Alleingänge

Jazzneuheiten, vorgestellt von Hans-Dieter Grünefeld


(nmz) -
Den Eigenschwingungen vertrauend, haben einige Jazzer ohne Begleitung (außer gegebenenfalls durch sich selbst im Mehrspurverfahren) persönliche Sujets dargestellt.
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Ihrem Ehemann John ideell folgend, wandte sich Alice Coltrane meditativen Praktiken aus Indien zu, ließ sich zum Guru ausbilden und gründete ihren Ashram 1981 nahe Los Angeles. Für ihre Studierenden komponierte sie „Kirtan: Turiya Sings“, spirituelle Songs, die zunächst auf Kassette, jetzt als von ihrem Sohn Ravi produziertes Album postum herausgekommen sind. Ein ziemlich exotisches Projekt, denn Alice Coltrane füllt in Sanskrit deklamierte Mantras mit Gospel- und Jazz-Akkorden an der Orgel, sodass doppelte Spiritualität entsteht: aus monoton wiederholtem Silben-Cantus und christlichem Kirchengefühl. Scheinbar disparate Sphären fügen sich da in unerwarteter Kohärenz. (Impulse)

Ebenso bei Stephan Micus, dessen Zyklus „Winter’s End“ mit elf Instrumenten aus zehn Ländern geformt ist. Die charakteristischen Kombinationen kennzeichnen verschiedene geographische Spots, wobei sich beim Aufbruch mit der „Autumn Hymn“ Himmel (japanische Nohkan-Flöte) und Erde (3 Bass-Chikulo / Holz-Xylophone aus Mosambik) wie eine spirituelle Säule verbinden. Dieser Wunsch zeigt sich in melodischen Popqualitäten auch bei „Walking Snow“ mit 12-saitiger Gitarre und vervielfachtem Gesang zu „Longing Of The Migrant Birds“ und anderen Szenarien subtiler Impressionen. Die gleiche Overdubbing-Methode verwendete auch Mohammad Reza Mortazavi für sein „Prisma“ (Flowfish), allerdings für Rhythmus-Choreograpien aus diversen Konstellationen. So schieben sich unterschiedlich gestimmte Klanghölzer in schnelle Trommel-„Circulation“ und verändern die kinetischen Timbres. Oder ein sehr tiefer Groove in „Eleven“ wird von Ornamenten und Vocalisen umhüllt. Mohammad Reza Mortazavi zieht viele Register, um perkussive Energie und Eleganz optimal zu vereinbaren. (ECM)

Auf Delays wollte auch Hybridbass-Pionier Eberhard Weber zugunsten flexiblerer Dramaturgie nicht verzichten. „Once Upon A Time – Live In Avignon 1994“, nicht nur ein Hinweis auf die verspätete Publikation, sondern auch auf epischen Stil, beginnt mit chromatischen „Pendulum“-Imitationen, die Eberhard Weber virtuos kommentiert. Kernige Improvisationen zu „singendem“ Cantus firmus zeigen sich beim „Trio For Bassoon And Bass“-Loop, kontrastiv als perkussive Flageolett-Euphorie bei „Ready Out There“. Das Solo-Potenzial eines Basses ist hier maximal ausgereizt und wie in einem Roman ausgebreitet. (ECM)

Erlebnisse und Momente, die ihm wichtig waren, nennt der Pianist Tuomas A. Turunen „Lifesparks“, und erzählt davon, wie sie über romantische Ondulationen zu ungetrübter Freude wachsen können („Grow“). Aber auch eine „Metropol Round“ gehört dazu, deren Rubato-Monolog geschickt zwischen rechter und linker Hand gestaltet wird. Seine Klavier-Anekdoten haben bei sehr kultiviertem Anschlag stets Esprit. (Skip)

Mehr dem Minimal-Stil zugeneigt ist der Pianist Aki Rissanen, der entlang eines „Divided Horizon“ verschiedene Klangterritorien betritt: perlende Arpeggi kreuzen sich im „Vallons“-Groove, eine Bass-Figur und ein Song-Motiv formen sich wie bei einem Webstuhl zu einem versprenkelten Muster und nervöse Patterns werden von Elektropixeln des ominösen Omniwerks aufgerippelt, als ob eine Geisterhand im Hintergrund hilft. Art est celare artem - Aki Rissanen verbirgt seine Raffinesse in geschickter Camouflage. Sein Alleingang ist wie die anderen erwähnten von selbstbewusster Courage geprägt. (Edition Records)

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