Unsere Artikel sind vielfältig kategorisiert – nutzen sie z.B. die Auflistung der populärsten Tags in der rechten Seitenleiste, oder besuchen sie die Tag-Seite. Außerdem können sie über Rubriken, Genres und Orte navigieren.

Alle Artikel kategorisiert unter »Rainer Nonnenmann«

Sinfonie der tausend Toten

06.06.19 (Rainer Nonnenmann) -
Die einen schippern aus Langeweile zum Jux übers Meer, die anderen treibt es aus Elend unter Lebensgefahr aufs Wasser. Hier beschweren sich Touristen über mangelnden Service auf einem Kreuzfahrtschiff, dort hört man einzelne Worte und dann ganze Schilderungen von Bootsflüchtlingen. Die schöne bunte Urlaubswelt bekommt Risse und hinein dringt eben das, was sich zur gleichen Zeit am selben Ort abspielt: Das Schicksal von Menschen, die einer Existenz in Armut, Hunger, Krieg und Folter übers Mittelmeer nach Europa zu entfliehen suchen. Auf dem Orchesterpodium der Kölner Philharmonie herrscht schließlich ein Gedränge wie von Flüchtlingen auf einem viel zu engen Schiff. Die Bühne wird zum Boot, in dem alle sitzen, auf Gedeih und Verderb.
Dieser Artikel ist nicht zur Ansicht freigegeben.

Clara Schumann

29.05.19 (Rainer Nonnenmann) -
Am 13. September jährt sich ihr Geburtstag zum zweihundertsten Mal. Doch schon jetzt wird sie vielerorts gefeiert und von zeitgenössischen Komponistinnen und Komponisten mit Hommagen bedacht. Schon als junges Mädchen war sie von ihrem Vater umfassend musikalisch unterwiesen worden, in Klavier, Improvisation, Repertoirekenntnissen, sowie mit Hilfe weiterer Privatlehrer in Analyse und Komposition. Als Sechzehnjährige spielte sie im Leipziger Gewandhaus die Uraufführung ihres eigenen Klavierkonzerts op. 7 unter Mendelssohns Leitung.

(U)Topophonien

02.05.19 (Rainer Nonnenmann) -
Neue Musik spielt nicht nur in eigens für Konzertmusik ausgewiesenen Orten, Räumen, Philharmonien, Sendesälen. Die Gründe dafür sind teils fremdverschuldet, teils selbstgewollt. Sie liegen in der Ausgrenzung ungewöhnlicher Musikformen durch konservative Institutionen sowie im Bedürfnis nach topographisch, akustisch, architektonisch, funktional und sozial angemessenen Räumen für veränderte Produktions-, Präsentations- und Rezeptionsweisen, die sich nicht ohne Verlust bestehenden Dispositiven der Darbietung und Wahrnehmung ein- und anpassen lassen.

Unser „Wäre-Hätte-Könnte-Ich“

30.03.19 (Rainer Nonnenmann) -
Spätestens seit John Cage lässt sich in der neuen Musik alles Klingende und selbst Nicht-Klingende nehmen, machen, ein-, um- und ausarbeiten. Die Auffassung, es gäbe noch Material, dass sich künstlerischer Verwendung und Mitteilung entzieht, scheint ein Relikt der idealistischen Ästhetik des 19. Jahrhunderts zu sein. Ob das Benutzte aber wirklich ästhetischer Erfahrung zugänglich wird, lässt sich freilich nur im Einzelfall durch die Art seiner Verwendung, Formung, Präsentationsweise und situativen Kontextualisierung klären. Und damit ist man mitten im Zwist über Material-, Formal- und Gehaltsästhetik. Den neuralgischen Punkt dieser jahrhundertealten Debatte verdichtete der DDR-Dramatiker und Begründer der „sozialistischen Klassik“ Peter Hacks wie nebenbei im kleinen Dialog „Die Last mit der Lust“ (1990) zur lapidaren Feststellung: „Vor einem Publikum von Hungernden wäre auch das Essen nicht kunstfähig“. Wo exis-tenzielle Bedürfnisse unbefriedigt sind, bleibt das Gezeigte eben jenes Entbehrte, statt ästhetische Autonomie zu gewinnen und sich anderen Lesarten und Wahrnehmungsweisen zu öffnen.

Wir müssen reden !

