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Alle Artikel kategorisiert unter »Bojan Budisavljevic«

Über die Widersprüche der Zeit

15.06.18 (Bojan Budisavljevic) -
Ohne Frage ist Peter Gülke im deutschen Musikleben eine Ausnahmeerscheinung und, leider, tatsächlich auch eine einmalige: als Dirigent mit einem komplexen Ost-West-Werdegang, als Autor, als gleichermaßen musikhistorischer wie aufführungspraktischer Wiederentdecker gewichtiger Musik von Schubert, Schreker oder Zemlinsky, als Lehrer, als zuletzt mit dem Siemens-Preis Hochgeehrter, der mit 83 Jahren gerade zum wiederholten Mal als Chefdirigent aufs Podest der Brandenburger Symphoniker steigt, um gemeinsam mit einem Orchester aus der so genannten Provinz zu zeigen, wie kultureller Auftrag, künstlerische Qualität und inhaltliches Profil in eins gehen. Letzteres ist ebenso Respekt gebietend wie Gülkes in über vierzig Jahren gewachsene gewaltige Publikationsliste zur, das kann man in seinem Fall getrost sagen: Kunstmusik des Abendlandes. Zu dieser hat er neulich zwei weitere Titel hinzugefügt, zwei, welche die Pole von Peter Gülkes Wirken exakt beschreiben: die Musikwissenschaft und das Dirigieren, Schreiben und Tun. Freilich ist Schreiben auch Tun, und so handelt es sich um zwei Gravitationszentren, die sich ständig beeinflussen und ihre Kräfte potenzieren. Zum Gewinn für Leser wie Hörer.

Um Himmels Willen keine eckige Musik

21.04.18 (Bojan Budisavljevic) -
Alte Musik, die historische, historisch informierte Aufführungspraxis: Die Bewegung hat sich über 50, 60 Jahre aus vielen Energiequellen gespeist, aus den unterschiedlichsten Motiven und dies in verschiedenen Ländern, mal früher, mal später. Heutzutage jedenfalls ist es ein internationaler Stil, durchaus mit Gespür für regionale Varianten, aber einigermaßen standardisiert, etabliert und erfolgreich, und daher seit langem schon ebenso medien- wie festival- und hochschulkonform. Alte Musik wird ebenso gefeiert wie gelehrt; sie ist überall erhältlich, eine Gabe aus zweiter und dritter Hand.

Die Musik befreit und freigestellt

21.03.18 (Bojan Budisavljevic) -
Fünfzig Jahre ’68, und Rückblicke allerorten, Besinnungen, Distanzierungen, Selbstvergewisserungen. Und ohne Frage war es eine Bruch- und Schwellenzeit, vorletzter großer Höhepunkt und Wende in der historischen Entwicklung von Kunst, Kultur und Gesellschaft. Die letzte vor der gerade ablaufenden, der globalen und weitaus mächtigeren Wende, die nicht wie diejenige weiland nur die politischen und intellektuellen Kreise in Aufregung versetzt, sondern die buchstäblich Alle einschließlich aller Verhältnisse mit- und eingerissen haben wird.

Spricht die Seele …

01.03.18 (Bojan Budisavljevic) -
Kulturmanagement und -beratung sind hip und in aller Munde einschließlich der dazugehörigen Köpfe. Sie sind, wenn noch nicht die Leitkultur der Kultur, so doch ihre immer härteren und enger gesteckten Leitplanken. Abermals aufklärerisch dabei diese Zeitung, lux in tenebris, mit ihrem entsprechenden Dossier (nmz 12/2017-01/2018), welches die Beratung und Management von Außen erfordernden Entwicklungen bei Theatern und Orchestern anhand der Beispiele aus Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz minutiös aufdröselte.

