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Alle Artikel kategorisiert unter »Rainer Nonnenmann«

Die Reise zur Quelle

26.09.19 (Rainer Nonnenmann) -
Einmal im Jahr pilgert die Karawane der Neuen Musik zur Quelle, um zu erfahren, was hier hoffentlich wieder neu, frisch und auch fürderhin unversiegbar hervorquillt. Dem Tross der nach langer verborgener Arbeit hier endlich ans Tageslicht tretenden Ensembles, Komponistinnen und Komponisten folgen zahlreiche Vertreterinnen und Vertreter von Rundfunkanstalten, Fachmagazinen, Zeitungen und Konzertveranstaltern, die über das Hervorgespülte berichten und manches davon über ihre eigenen Kanäle auch in andere Städte und Länder leiten. Auch heuer ist wieder Zeit für die Donaueschinger Musiktage.

Beine hoch! – Ein Tanzstück für Jubilar Jacques Offenbach in Köln

31.08.19 (Rainer Nonnenmann) -
Das Unwichtigste, weil am meisten Abgedroschene, wird an diesem Abend in der Kölner Orangerie gleich zu Anfang erledigt, eher pflichtschuldig statt mit zündendem Elan: Ein Tänzer singt mehr schlecht als recht Jacques Offenbachs Gassenhauer „Can Can“ auf die rhythmisch repetierten Silben „Babababibababaaa…“. Rainer Nonnenmann berichtet.

Sehnsucht

29.08.19 (Rainer Nonnenmann) -
Wer kann von sich sagen, sie oder er sei ganz erfüllt, von sich, dem Leben, allem Tun, Schaffen, Fühlen, Denken? Selbst bei allgemeiner Zufriedenheit verspüren wir ein Ungenügen. Das zeigt sich nicht zuletzt während der Sommer- und Urlaubszeit. Wir nehmen uns Auszeiten von Arbeit, Alltag und heimischer Umgebung. Wir fahren ans Meer, klettern auf Berge, bereisen fremde Länder, durchstreifen unbekannte Städte und Landschaften, besichtigen Museen, Schlösser, Burgen, Kirchen, Tempel, besuchen Familie, Freunde, Biergärten, Freizeitparks, Baggerseen …

Tasten nach anderen Welten

29.06.19 (Rainer Nonnenmann) -
Größer, höher, tiefer, schneller, lauter … Die bau-und spieltechnischen Entwicklungen des Pianofortes seit Ende des 18. Jahrhunderts sind vom selben Optimierungs- und Effizienzdenken geprägt wie das bürgerliche Wirt­schaftssystem. Beethoven, Liszt, De­bussy, Busoni, Ives, Rachmaninow, Bartók und andere griffen die von Klaviermanufakturen erweiterten Spiel- und Klangmöglichkeiten dankbar auf, um die ins­trumentalen und pianistischen Ausdrucksbereiche ihrerseits durch neue Klavierwerke über das bis dato Übliche zu strapazieren. Während der letzten hundert Jahre scheint sich der Konzertflügel indes kaum mehr verändert zu haben. Die schwarze Hochglanzpolitur wurde zum äußeren Sinnbild für die innere Standardisierung von Materialien und Bauart. Neben globalen Marktführern gibt es immer weniger Fabrikate und Unterschiede hinsichtlich Aussehen, Mechanik, Spielkultur, Registern, Klangfarben. Gleichwohl finden technische Entwicklungen weiterhin statt, mit Glasfaser oder Kohlenstoff sowie mit Elektronik, digitalen Schnittstellen, Transducern, Video, Internet und Social Media.

Irre Relevanz

29.06.19 (Rainer Nonnenmann) -
Um 1800 begannen Komponisten, verstärkt Auskünfte über die von ihnen komponierten Werke zu geben. Sie sprachen oder schrieben über Ideen, Techniken, Deutungen und erhoben Ansprüche. Sie hofften auf bessere Resonanz und Wirkung ihrer Arbeit bei Publikum, Mäzenen, Zeitgenossen und Nachwelt. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Und dennoch gibt es gegenwärtig fundamentale Verwerfungen. Akteure der neuen Musik geben sich nicht länger zufrieden, ihre Arbeit zu erklären, damit diese besser gehört sowie an andere Kontexte und Lebenserfahrungen angeschlossen werden kann. Statt Hörerinnen und Hörer sich eigene Meinungen über Wert und Bedeutung des Erlebten machen zu lassen, reklamiert man immer ausdrücklicher und lauter Aufmerksamkeit, Wichtigkeit und Aktualität.

