„After all, nature is better than art“

Uraufführungen 2016/09


(nmz) -
Im täglichen Überlebenskampf war der Mensch stets bedacht, sich und seine Gedanken, Taten und Werke von den geistlosen Unbilden der Natur zu unterscheiden. Aus blindem Naturzusammenhang durch Verkostung der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis getreten – sprich seiner selbst als sterbliches Individuum innegeworden –, verstand Homo sapiens sich nicht mehr als Teil der Natur, sondern als deren Gegenüber. Folgerichtig unterschied die europäische Philosophie dann strikt zwischen dem Naturschönen und Kunstschönen.
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

Später wurde die Demarkationslinie jedoch wieder verflüssigt. Art concret, Art bruit oder ABC-Kunst legten den Fokus nicht mehr auf die Gestaltung der verwendeten Materialien zum Zweck der Repräsentation von Formen, Ideen, Aussagen. Stattdessen beschränkte man sich auf die Präsentation roher Stoffe, etwa Wasser, Stein, Lehm, Pigmente, Holz, Stroh, Fett, Knochen, Exkremente, Tierkadaver … Wieder andere Kunstrichtungen demonstrierten die eigene Vergänglichkeit durch die Ostentation von Verfalls- und Zersetzungsprozessen infolge von Witterung, Gärung, Fäulnis, Verderbnis … Ähnliche Engführungen mit Natur kennt auch die Musik. Schließlich bestehen die meisten Instrumente aus Naturmaterialien und haben Klänge auch eine physikalische Natur. Außerdem folgt die Ausbreitung von Schall im Raum bestimmten Naturgesetzen und gibt es naturgegebene physiologische Bedingungen des Hörens.

Jenseits programmatisch-klanglicher Analogien zu Elementargeistern, Erde, Wasser, Feuer, Luft oder konkreten Flüssen, Bergen, Heimatlandschaften, wie sie die Komponisten der Romantik beschworen, thematisieren etliche neue Werke Aspekte von Natur. Am 10. und 11. September findet im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf am Rande von Europas größter Plattenbausiedlung die 15. Ausgabe der „Pyramidale“ im gleichnamigen Ausstellungszentrum statt. Im Vorfeld der dort 2017 stattfindenden Internationalen Gartenbauausstellung geht es schon jetzt unter dem Thema „kultivieren & verwildern“ um Fragen der ebenso alten wie aktuellen Beziehungen von Natur-Kultur, Natur-Gesellschaft, Natur-Kunst. Uraufgeführt wird dabei vom Dresdner Vokalensemble AUDITIVVOKAL unter anderem Max E. Kellers „Silence, ça pousse!“, dessen Titel („Bitte Ruhe, es wächst“) sich einer Gartenratgeber-Sendung von TV-France verdankt und nicht zuletzt Dank lautstarker Gartengeräte auf musikalische Weise der Frage nachgeht, inwieweit der Mensch und Gartenbesitzer in selbständige Wachstumsprozesse durch Kultivieren, Pflegen, Jäten, Ernten, Stutzen eingreifen oder stilles Wachstum einfach aushören soll, so wie es in der 1220 entstandenen „Snorra-Edda“ der altnordische Wächter Heimdall tat: „Er kann auch hören, dass das Gras auf der Erde und die Wolle auf den Schafen wächst sowie überhaupt alles, was einen Laut von sich gibt.“ Weitere Uraufführungen stammen von Martin Daske, Michael Hirsch, Gabriel Iranyi, Thomas Gerwin, Maximilian Marcoll, Tomaz Bajzeli, Richard Emsley, Sebastian Stier, James Clarke, Susanne Stelzenbach und Johannes K. Hildebrandt.

Die Klangspuren Schwaz in Tirol präsentieren vom 08. bis 24. September Uraufführungen bevorzugt an Schnittpunkten von Kultur und Natur, etwa im Innsbrucker Treibhaus Unterm Volksgarten, der Viehversteigerungshalle Buch bei Jenbach sowie an diversen Stationen einer Pilgerwanderung vom Pass Strub nach Weitnau in St. Johann. Urheber der Novitäten sind Bernhard Gander, Simon Steen-Andersen, Hakan Ulus, Hikari Kiyama, Mirela Ivicevic, Alexander Kaiser, Achim Bornhöft und Christian Marclay. Alles schön und gut, aber wie sagte noch John Cage: „After all, nature is better than art.“

Weitere Uraufführungen:
07.09.: Michael Quell, „φαντασiα – lass die Moleküle rasen“ für Sopran und hinzutretenden sprechenden Pianisten, Musikakademie Basel
14.09.: Vito Žuraj, Konzert für zwei Orchester, Kölner Philharmonie
15.09.: Enrico Chapela, „Zimmergramm“ für Bundesjugendorchester, Beethovenhalle Beethovenfest Bonn
16.09.: Marcus Schmickler, „Richters Patterns – Musikalische Installation“ für 18 Musiker und Elektronik und Film von Corinna Belz nach einer Idee von Gerhard Richter, Kölner Philharmonie; Beat Furrer, Klarinettenquintett, Florenz; Charlotte Seither, Neues Werk für Klarinette und Streichquartett, Max-Reger-Tage Weiden
20.09.: Wolfgang Rihm, „Dort wie hier“, Zyklus aus einem Heine-Gedicht für Bariton und Klavier, Kölner Philharmonie

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