Feind im eigenen Bett

02.01.18 (Bojan Budisavljevic) -
„Rundfunkklangkörper brauchen Schutz und Förderung,“ so die Überschrift im Appell des Deutschen Musikrates von Mitte November, in dem dieser die mit allerlei Einsparungen und Strukturanpassungen befassten Ministerpräsidenten auffordert, den „Erhalt und die Weiterentwicklung der Sender-Ensembles zu befördern.“ Solcherlei und noch weit mehr Beistand werden die hörfunkeigenen Ensembles mit Sicherheit benötigen. Aber hallo.

Im Strudel des Verwertungskreislaufs

23.11.17 (Bojan Budisavljevic) -
Musik, vor allem die Kunstmusik, genießt in Deutschland traditionell hohe Wertschätzung: Beispielsweise schließt sie „dem Menschen ein unbekanntes Reich auf; eine Welt, die nichts gemein hat mit der äußern Sinnenwelt, die ihn umgibt, und in der er alle durch Begriffe bestimmbaren Gefühle zurückläßt, um sich dem Unaussprechlichen hinzugeben“, so E.T.A. Hoffmann in seiner Besprechung der 5. Symphonie Beethovens, einem der Gründungsmanifeste des deutschen Musikidealismus. Musik, wie gesagt, ist etwas ganz Besonderes, sie befördert uns aus den je aktuellen Um- und Missständen hinaus – wie Beethoven seinen Flores­tan „zur Freiheit ins himmlische Reich“ mit ebenso viel Pathos wie avancierter Kompositionstechnik.

Notenstecher, Verleger und Veranstalter

17.09.17 (Bojan Budisavljevic) -
„Spitta und Riemann hatten noch ein Organ für die unermeßliche qualitative Differenz zwischen Bach und Zeitgenossen wie Telemann oder rudimentären Vorformen wie Schütz.“ Das ist schon mal ein Wort. Musikgeschichte quasi als Paläoanthropologie vom Stand- und Zielpunkt des Heute als Krone der Schöpfung und des Geistes. Von da aus entscheidet der Befund, ob und wie ein „Organ“ ausgebildet ist, über die Entwicklungsstufe der komponierenden Hominiden. Telemann? Unterentwickelt. Schütz? Gerade ein Homo erectus.

Den Impuls stärken

06.09.17 (Bojan Budisavljevic) -
Überaus geräuscharm, ja fast wie ein scheues Reh, hat das Förderprogramm der Bundesregierung „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“ Anfang Juli dieses Jahres die kulturelle und kulturpolitische Öffentlichkeit betreten. Die entsprechende, administrativ sachliche Pressemitteilung der Beauftragten für Kultur und Medien wurde nur wenige Male reproduziert: Das war‘s. Keinerlei einschlägige Trompetenstöße und Lobeshymnen, nirgends.

Lachen – mit Böhmermann: eine Wertegemeinschaft

09.08.17 (Bojan Budisavljevic) -
In den MusikTexten 151 fand sich unter dem Titel „Komponieren am Krater“ ein leidenschaftlich vorgetragenes Plädoyer des Komponisten Helmut Lachenmann für das autonome Kunstwerk, die abendländische Tradition und eine Philippika gegen einen neuen Konzeptualismus, der sich mittels einer postulierten „gehaltsästhetischen Wende“ vom Ballast eines traditionellen Kunstbegriffs abwendet und der Musik zu mehr gesellschaftlicher Relevanz verhelfen will.

Die Zerstückelung liegt in der Autonomie des Hörers

22.02.17 (Bojan Budisavljevic) -
Schöne neue Klassikwelt. Sie ist vor allem eines: digital. Mit Konzertstreams, Digital Concert Halls, Apps, Aktionen in den sozialen Netzwerken und vielem anderen mehr stellt sich die altehrwürdige Branche des klingend Schönen, Wahren und Guten den Herausforderungen des technologischen wie des sozialen Wandels. Dem Druck des Digitalen begegnet der SWR mit SWR Classic, und ausnahmsweise soll hier nicht von Orchesterschließungen die Rede sein, sondern davon, wie der SWR, einmalig für die ARD, seine Klangkörper, seine Festivals und seine Netzaktivitäten in das alles übergreifende, eben: Netz von SWR Classic ein- und verwoben hat.
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