Sinfonie der tausend Toten

06.06.19 (Rainer Nonnenmann) -
Die einen schippern aus Langeweile zum Jux übers Meer, die anderen treibt es aus Elend unter Lebensgefahr aufs Wasser. Hier beschweren sich Touristen über mangelnden Service auf einem Kreuzfahrtschiff, dort hört man einzelne Worte und dann ganze Schilderungen von Bootsflüchtlingen. Die schöne bunte Urlaubswelt bekommt Risse und hinein dringt eben das, was sich zur gleichen Zeit am selben Ort abspielt: Das Schicksal von Menschen, die einer Existenz in Armut, Hunger, Krieg und Folter übers Mittelmeer nach Europa zu entfliehen suchen. Auf dem Orchesterpodium der Kölner Philharmonie herrscht schließlich ein Gedränge wie von Flüchtlingen auf einem viel zu engen Schiff. Die Bühne wird zum Boot, in dem alle sitzen, auf Gedeih und Verderb.

Clara Schumann

29.05.19 (Rainer Nonnenmann) -
Am 13. September jährt sich ihr Geburtstag zum zweihundertsten Mal. Doch schon jetzt wird sie vielerorts gefeiert und von zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten mit Hommagen bedacht. Schon als junges Mädchen war sie von ihrem Vater umfassend musikalisch unterwiesen worden, in Klavier, Improvisation, Repertoirekenntnissen, sowie mit Hilfe weiterer Privatlehrer in Analyse und Komposition. Als Sechzehnjährige spielte sie im Leipziger Gewandhaus die Uraufführung ihres eigenen Klavierkonzerts op. 7 unter Mendelssohns Leitung.

(U)Topophonien

02.05.19 (Rainer Nonnenmann) -
Neue Musik spielt nicht nur in eigens für Konzertmusik ausgewiesenen Orten, Räumen, Philharmonien, Sendesälen. Die Gründe dafür sind teils fremdverschuldet, teils selbstgewollt. Sie liegen in der Ausgrenzung ungewöhnlicher Musikformen durch konservative Institutionen sowie im Bedürfnis nach topographisch, akustisch, architektonisch, funktional und sozial angemessenen Räumen für veränderte Produktions-, Präsentations- und Rezeptionsweisen, die sich nicht ohne Verlust bestehenden Dispositiven der Darbietung und Wahrnehmung ein- und anpassen lassen.

Unser „Wäre-Hätte-Könnte-Ich“

30.03.19 (Rainer Nonnenmann) -
Spätestens seit John Cage lässt sich in der neuen Musik alles Klingende und selbst Nicht-Klingende nehmen, machen, ein-, um- und ausarbeiten. Die Auffassung, es gäbe noch Material, dass sich künstlerischer Verwendung und Mitteilung entzieht, scheint ein Relikt der idealistischen Ästhetik des 19. Jahrhunderts zu sein. Ob das Benutzte aber wirklich ästhetischer Erfahrung zugänglich wird, lässt sich freilich nur im Einzelfall durch die Art seiner Verwendung, Formung, Präsentationsweise und situativen Kontextualisierung klären. Und damit ist man mitten im Zwist über Material-, Formal- und Gehaltsästhetik. Den neuralgischen Punkt dieser jahrhundertealten Debatte verdichtete der DDR-Dramatiker und Begründer der „sozialistischen Klassik“ Peter Hacks wie nebenbei im kleinen Dialog „Die Last mit der Lust“ (1990) zur lapidaren Feststellung: „Vor einem Publikum von Hungernden wäre auch das Essen nicht kunstfähig“. Wo exis-tenzielle Bedürfnisse unbefriedigt sind, bleibt das Gezeigte eben jenes Entbehrte, statt ästhetische Autonomie zu gewinnen und sich anderen Lesarten und Wahrnehmungsweisen zu öffnen.

Wir müssen reden !

27.02.19 (Rainer Nonnenmann) -
Experimentelle Konzepte der Produktion, Präsentation und Rezeption gehören zum Selbstverständnis neuer Musik, die sich durch kritische Selbstbefragung ihrer Innovationskraft und gesellschaftlichen Bedeutung versichert. Systembedingte Krisensymptome zeigen sich jedoch, wo nicht erst probiert, gefiltert, revidiert und optimiert wird, sondern dem Innovations-, Effizienz- und Finanzdruck gehorchend – Honorar gibt es nur für gelieferte Uraufführungen – halbfertige Prototypen veröffentlicht werden und immer mehr Musikschaffende und -veranstaltende der spezifischen Eigenart und Wirkungsmacht des Klingenden misstrauen. Sie setzen stattdessen auf Bilder, Filme, Games, Wörter, deren angeblich größere soziale Relevanz man mehr reklamiert als ästhetisch realisiert. Der Reflex auf die Beziehungskrise zwischen Komponierenden, Musik, Publikum und Gesellschaft lautet immer häufiger: Wir müssen reden!
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