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Alle Artikel kategorisiert unter »Rainer Nonnenmann«

Tanz der Troglodyten

08.07.21 (Rainer Nonnenmann) -
Ein aufschlagender Tropfen verhallt in der Dunkelheit wie in einer riesigen Grotte. Hier ein Huschen, dort ein Flattern, da ein Rufen, Sirren und plötzlich Streichinstrumente. Zur mehrkanalig projizierten Elektronik erhellen aufblitzende Scheinwerferkegel nach und nach neben- und übereinander geschichtete Plateaus, bevölkert von seltsamen humanoiden Wesen. Manche verfügen über Fühler, Tentakel, Rüssel oder Schwänze. Andere haben Wülste, Schuppen, Flossen, Panzer, Blütenstengel oder neuartige Gliedmaßen ausgebildet. Die Spezies Homo sapiens ist – dank der Kostümbildnerinnen Sita Messer und Lauren Steel – zu Höhlenwesen mutiert, die sich primatenhaft „ha, he, ho, hi“ verlautbaren und bewegen.

Genozidales Potenzial?

29.06.21 (Rainer Nonnenmann) -
Alles Neue übt Kritik an Bestehendem. Auch in neuer Musik manifestiert sich kritischer Geist, jedoch meist nicht eindeutig und direkt greifbar, sondern auf unterschiedliche Weise, auf verschiedenen Ebenen, in mehrere Richtungen, thematisch unbestimmt, strukturell variabel, vielgestaltig, assoziativ, auratisch, schillernd, vage, traum- und rätselhaft. Der Innovationsdrang der westlichen Moderne führt folglich – könnte man denken – zu wachsender Ausdifferenzierung, Pluralität und Uneindeutigkeit. Die Kunsthistoriker Christian Saehrendt und Steen T. Kittl schreiben daher in ihrem Buch „Ist das Kunst oder kann das weg?“ (2016) der Kunst insgesamt die Fähigkeit zu, eben das auszubilden, „was die Psychologen ,Ambiguitätstoleranz“ nennen – die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten, unlösbare Widersprüche und Ungewissheiten auszuhalten, nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst.“ Das klingt vielversprechend. Doch stimmt es auch? Wird die helfende Kraft von Kunst, „eine differenziertere Gefühlskultur zu entwickeln“, womöglich idealisiert?

Wer nicht hören will, darf sehen

28.05.21 (Rainer Nonnenmann) -
„Man sieht etwas anderes, wenn man hört, und man hört etwas anderes, wenn man sieht.“ Auf diese griffige Formel brachte der französische Komponist und Regisseur Michel Chion die Wechselwirkung von Sehen und Hören. Dies setzt Maßstäbe für Verbindungen von Bild und Ton. Beide Dimensionen sollen nicht bloß parallel laufen, bezugslos bleiben oder sich wie beim Mickey Mousing verdoppeln, sondern wechselseitig kommentieren, komplettieren, kontrapunktieren, konterkarieren …

„Mutige Dinge tun“

28.05.21 (Rainer Nonnenmann) -
Wie andere Sendeanstalten steht auch der Westdeutsche Rundfunk gegenwärtig wegen unzureichender Erfüllung seines Kulturauftrags in der Kritik. Ein anderes Gesicht zeigt der Sender mit dem Vorstoß, die Konzerte des WDR-Sinfonieorchesters um „Miniaturen der Zeit“ zu bereichern. Gemeint sind maximal fünf Minuten dauernde Stücke verschiedener Besetzung, die an geeigneter Stelle im Konzertprogramm Hörerinnen und Hörer klassischer Musik mit etwas Anderem, Neuem, Aktuellem ansprechen und idealerweise für die Spezialreihe der Gegenwartsmusik „Musik der Zeit“ interessieren sollen.

Quo vadis homo visualis?

28.05.21 (Rainer Nonnenmann) -
Als die Bilder laufen lernten – später auch sprechen –, wurden Sehen und Hören an die Leine gelegt. Wie im Alltag waren die Sinne zwar auch in Theater, Oper und Konzert immer schon verkoppelt, aber der Blick war frei, hier und dorthin zu schweifen, dieses zu betrachten, jenes außer Acht zu lassen, das Ganze zu überblicken oder ein Detail zu fixieren. Diese Aktivitäten nahm der Film dem Auge ab, indem er auf dessen Trägheit setzte und statt 24 einzelner Bilder pro Sekunde den ein für alle Mal fixierten Kamerablick über die jedes Mal exakt identische Projektion eines Kinematographen sehen ließ.

Uraufführungen 2021/05

28.04.21 (Rainer Nonnenmann) -
Wie glücklich könnte man sein, würde man es auf Dauer nur besser mit sich selber aushalten! Doch schon Blaise Pascal erkannte: „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen.“ Einzelne tendieren vielleicht zu einsiedlerischer Stubenhockerei, doch die Gattung Mensch insgesamt ist nun einmal ein nomadisch veranlagtes zoon politikon, ein viel und weit durch Savannen, Großstädte oder Shoppingmalls schweifendes und Gemeinschaften jeglicher Art bildendes Wesen: Staaten, Familien, Freundeskreise, Lesezirkel, Diskussionsrunden, Thekenmannschaften, Reisegruppen, Sportvereine, Kegelclubs, Chöre, Orchester, Publikum …

Bestimmen und Zulassen

30.03.21 (Rainer Nonnenmann) -
Während sich Dirigenten vor großen Kollektiven zuweilen als Dompteure aufspielen, sind sie bei kleineren Ensembles eher eine Stimme unter anderen, weil alle solistisch besetzt sind und gleichermaßen zum Gelingen beitragen.

Bewahrer des WDR-Studios für elektronische Musik

30.03.21 (Rainer Nonnenmann) -
Während jahrzehntelanger Arbeit war ihm die analoge Tonbandtechnik in Fleisch und Blut übergegangen. Noch als rüstiger Rentner hantierte er wieselflink beim Einlegen, Schneiden, Kleben und Führen von Bändern über Maschinen, Teller, Tonköpfe, Schleifen. Begeistert und begeisternd erklärte er die Funktionen und Kombinationsmöglichkeiten von Sinus-, Impuls-, Sägezahn- und Rauschgeneratoren, Filtern, Bandmaschinen, Hallplatten. Mit Vorliebe demonstrierte er, wie sich neue Klänge aus zufälligen Radio­schnipseln generieren lassen, ebenso einfach wie auf hundertstel Sekunden genau durch Oktavieren, Loopen, Überlagern, Filtern, Verlangsamen, Beschleunigen, Rückwärtslauf et cetera. Der späteren Digitaltechnologie stand er jedoch fremdelnd gegenüber. Im Internet zeigen ihn viele Videos, wie er anschaulich Auskunft gibt über die alten Analog-Geräte, seltener über Synthesizer, Mischpulte, Sampler, Vocoder sowie digitale Prototypen der 1980er und 90er Jahre. Wenige Wochen vor seinem 79. Geburtstag ist Volker Müller am 16. Februar gestorben.

Düsseldorfer Zukunftsmusik

29.03.21 (Rainer Nonnenmann) -
Kultur findet momentan nicht statt, planen aber lässt sie sich allemal. Bei einigen der 83 öffentlich finanzierten Opernhäuser in Deutschland herrscht inmitten der erzwungenen Spielpause dennoch erhöhte Betriebsamkeit. Bei den Häusern in Bonn, Bayreuth, Düsseldorf, Dresden, Frankfurt, München und Stuttgart besteht dringender Sanierungsbedarf. Die Berliner Staatsoper hat ihre rund 400 Millionen Euro teure Grundinstandsetzung bereits hinter sich.

Agentur für Musikaussteiger

01.03.21 (Rainer Nonnenmann) -
Am Vorabend des zweiten Lockdown traf sich der Autor dieser Kolumne mit einem ehemaligen Instrumentalisten und Komponisten. Am Ecktisch einer Kneipe erzählte der Ex-Musiker, wie er schon vor Jahren jeglichem Musikschaffen entsagt habe, da er es leid gewesen sei, sich von einem Förderantrag zum nächsten Projekt mehr schlecht als recht über Wasser zu halten. Er habe sich daher eine andere Einnahmequelle besorgt, eine schöne lange Reise gemacht, dort eine liebe Frau kennengelernt und geheiratet. Nun sei er Familienvater, es ginge ihm besser denn je und das Musikmachen vermisse er im Übrigen überhaupt nicht.
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