An der unsichtbaren Front

www.beckmesser.de (2015/06)


(nmz) -
Bis 1989 war Berlin eine sogenannte Frontstadt, und für ihr Überleben spielte die Kultur eine wichtige Rolle. „Schaufenster des freien Westens“ hieß das damals. Heute verläuft die Front weiter östlich, durch die Staaten im Einflussbereich der früheren Sowjetunion, und sie ist von anderer Gestalt. Es gibt keine Mauer und keinen Schießbefehl mehr. Die Front geht heute mitten durch die Gesellschaft und den Alltag hindurch. Sie ist unsichtbar, aber man kann sie spüren.
Ein Artikel von Max Nyffeler

Auch Tallinn ist heute eine Frontstadt. Diesen Eindruck gewann man jetzt beim Besuch in der estnischen Hauptstadt, wo mit großer internationaler Resonanz „Adam’s Passion“ von Arvo Pärt, inszeniert von Robert Wilson, über die Bühne ging. Der Ort der Uraufführung war mit Bedacht gewählt: eine alte Industriehalle im Hafengelände, die der russischen Kriegsmarine seit der Zarenzeit als U-Bootfabrik gedient hatte. Hier trat der unsichtbare Frontverlauf einen Moment lang in Erscheinung. Alt und Neu prallten aufeinander, das hässliche Denkmal imperialer Herrschaft wurde zum Schauplatz eines Musiktheaters, das unverkennbar spirituelle Züge trug und den westlichen Ideen von individueller Freiheit verpflichtet war. Ästhetische Transzendenz und politische Transformation überkreuzten sich.

Der Transformationsprozess, den die estnische Gesellschaft seit der Unabhängigkeit des Landes 1990 durchläuft, ist noch nicht abgeschlossen, die Vergangenheit kehrt seit einiger Zeit sogar wieder auf bedrohliche Weise zurück. Das Land liegt seit alters her im Schnittpunkt der Kulturen und politischen Einfluss-Sphären. Auf die Nazibesetzung im Zweiten Weltkrieg folgten fünfundvierzig Jahre Sowjetherrschaft und eine Politik der Russifizierung, mit dem Resultat, dass heute ein Drittel der 1,3 Millionen Einwohner Russen sind. Sie schotten sich gegen die westlich orientierten Esten eher ab; viele von ihnen haben bis heute keinen estnischen Pass und könnten jederzeit einen russischen beantragen. Die bevölkerungspolitische Zeitbombe kann von Putin nach dem Muster der Ostukraine jederzeit gezündet werden.

In dieser Situation braucht es nicht nur eine Nato, um die russischen Begehrlichkeiten zu dämpfen. Auch die Kultur ist dabei von herausragender Bedeutung. Um die Integration zu fördern und der Propaganda aus dem Osten zu begegnen, richtete das weltweit gut vernetzte estnische Fernsehen vor kurzem, reichlich spät, einen russischsprachigen Kanal ein. Die Mehrheitsgesellschaft vergewissert sich der eigenen kulturellen Wurzeln und intensiviert zugleich die kulturelle Anbindung an den Westen. Eine Figur wie Arvo Pärt spielt in dieser Konstellation eine gewichtige Rolle. Im eigenen Land als Nationalkünstler verehrt und international einer der erfolgreichsten lebenden Komponisten, ist er ungewollt zu einer Art von estnischem Kulturbotschafter in der Welt geworden, ähnlich wie die Dirigenten aus der Järvi-Familie und herausragende Gesangsensembles wie „Hortus Musicus“, „Vox Clamantis“ und der von Tõnu Kaljuste geleitete Philharmonische Kammerchor, der nun auch bei der Wilson-Produktion dabei war. Im Inneren wird das aktuelle Schaffen nach Kräften gefördert, inklusive experimenteller Formen unter Einbeziehung der neuen Medien. Neue Veranstaltungsorte werden eröffnet, in einem ehemaligen Industriegebäude nahe der Innenstadt Tallinns entsteht ein multifunktionales Kulturzentrum. Eine moderne, westlich ausgerichtete Kulturszene wächst heran. Am Rande Europas gibt es für uns viel zu entdecken.

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