Aus einem Schuhkarton wird kein Weinberg

Das Berliner Jazzfest 2019 als akustisch-optisches Experiment


(nmz) -
„Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“, sagt ein Sprichwort. Es trifft auf das diesjährige Jazzfest Berlin zur Hälfte zu, wesentlich bestimmt jedoch zur akustischen und optischen. Die Auftritte der Jazzmusikerinnen im Haus der Berliner Festspiele fanden nach wie vor zwar auf der hauseigenen Bühne statt, die aber nun ebenerdig liegt und an der Seite wie von hinten durch weitere Zuschauerränge gerahmt wurde. Die ersten Sitzreihen wurden abgebaut und durch Liegematten ersetzt. Alles offenbar mit dem Wunsch, zwischen Publikum und Musikerinnen eine gewisse Nähe zu schaffen. Das Ergebnis, je nach Platz oder Lage, war jedoch sowohl akustisch wie optisch annähernd katastrophal.
Ein Artikel von Martin Hufner

Aus einem Schuhkarton lässt sich kein Weinberg machen. Saß man hinter den Musikerinnen, konnte es sein, dass man sie nun gar nicht mehr wahrnahm, weil Instrumente die Sicht verstellten. Durch einen für den Abend vorfixierten Aufbau (die Drehbühne musste natürlich außer Betrieb gestellt werden), spielten dann auch mal die Musikerinnen des einen Acts gedrängt in einer Ecke, die nachfolgende Gruppe dann zur Seite auf die Nebentribüne. Einigermaßen optimal war die Situation auf diese Weise vor allem für das an zwei Abenden live übertragene „ARTE in concert“.

Für den Rezensenten, der an zwei Abenden Plätze hinter der Bühne zugewiesen bekam, war es damit misslich, sich ein Urteil vor Ort zu bilden. Im zweiten Jahr der Programmierung des Jazzfests durch Nadin Deventer ging dadurch manches in die akus­tisch-musikalische Hose. Problematisch muss es ebenso erscheinen, dass auch Musikerinnen in diesem Jahr wieder auf der Bühne ihre Musik präsentierten, die erst vor wenigen Jahren auf dem Festival ihre Auftritte hatten (Ambrose Akinmusire, Eve Risser, Joa­chim Kühn). Nach dem Chicago-Schwerpunkt im letzten Jahr folgte jetzt eine Petrifizierung der Achse Zentraleuropa (Berlin)/USA. Ist die Szene wirklich so klein?

Natürlich ist sie das nicht. So eng das globallokale Konzept auch scheint, es ist schließlich die Musik, die einen mitnimmt oder fortreißt oder eben gähnend zurücklässt. Denn so schlecht der Ort des Festspielhauses auch umgebaut war, das Jazzfest begann mit einer sechsstündigen Performance von Werken Antony Braxtons im Gropius-Bau, einem Museum für moderne Kunst. Über 50 Musikerinnen spielten sich da in wechselnden Besetzungen durchs Gebäude. Mal sich versammelnd, sich kreuzend, mal den Raum auch mit akustischer Leere füllend. Hier stimmte noch alles: Die eigenartigen Werke Braxtons und die Modernität der Kunst in den Räumen in dem Gebäude aus dem 19. Jahrhundert. Ereignis (Event) und Raum (Location) korrelierten miteinander. Wunderbar.

Gut weg kamen auch die beiden Solo-Piano-Performances von Eve Risser am präparierten stehenden Klavier (außer für das Publikum hinter der Bühne) mit ihrem komplex-simplen zum durchgestimmten Schlagzeug uminterpretierten „Klangkörper“ oder die des Amerikaners Brian Marsella, der ein rhapsodisches Feuerwerk zündete, das kreuz und quer die Jazzgeschichte stilis­tisch durchmaß. Den neu gestalteten Raum des Festspielhauses bespielte ebenso geschickt das im Kreis aufgestellte KIM Collective (aus Berlin) mit einer selbst so genannten „The Mass of Hyphae a KIM Collective Fungus Opera“, die ein quirlig arrangiertes buntes Nummernstück bot, das tatsächlich performante Elemente enthielt, die zwischen Laientheater und musikalischer Hypertrophie changierten und darin unglaublich frisch wirkte.

Faszinierend auch die clubbigen Auftritte von Angel Bat Dawid & The Bro­thahood in der Kassenhalle des Festspielhauses, das zu einem mythischen Ereignis wurde oder der kleine Auftritt von Schlagzeuger Paul Lovens mit dem Gitarristen Florian Stoffner anlässlich der Verleihung des Albert-Mangelsdorff-Preises an Lovens: Zwei längere und zwei kürzere Kollektivimprovisationen mit einer zärtlich verschrobenen Zugabe des Beatles Klassikers „Blackbird“: Klingendes Glück aus Spontaneität – gesamtgehörtes, feinteiliges, dünnhäutiges, schwebendes Musizieren.

Dagegen konnte Christian Lillinger mit seiner komplex-kalten „Open Form for Society“ im neunköpfigen Ensemble die Herzen des Publikums nur schwer erreichen. Zwischen Komposition und Improvisation füllte sein Konzept eine Lücke. über die jedoch kaum begehbare Brücken gebaut wurden und das den Rezensenten ohnehin nur schwer akustisch erreichen konnte. Dabei wäre es so nötig, derlei Musik einmal unter optimalen Klangbedingungen live zu hören und nicht etwa von eiskalten Tonträgern.

Wärmer hatte es da Anthony Braxton am letzten Tag in seiner siebenköpfigen Formation (zwei Harfen, Violine, Tuba, Akkordeon, zweierlei Saxophonspielende). Seine ZIM-Music wirkte allerdings nicht immer akustisch oder kompositorisch zwingend, weil sie sich durch manche parallel laufende Improvisationsprozesse gerne selbst im Weg stand und damit eine künstliche Komplexität erzeugt, die innermusikalisch leider häufig verpuffte.

Im nächsten Jahr schon hat die Leiterin des Jazzfests Berlin Nadin Deventer die letzte Chance, ihre Festivalkomposition zu gestalten. Maximal drei Jahre Arbeit sind ein wirklich undankbarer Zeitraum: Man hat kaum Zeit für Experimente und muss zugleich auch daran denken, dass man in dieser kleinen Megalopolis Berlin sein Publikum in die Bude bekommt. Wohin die Fahrt jetzt geht? Abwarten.


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