Aus Paul Frankenburger wurde Paul Ben-Haim

Entdeckungen beim Berliner New Life Festival


(nmz) -
Eine goldene Sonne über einem blauen Meer prangte auf dem Plakat. Das neue New Life Festival wurde wie eine New-Age-Veranstaltung angekündigt. Die Besucher wurden aufgefordert, die hoffnungsgebende Kraft der Musik zu spüren und mitzufeiern. Im Kleingedruckten fand man dann die Information, dass es sich um ein Projekt des Vereins „KOL – Jüdische Musik beleben und erleben e.V.“ handelte. Die jüdische Sängerin und Kantorin Mimi Sheffer wollte damit anlässlich des 120. Geburtstags von Paul Ben-Haim die Musik geflüchteter jüdischer Komponisten vorstellen. Im Zentrum stand die Begegnung mit israelischer Musik unter Beteiligung israelischer Musikforscher und Interpreten. Botschafter Yakov Hadas-Handelsman, der Schirmherr des Festivals, betonte in seinem Grußwort die kulturelle Verbundenheit zwischen Israel und Deutschland.
Ein Artikel von Albrecht Dümling

Paul Ben-Haim wurde als Paul Frankenburger 1897 in München geboren und studierte an der Münchner Akademie der Tonkunst Komposition bei Friedrich Klose und Walter Courvoisier. 1931 verlor er seine Kapellmeisterstelle am Augsburger Stadttheater und übersiedelte nach antisemitischen Anfeindungen schon 1933 nach Palästina. Dort tauchte er in eine andere Kultur ein, lernte eine neue Sprache und erhielt einen neuen Namen. Bis auf wenige Ausnahmen verleugnete er die in Deutschland entstandenen Werke und wollte sie sogar vernichten. Glücklicherweise ist dies nicht geschehen. Denn seine frühen Lieder nach Texten von Hofmannsthal, Nietzsche und Morgenstern, die nun vorgestellt wurden, sind reife Arbeiten, die an Hugo Wolf und Richard Strauss anknüpfen. Ofra Yitzhaki spielte die anspruchsvollen Klavierparts delikat und sensibel, während Mimi Sheffer sängerisch leider nicht das gleiche Niveau erreichte.  

Hatte sich Frankenburger 1920 in seinem c-Moll-Klavierquartett noch an Brahms angelehnt, so stieß er 1928 in seinem hochexpressiven Streichtrio (gespielt vom neuen Hauser-Trio) bis an die Grenzen der Tonalität vor. Viel Klangsinn zeigte er 1931 in seinem zu Unrecht vergessenen Sinfonischen Gedicht „Pan“ für Sopran und Orchester. Die von Lior Shambadal geleiteten Berliner Symphoniker, zu denen hier zwei Harfen und vier Mandolinen gehörten, hatten im gleichen Konzert eine frühe Lustspiel-Ouvertüre Alexander von Zemlinskys uraufgeführt. Dies war eine passende Ergänzung, denn in „Pan“ vernahm man Anklänge an Zemlinskys „Lyrische Symphonie“. 

Unter seinem neuen Namen hat Paul Ben-Haim in Palästina erst 1937 wieder mit dem Komponieren begonnen. Sein damals entstandenes Streichquartett op. 21 (gespielt vom Mirage Quartett) zeigte die Entfernung von deutschen Idealen: statt Polyphonie finden sich hier parallel verschobene Klänge, statt Chromatik Diatonik, statt Entwicklung Reihung. Paul Ben-Haim suchte damals nach einer neuen Synthese westlicher und östlicher Musikstile. Wesentliche Inspiration bedeuteten ihm die sephardischen Lieder, die die jemenitische Sängerin Bracha Zephira ihm vorsang. Diese Art orientalischer Melodik floss auch ein in seine Klaviersonatine op. 38 (Ofra Yitzhaki), in die Drei Lieder ohne Worte für Klarinette und Klavier sowie in sein sinfonisch konzipiertes Klavierkonzert op. 41 (1949), welches zu seinen wichtigsten Werken gehört. Die Interpretation dieser wirkungsvollen Komposition durch die New Yorker Pianistin Gila Goldstein gehörte zu den Höhepunkten des dreitägigen Festivals. 

Interessant war der Vergleich mit dem stärker konturierten Klavierkonzert Nr. 1 (1945) von Josef Tal, der anders als Ben-Haim eine stilistische Anpassung an seine neue Umgebung verweigert hatte. Wieder bewährten sich hier neben der in Tel Aviv lebenden Pianistin Ofra Yitzhaki die Berliner Symphoniker, welche sich unter der engagierten Leitung Lior Shambadals in kurzer Zeit nicht weniger als neun Werke erarbeitet hatten, darunter das sehr anspruchsvolle Orchestermärchen „Peter Pan“ op. 76 von Ernst Toch. Leider waren die Festival-Veranstaltungen in der Villa Elisabeth trotz meist überzeugender Interpretationen schlecht besucht.  
  

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