27.02.19 (Rainer Nonnenmann) -
Experimentelle Konzepte der Produktion, Präsentation und Rezeption gehören zum Selbstverständnis neuer Musik, die sich durch kritische Selbstbefragung ihrer Innovationskraft und gesellschaftlichen Bedeutung versichert. Systembedingte Krisensymptome zeigen sich jedoch, wo nicht erst probiert, gefiltert, revidiert und optimiert wird, sondern dem Innovations-, Effizienz- und Finanzdruck gehorchend – Honorar gibt es nur für gelieferte Uraufführungen – halbfertige Prototypen veröffentlicht werden und immer mehr Musikschaffende und -veranstaltende der spezifischen Eigenart und Wirkungsmacht des Klingenden misstrauen. Sie setzen stattdessen auf Bilder, Filme, Games, Wörter, deren angeblich größere soziale Relevanz man mehr reklamiert als ästhetisch realisiert. Der Reflex auf die Beziehungskrise zwischen Komponierenden, Musik, Publikum und Gesellschaft lautet immer häufiger: Wir müssen reden!

Werde, der du bist!

27.02.19 (Rainer Nonnenmann) -
An einer Säule des Apollontempels im Orakel von Delphi lasen die Pilger vor zweieinhalbtausend Jahren die Aufforderung „Γνῶθι σεαυτόν“, „Erkenne dich selbst!“ Im selben Sinne gab der antike Dichter Pindar in seinen „Pythischen Oden“ den Zuhörern und Lesern den Rat „Werde, der du bist!“. Friedrich Nietzsche formte daraus schließlich den Untertitel „Wie man wird, was man ist“ zu seiner autobiografischen Spätschrift „Ecce homo“. Doch wie erfährt man eigentlich, wer man ist? Wie kann man überhaupt werden, was man doch schon ist? Oder haben Herkunft, Sprache, Religion, Moral, Kunst, Kultur und Kommerz längst etwas aus mir gemacht, was ich gerade nicht bin? Sind Geschichte, Tradition, Familie, Gesellschaft, Vorbilder verschiedene Wege zu mir selbst, oder lenken sie mich von mir ab? Das führt zum Kern der Frage: Wie unterscheide ich das, was ich tatsächlich bin, von dem, was andere von mir denken oder wollen, dass ich sei?

Viele Worte machen wollen

30.01.19 (Rainer Nonnenmann) -
Mit ebenso theologischer wie musik­ästhetischer Bedeutung ließ Arnold Schönberg in seinem Opernfragment „Moses und Aron“ den jüdischen Gesetzesüberbringer seufzen: „O Wort, du Wort, das mir fehlt!“ Die Neue Musik scheint inzwischen zumindest ihre Sprachlosigkeit nicht nur überwunden, sondern geradezu ins Gegenteil verkehrt zu haben. O all ihr Wörter, die auf uns eindringen! Statt Musik als eigenen Sinnzusammenhang zu entwickeln, ziehen immer mehr Komponistinnen und Komponisten aus Worten für ihre Werke Sinn, Inhalt, Struktur und Form.

Uraufführungen 2018/12-2019/01

29.11.18 (Rainer Nonnenmann) -
Aufklärung, Rationalismus und Funktionalismus haben Religion, Kultus, Philosophie und Kunst zunehmend aus unserem Leben verdrängt. An die Stelle existentieller Eingebundenheit in übergeordnete Zusammenhänge, Sinnstiftungen, Welt- und Selbsterklärungsmodelle trat die Kurzatmigkeit des Terminkalenders: Tag für Tag hasten wir am Fließband durch To-do-Listen, Informationshäppchen, Clicks, Likes, Tweets, Mails, Entertainment, Talkrunden, politische Phrasen.

Revolution der Wahrnehmung

31.10.18 (Rainer Nonnenmann) -
Schon Karl Marx hatte erkannt, dass die menschlichen Sinne nicht nur physiologisch und psychologisch bedingt sind, sondern vor allem geschichtlich und gesellschaftlich, geformt durch menschliches Handeln und Denken. Damit die Menschen die von ihnen geschaffenen sozioökonomischen Verhältnisse überhaupt erkennen können, um sie gegebenenfalls auch zu verändern, müssen daher ihre Sinne zunächst einmal für eben diese Prägungen geschärft werden. Ein Jahrhundert später zog daraus Herbert Marcuse den Schluss: „Die Revolution muß gleichzeitig eine Revolution der Wahrnehmung sein“.
Inhalt abgleichen

Das könnte Sie auch interessieren: