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Alle Artikel kategorisiert unter »Rainer Nonnenmann«

Hybridisierung

31.01.18 (Rainer Nonnenmann) -
Schubladen sind etwas für Aufräumer, Sammler, Systematiker. Kunst und Leben entziehen sich dagegen meist klaren Zuschreibungen und Festlegungen auf bestimmte Begriffe und Klassifikationen. Oft herrschen eher Umhertasten, Schwanken, Vagieren, Fluktuieren, Wildwuchs oder gezieltes Überschreiten von Grenzen. Schon die Romantiker experimentierten mit Verschlingungen der klassizistisch kodifizierten Formen und Gattungen: Romane enthielten Gedichte, Gedichte wurden episch, Dramen waren zum Lesen, Dichtung wurde philosophisch, Philosophie aphoristisch.

Freiheit der Kunst

29.11.17 (Rainer Nonnenmann) -
Neue Musik ist keine abgeschlossene Sondersphäre. Als Teil des „Systems Kunst“ – so Niklas Luhmann – ist sie stets ein Element unserer komplex ausdifferenzierten Gesellschaft. Frau Musica nova ist keine fensterlose Monade, lümmelt nicht in abgehobenen Wolkenkuckucksheimen, verkriecht sich vor der rauen Wirklichkeit nicht in elfenbeinerne Türme.

Kino, Killer, Klang

31.10.17 (Rainer Nonnenmann) -
Die Klassifikation von Künsten, Disziplinen, Gattungen, Arten und Formen entspringt derselben spätaufklärerischen Kategorisierungsbesessenheit, mit der man auch Flora, Fauna, Gesteine, Erdzeitalter und die Elemente in Spezies und Unterspezies einteilte. Angesichts der Vielstimmigkeit und Komplexität dessen, was Kunst und Welt bedeuten, blieben solche Versuche immer hilfloses Schulmeisterwissen.

Beziehungskisten

04.10.17 (Rainer Nonnenmann) -
Keine Musik ist voraussetzungs- und kontextlos. Jede ist geprägt durch einen historischen, kulturellen und sozialen Ort. Alle Musik steht in Erfahrungs-, Beziehungs- und Sinnzusammenhängen. Gemeinsam mit den materialen, strukturellen und formalen Eigenschaften eines Stücks tragen diese Zusammenhänge zu dessen Wirkung und Gehalt bei. Das klingt abstrakt, ist im Einzelfall aber oft recht konkret, selbst wenn sich die Kontexte zuweilen erst durch eingehende Analysen der Faktur, Quellen, Skizzen und Entstehungsbedingungen eines Werks erschließen. Manchmal liegen konkrete Bezugnahmen jedoch auch offen zu Tage und sind sogar Auslöser und Zentrum eines Stücks.

Musik mobil

01.09.17 (Rainer Nonnenmann) -
Von der Wiege bis zur Bahre sind wir auf individuellen Lebensreisen unterwegs. Manche ziehen größere Kreise, andere kleinere. Alle sind wir auf dem Weg, auf geraden oder verschlungenen Bahnen zu klaren oder vagen Zielen. Die ersten Menschen waren Nomaden und folgten den jahreszeitlich wechselnden Nahrungsangeboten von Flora und Fauna. Alle Weltreligionen kennen Pilgerschaften und Wallfahrten.

Abfall vom Beifall?

30.06.17 (Rainer Nonnenmann) -
Der Komponist hat eine neue Partitur geschrieben, die Musiker haben das Werk einstudiert, schließlich vor Publikum zur Uraufführung gebracht, und dann folgt: Applaus. Diese ebenso spontane wie flüchtige Reaktion der versammelten Hörerinnen und Hörer ist keine besonders qualifizierte Antwort auf die Leistung der beteiligten Künstler. Das Händeklatschen liefert weder einen substanziellen Diskussionsbeitrag zum eben gehörten Werk noch ein wohl fundiertes Argument zum allgemeinen Diskurs der Neuen Musik. In Geschichte und Gegenwart gab es daher immer wieder Musiker – einst etwa Schönberg mit seinem Wiener „Verein für musikalische Privataufführungen“, gegenwärtig etwa Johannes Kreidler –, die Beifallskundgebungen jeglicher Art für unangemessen, unsachlich, primitiv hielten und daher am liebsten untersagt hätten.

Neofunktionalismus

30.05.17 (Rainer Nonnenmann) -
Die im Rahmen von Spezialfestivals für neue, neueste, aktuelle und zeitgenössische Musik uraufgeführten Stücke stehen zumeist nicht in bestimmten Gattungstraditionen. Als Solitäre verorten sie sich allenfalls in der Nachfolge der von herkömmlichen Besetzungen, Formen und Ausdrucks­idealen sich nominalistisch lösenden Moderne und Avantgarde. Jenseits dieser Inner Circle der neuen Musik pflegen andere Auftraggeber, Veranstalter und Interpreten jedoch sehr wohl alte Gattungen: Oper, Oratorium, Kantate, Lied, Tondichtung, Weltanschauungs-Sinfonik, in klanglich mehr oder minder neuem Gewand.

Alter Meister ganz jung

01.05.17 (Rainer Nonnenmann) -
Die in komplex ausdifferenzierten Gesellschaften institutionell getrennten Sphären des menschlichen Denkens, Fühlens, Wissens und Handelns bringt er zusammen. In seinen Werken kreuzt er Materialien unterschiedlicher Herkunft und Medialität. Und seine Musik fragt nach dem Verhältnis von künstlerischer Absicht, kompositorischer Umsetzung, gesellschaftlicher Relevanz und ästhetisch-politischer Wirkung. Die Rede ist nicht von einem der jüngeren Komponisten, die in letzter Zeit durch griffige Selbstverschlagwortungen die Differenz von Kunst und Leben aufzuheben suchen: „Diesseitigkeit“ (Martin Schüttler), „Neuer Konzeptualismus“ (Johannes Kreidler), „Diskurskomposition“ (Patrick Frank), „Extended Music“ (Simon Steen-Andersen), „New Discipline“ (Jenifer Walshe), „Contextual Composing“ (Michael Maierhof), „Social Composing“ (Brigitta Muntendorf) …

„Der Musiker muss schwitzen“

23.04.17 (Rainer Nonnenmann) -
Das Kölner Festival „Acht Brücken“ 2017 widmet vom 28. April bis 7. Mai Unsuk Chin einen Schwerpunkt. 13 Werke der südkoreanischen Komponistin gelangen zur Aufführung, darunter groß besetzte Ensemble-, Konzert- und Orchesterwerke. Chin wurde 1961 in Seoul geboren, studierte dort Komposition und ab 1985 dank eines DAAD-Stipendiums bei György Ligeti in Hamburg. Seit 1988 lebt sie in Berlin. Mit ihr sprach Rainer Nonnenmann.

Re-Formation

02.04.17 (Rainer Nonnenmann) -
Jahrhunderte lang gab die Kirche neue Musik in Auftrag und stellte dafür Räume, Chöre, Solisten und Instrumentalisten zur Verfügung. Das Schaffen von Dufay, Ockeghem, Lassus, de Rore, Gabrieli, Monteverdi, Schütz, Bach und vielen anderen ist anders nicht denkbar.
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