischen uns und die Dinge legt. Vor der Analyse erst mal das Da-Sein von Musik erfahren. Die Sinne für dieses Dasein schärfen. Für die Herrlichkeit dieses Daseins. Es ist soviel wunderreiche Musik da, sie ist auch erreichbar, hörbar, auffindbar. Worüber klagen?

Wir kriegen durch die Kunst keine andere Welt, als die wir haben. Wir erfahren die Welt aber anders. Keine andere Welt, aber die Welt anders: Das ist keine Weltflucht. In der Kunst, in der Musik erleben wir ein „Erscheinen seiner selbst“, nicht nur ein Zeigen, sondern ein „Sich-Zeigen“ – so formuliert es Martin Seel in: „Die Macht des Erscheinens“ (Suhrkamp Taschenbuch 2007). „Der ästhetische Schein entspringt einem Erscheinen, das nicht scheinhaft ist.“ Seel: „Es geht um nichts weiter als darum, etwas im Prozess seines Erscheinens zu vernehmen. Ästhetische Wahrnehmung lässt sich auf die phänomenale Individualität – und damit auf die unreduzierte sinnliche Gegenwärtigkeit – ihrer Gegenstände (…) ein.“ Auf S. 25 steht der wunderbare Satz: „Die ästhetische Reaktion: Sie hält sich nicht ans Festhalten.“

So beim Hören wach bleiben. So beim Komponieren wach bleiben. Sich nicht ans Festhalten halten. Nur so werden wir dem, was erscheinen will, gerecht. Gerecht im Wunder seines Erscheinens.

Zu pathetisch? Für mich ist es eher eine Übung in Demut.

Seel schreibt: „Die Sinne bestimmen nicht.“ Zunächst (ohne uns) ist alles unbestimmt. Es gibt nichts Bestimmtes ohne Bestimmung. Und als solch Bestimmtes trägt es dann die Brandzeichen unserer Reflexion, unserer kognitiven und instrumentellen Verfügung. Was ist die Welt für uns vor unserer Bestimmung? Was ist die Musik für uns, bevor wir sie ein-ordnen (grausiges Wort)? Die sinnliche Erfahrung der Gegenwärtigkeit der Welt ist unbestimmt, offen, endlos.

Das wäre doch was: Einmal nicht sich einer Sache bemächtigen, sondern sich bemächtigen lassen: vom Wunder des Seins.

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