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Alle Artikel kategorisiert unter »Rainer Nonnenmann«

Reichtum und Krise

03.02.23 (Rainer Nonnenmann) -
Einst gab es nur eine Hand voll Festivals neuer Musik, die bevorzugt im Frühling und Herbst stattfanden. Heute sind es ganzjährig viele Dutzende, lokale, regionale, nationale, teils auf bestimmte Genres, Ensembles, Medien, Spielstätten und Interessengruppen zugeschnitten. Und immer weitere kommen hinzu, sowohl von renommierten Veranstaltern, potenten Institutionen und Sponsoren als auch von kleinen Vereinen, freiberuflichen Kollektiven, privatwirtschaftlichen Initiativen. Alle wollen Kräfte, Strukturen, Ideen, Finanz-, Personal- und Werbemittel bündeln, um nach Möglichkeit bestehende Kooperationen zu festigen und neue zu stiften.

Wie aus Gründern Antragssteller wurden

29.01.23 (Rainer Nonnenmann) -
Die Frage, was neue Musik ist und wodurch sie sich von anderen Musikarten unterscheidet, gibt seit jeher Anlass zu Diskussionen und Gründungen von Ensembles, Festivals und Vereinen, mit denen die Akteure ihre jeweiligen Vorstellungen von neuer Musik umzusetzen versuchen. Das war früher so, ist heute immer noch so, und wird in Zukunft wohl auch so bleiben.

Bemerkenswerter Künstler und Mensch

06.12.22 (Rainer Nonnenmann) -
Heute kennt man ihn fast nur noch als Pianisten und charaktervollen Akteur der neuen Musik der 1920er Jahre. Auch als Mitglied des ersten Programm­ausschusses der 1921 begründeten „Donaueschinger Kammermusikaufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst“ ist er in die Musikgeschichte eingegangen. 1896 in Livland geboren sowie dort und beim Liszt-Schüler Conrad Ansorge in Berlin ausgebildet, avancierte Eduard Erdmann nach dem Ersten Weltkrieg zu einer treibenden Kraft der neuen Musik, zunächst in der revolutionär gesinnten Berliner „Novembergruppe“ und der von Hermann Scherchen begründeten „Neuen Musikgesellschaft“.

Von Zirkeln und Kreisen

02.12.22 (Rainer Nonnenmann) -
Im Abschlusskonzert der diesjährigen Donaueschinger Musiktage gelangte Peter Ruzickas Violinkonzert „Eingedunkelt“ zur Uraufführung. Der Vorsitzende des Aufsichtsrats der Ernst von Siemens Musikstiftung schrieb dieses Werk für die Geigerin Carolin Widmann – Mitglied im Kuratorium der Ernst von Siemens Musikstiftung – im Auftrag des damaligen Leiters der Musiktage und Anwärters auf den Posten des Sekretärs des Kuratoriums der Ernst von Siemens Musikstiftung Björn Gottstein. Nun fördert die Ernst von Siemens Musikstiftung am 2. Dezember in der Tonhalle Zürich unter Intendantin Ilona Schmiel – ebenfalls Mitglied des Kuratoriums der Ernst von Siemens Musikstiftung – ein Gesprächskonzert mit Peter Ruzicka sowie ein Konzert des Tonhalle-Orchesters, das unter Ruzickas Leitung dessen Orchesterstück „Furioso“ zur Schweizer Erstaufführung und dessen Konzert für Viola und Orchester „Depart“ zur Uraufführung bringen wird. All dieser Eigennutz geschieht unter den Augen des Vorsitzenden des Aufsichtsrats der Ernst von Siemens Musikstiftung.

Dies- und jenseits des Horizonts

26.10.22 (Rainer Nonnenmann) -
Laut Duden benennt das Wort „Horizont“ die „scheinbare Begrenzungslinie zwischen Himmel und Erde“, zum Beispiel die weit draußen vor der Küste wetterbedingt mal schärfer konturierte oder weicher verbläuende Linie zwischen Meer und Himmel. Unser Sichtfeld wird in der Ferne durch Atmosphäre und Erdkrümmung begrenzt oder wahlweise näher durch Berge, Hügel, Wälder, Städte. Doch seit Kopernikus wissen wir, dass die Welt nicht am Horizont endet und man dort nicht – wie die antiken Seefahrer fürchteten – in einen gähnenden Abgrund stürzt, sondern dass es dahinter weitergeht und man einmal um den ganzen Globus segeln kann, bis man irgendwann eben da wieder landet, wo man losgefahren ist. Die etymologische Herkunft des Begriffs stammt aus dem griechischen horízon, Grenzlinie, Grenzkreis, Gesichtskreis. Ein Horizont ist demnach immer beschränkt, mal weiter oder enger, zugleich aber eben auch nur eine vom Gesichtspunkt abhängige „scheinbare Begrenzungslinie“.

