Ausgespielt II

Nachschlag 2021/03 – Von Bojan Budisavljevic


(nmz) -
Oberhausen, einst PLZ 4200. Wie 4630 Bochum „keine Schönheit“ (H. Grönemeyer). Aber bevor die Hütten verlöschten und es zum postindustriellen Siedlungsbrei um die an gleich zwei Autobahnkreuzen verkehrsgünstig liegende Shopping Mall verkam, gab es in der Stadt durchaus das eine oder andere kulturelle Licht.
Ein Artikel von Bojan Budisavljevic

Da hebt die lokale Sage immer damit an, dass Hilmar Hoffmann noch als Direktor der Volkshochschule, später als Kulturdezernent, die Westdeutschen Kurzfilmtage mit beförderte, wo dann Reitz, Kluge, Schamoni und andere „Papas Kino“ für tot erklärten: das „Oberhausener Manifest“. Gerburg Jahnke ging zur Schule, im Schauspiel sah man Handke-Uraufführungen und im Musiktheater Raritäten, und es gab eine Reihe der Städtischen Sinfoniekonzerte mit Gastorchestern: aus Remscheid und Solingen natürlich, jedoch auch aus Liverpool, Bamberg oder Weimar. In besonderer Vorerwartung erbebten die Kulturbürger und Schülerabonnenten aber jedes Mal, wenn der WDR sich ankündigte mit seinem einst so unstylish sich nennenden Kölner Rundfunk-Sinfonieorchester. Das brachte immer „was Modernes“ mit, womit gemäß communis opinio Strawinsky oder Bartók gemeint waren. Aber man ließ sich auch durch Schreker oder Hindemith überraschen.

Es muss irgendwann Anfang der 1980er gewesen sein, als der sogenannte „Strukturwandel“ so richtig böse anhob und die Kohl-Ära bräsig-vollmundig ihre erste Wende ansteuerte, da kamen die Kölner wieder einmal nach Oberhausen und brachten wieder einmal „was Modernes“ mit in die Stadthalle. Die hieß damals so und noch nicht Luise-Albertz-Halle, weil die Tochter des im KZ ermordeten SPD-Landtagsabgeordneten Hermann Albertz – seit 1956 Oberbürgermeisterin – erst unlängst verstorben war. Was aber eine andere Geschichte ist …

Aus den Nebeln der Vergangenheit will das genaue Programm des besagten Abends nicht vollständig auftauchen, auch weil zwei Werke leuchtend hell die Erinnerung überstrahlen: Alban Bergs „Lulu-Suite“ sowie Bernd Alois Zimmermanns „Dialoge“. Und eins mehr als das andere. Zauberten das KRSO und Gary Bertini bei Berg stilsicher im Neue-Musik-Idiom, welches dann auch der harmoniebedürftige Klassikhörer als solches wenn nicht zu schätzen, so doch zu erkennen vermochte, ereignete sich nach der Pause ebenso Unerhörtes wie Unvorstellbares. Die, die geblieben waren, und es waren beileibe nicht wenige, kamen aus dem Staunen gar nicht heraus schon beim Anblick des Orchesterpodiums. An Geld und Mitteln hatte der WDR nicht gespart, und so war dieses umgebaut und gehörig erweitert. Darauf saß die Hundertschaft der Musiker zwar ordentlich in acht bis neun schnurgeraden Reihen, jedoch völlig durcheinandergewirbelt und aus den Stimmgruppen gelöst – ähnlich individualisiert wie das aus seinen Erwartungen herausgerissene Publikum. Die Kinnladen herunter gelassen, die Augen aufgerissen und die Ohren spitz, bekam es Musik zu hören, die nicht von seiner Welt war und doch so voll von Welt und voll von Musik der Zeiten – nervös und hochkonzentriert vorangetrieben vom Klavierduo Bruno Canino und Antonio Ballista (… oder waren’s doch die Gebrüder Kontarsky?…). Endlos staunend ging man nach Hause von diesem gewaltigen musikalischen Ereignis, das freigiebig hingestellt wurde ins Irgendwo.

Voll solcher einmaliger Ereignisse im Äther wie im Irgendwo ihrer Sendegebiete ist die Geschichte der deutschen Rundfunkorchester. Sie waren und sind gerade noch die „Orchester der Republik“– in Anlehnung an Peter Heyworths Wort über Klemperer als „Dirigent der Republik“. Sie machten und spielten, was andere nicht so taten, sie perspektivierten das Repertoire aufs Gestern wie aufs Morgen, verbanden das Immer-schon-Gehörte mit dem Unerhörten. Was übrigens für die vor- wie für die nach-nazistischen Republiken gilt, letztere in West wie in Ost. Gesamtdeutsch immer noch beispielhaft nämlich die Leipziger Programmgestaltung eines Herbert Kegel. Doch irgendwann ums Oberhausener Dialoge-Konzert, zu Zeiten von Kohl und Thatcher, begannen die Gewichte allmählich verschoben zu werden – weg von Inhalt und Programm und mehr hin zu marktkonformeren Werten. Musik­historische Expertise wie Zeitgenossenschaft gerieten gleichermaßen zum nice to have. Attraktivität und Relevanz definierte man anders, oder wie ein gewesener WDR-Intendant die Diskussion über einen seinerzeitigen WDR-Chefdirigenten beendete: „Wir haben einen Weltklasse-Dirigenten, und wir bezahlen ihn auch weltklasse.“

Mitunter geben seither die Rundfunkorchester begabt schrillen Dompteuren das musikalische Zirkuspferdchen (SWR), bespielen oder -werben sie ganz im Sinne von Stadtentwicklung, Tourismus und Marketing Premium-Immobilien (NDR), oder sie versuchen durch hochpreisige Personalentscheidungen – und natürlich Qualität obendrein – sich im Marktsegment der oberen bis Weltklasse festzukrallen (BR). Diese im Einzelnen womöglich sinnvollen Überlebensstrategien oder Geschäftsmodelle werden aber die immer drängenderen Fragen nach dem Sinn und Zweck von Rundfunkorchestern nicht abwürgen, geschweige denn sie selbstbewusst beantworten. Weil: So machen es alle! Und seitdem pandemiebedingt auch die ganz gewöhnlichen Orchester immer mehr „on air“ gehen, ist das mediale Alleinstellungsmerkmal auch futsch. Also „Ausgespielt“? Vielleicht noch nicht ganz, wenn die Rundfunkorchester, was mal ein starker Anfang wäre, den Blick zurück wagen würden, in die eigenen Geschichten und Archive von Konzerten sowie Ur- wie Erstaufführungen. Was alles möglich war… Und des Staunens kein Ende! … Wie einst in Oberhausen oder auch sonst wo.

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