Uraufführungen 2022/12

26.09.22 (Rainer Nonnenmann) -
Was sagen Zukunftsvisionen des Menschen über unsere Gegenwart? Sind die von Theologie, Philosophie, Politik, Technik, Kunst, Musik, Literatur und Film entworfenen Utopien und Dystopien nicht vor allem erhellende Diagnosen der jeweils gerade aktuell herrschenden Verhältnisse? Warum also gibt es momentan so viele Hoffnungen und Befürchtungen vom „neuen Menschen“? Vielleicht, weil es mit der Spezies Homo sapiens langsam aber sicher zu Ende geht angesichts von Seuchen, Kriegen, Diktaturen, Artensterben, Ressourcen-, Energie- und Klimakrisen? Gentechnik, Bionik, Robotik, Prothetik und Implantationsmedizin zielen darauf, die beschränkten physischen, kognitiven, sensuellen und motorischen Möglichkeiten des Menschen zu verbessern und zu erweitern. Informatik und Kybernetik arbeiten an künstlichen Intelligenzen und Cyborgs. Wieder andere Disziplinen erforschen Möglichkeiten der weltweiten Vernetzung und nachhaltigeren Einbindung des Menschen ins globale Ökosystem durch neuartige Symbiosen des humanen Organismus mit Mycelen und Bakterien.

Dem Wahren, Schönen, Guten

29.08.22 (Rainer Nonnenmann) -
Der Spruch prangt auf der Prachtfassade der Alten Oper Frankfurt, hinter der am 22. September Sarah Aris­tidou erstmalig Jörg Widmanns „Labyrinth V“ für Koloratursopran singen wird. Doch ereignet sich dann auch wirklich drinnen, was draußen steht? Oder haben Form und Inhalt ohnehin nichts miteinander zu tun? Immerhin war schon während des imperialen 19. Jahrhunderts die gewichtige Trias zu einer gängigen Redewendung herabgesunken, mit der klassisch gebildete Bürger auch ganz handfeste materielle Interessen kaschierten. Zuvor hatte Immanuel Kant Ende des 18. Jahrhunderts noch die Fragen nach der Möglichkeit von verstandesmäßiger Erkenntnis, sinnlicher Kunsterfahrung und praktischem Handeln in seinen drei kritischen Hauptschriften zu beantworten versucht und hatten Sokrates oder Platon diese philosophischen Kernthemen in verschiedenen Monologen erörtert. Nicht minder wichtig für das christlich geprägte Europa war freilich auch der von Paulus im ersten Korintherbrief des Neuen Testaments gesetzte Dreiklang Glaube, Liebe, Hoffnung.

In allem Anfang wohnt ein Ende

29.06.22 (Rainer Nonnenmann) -
Was macht eine Anzahl von Konzerten zu einer Konzertreihe? Welche Rolle spielen Ort, Zeit, Veranstalter, Profil, Programm? Im Fall von WORTKLANG­RAUM lassen sich diese Fragen leicht und geradezu exemplarisch beantworten. Schauplatz ist der Dialograum an Sankt Helena, ein nicht mehr als Kirche genutztes Gebäude im Bonner Norden, mit auffallend trockener, hellhöriger Akustik und bühnenartiger Erhöhung im ehemaligen Altarbereich. Bei freiem Eintritt und erbetener Spende gab es hier seit 2009 jeden ersten Mittwoch im Monat – von Pausen im Sommer und Winter abgesehen – Konzerte neuer Musik verbunden mit Textrezitationen. Zusammengestellt wurden die jährlich acht Programme vom Bonner Komponisten, Cellisten, Kunst- und Literaturbegeisterten Michael Denhoff, der jede Veranstaltung unter ein Motto stellte und dieses mit einer haikuartig verdichteten Betrachtung ankündigte.

Hell- und Dunkelhörig

27.06.22 (Rainer Nonnenmann) -
„Die Kunst sieht, was andere übersehen. Das heißt nicht, daß sie alles sieht, ganz im Gegenteil. Sie sieht ja nur das, was andere übersehen, und nicht das, was sie dabei selbst übersieht.“ So umreißt der Soziologe Dirk Baecker in seinem Buch „Wozu Kultur?“ (2000) kurz und bündig den Charakter von Kunst. Deren spezifischer Blick auf Welt, Natur, Mensch und Gesellschaft ist anders als die zweckgeleiteten Sichtweisen von Alltag, Wissenschaft, Politik, Berichterstattung und daher immer alternativ, erhellend, aufklärend, vielleicht sogar diagnostisch. Das gleiche gilt für Musik und ihr individuelles Lauschen auf das, was andere überhören. Doch Kunst und Musik sind nicht generell hellsichtig und hellhörig. Auch sie haben blinde Flecken und taube Stellen. Doch wo liegen die Dunkelfelder?

„Eine Explosion von Kreativität“

17.06.22 (Rainer Nonnenmann) -
„Wenn die Entfremdung zwischen ‚eigentlicher‘ (künstlerischer) und ‚uneigentlicher‘ Arbeit (Brotjob) zu groß ist, dann würde ich gerne für ein bedingungsloses Grundeinkommen votieren.“ (Charlotte Seither in einem Interview mit der nmz 7-8/2018: „Die wichtigen Dinge lassen sich nicht vermessen“). Unter Künstlern wird die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens, kurz BGE, immer wieder in Abständen diskutiert. Einen aktuellen Schub erhielt die Debatte durch die Auswirkungen der Corona-Epidemie auf die soziale Lage der soloselbständig tätigen Musiker, die von der damaligen Kulturministerin Monika Grütters die Empfehlung erhielten, in dieser Notlage doch die Grundsicherung in Anspruch zu nehmen. Anlässlich des Stationen-Konzerts von Landesmusikrat NRW und der „Arbeitsgemeinschaft Neue Musik“ (siehe Bericht Seite 15) sprach unser Autor Rainer Nonnenmann mit Michael Levedag vom „netzwerk Grundeinkommen“.
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