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„Stifters Dinge“ von Heiner Goebbels entführte in den Wald. Foto: Grünberg
„Stifters Dinge“ von Heiner Goebbels entführte in den Wald. Foto: Grünberg
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Berauschend neue TonLagen in Hellerau

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Der erste Jahrgang der einstigen Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik unter Dieter Jaenicke
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„TonLagen – Dresdner Festival der zeitgenössischen Musik“, so heißen sie jetzt, die einstigen Dresdner Tage der zeitgenössischen Musik. Soeben ging deren erster Jahrgang unter dem neuen Künstlerischen Leiter über die Bühne(n) und ziemlich publikumswirksam zu Ende. 1986 unter nicht nur gesellschaftspolitisch völlig anderen Vorzeichen vom Dresdner Komponisten Udo Zimmermann ins Leben gerufen, avancierte das Festival inzwischen zum kleinen, aber feinen Treffpunkt gepflegter Moderne im nunmehr 100-jährigen Festspielhaus von Hellerau.

Dort, vor den Toren von Dresden, sitzt jetzt mit Dieter Jaenicke ein neuer Mann auf dem Chefsessel. Er hat in kürzester Zeit – erst seit Jahresbeginn ist der welterfahrene Macher im Amt – sowohl das Europäische Zentrum der Künste Hellerau als auch das dort ausgerichtete Musikfest gründlich umgestaltet. Und ist doch diplomatisch klug genug, sich auf die vorhandenen Wurzeln offensiv zu besinnen.

Zur Eröffnung am 1. Oktober erklang mit der „Hommage an Mauricio Kagel“ ein Konzertabend, der auch als Verneigung vor Zimmermann zu verstehen war. Denn der holte den vor einem Jahr verstorbenen Altmeister der Neuen Musik bereits 2006 zur Eröffnung des Festspielhauses nach Hellerau, ließ nie gehörte „Fan-fan-fanfaren“ erklingen und verabredete mit ihm noch eine Uraufführung. Dazu kam es dann nicht mehr, doch der Auftakt war dem aus Buenos Aires stammenden Kagel gewidmet und beinhaltete neben dessen letztem Werk „In der Matratzengruft“ zu Heine-Texten auch die zum eigenen 60. Geburtstag geschriebene Komposition „ ..., den 24.xii.1931“. Zeitungsmeldungen wurden darin zu Musik gemacht und brachten ein ganzes Buchregal zu Fall.

Jaenicke und sein Team taten gut daran, nicht auf das Herausschürfen der letzten Klangpotentiale zu setzen, die aus Elfenbeintürmchen hoch komplizierte mathematische Rhythmuskonstrukte, Tonarten und deren Auflösung an eine Kleinstgemeinde von Hörerschaft senden. Hellerau ist eine von Steuergeld bezahlte Einrichtung, um deren Erhalt lange gekämpft worden ist, und muss den Spagat von Minderheitenschutz und öffentlicher Wirkung bewältigen. Ein Anbiedern an Massenkompatibilität muss darunter noch lange nicht (miss-)verstanden werden – und dazu kam es denn im ersten „TonLagen“-Jahr tatsächlich nicht.

Spektakulär freilich ging es mitunter schon zu, was der Publikumsakzeptanz nur gut tat. Allein der Aufwand, für die Uraufführung von „turn“ der irischen Komponistin Linda Buckley die Dresdner Sinfoniker per Internet live mit dem Ensemble Ex Novo zu vernetzen – das eine Ensemble im Festspielhaus von Hellerau, das andere in Venedigs Palazzo Ducale – sorgte für Beachtung und war eine technische Herausforderung mit Steigerungspotential.

Andere Verbindungen, nicht räumliche, sondern die von Antike und Heute, ging das „Symposion“ des Klangforum Wien ein. Als „Rausch in acht Abteilungen“ setzte es auf kulinarische Sinnlichkeit in Verbindung eines sechsgängigen Menüs mit ausreichend Alkohol und Neuer Musik.

Immerhin acht Stunden lang, für manche Menschen heute noch ein ganzer Arbeitstag, erklangen Werke von Strawinsky und Aperghis über Terry Riley und Conlon Nancarrow bis hin zu Lachenmann und Bernhard Lang. Nein, ganz gewiss hat niemand bezweifelt, dass ein solches Konzert nicht auch vor nüchternem Auditorium seine Wirkung täte – doch in Anlehnung an die von Platon überlieferte Kultur des Genusses mit allen Sinnen war durchaus eine Weitung zu erfahren. Mit Sven Hartberger, Intendant des Klangforum, wirkte ein Symposiarch, der Hören und Sehen, Essen und Trinken sehr kommunikativ zum gelungenen Gastmahl verband.

In die Breite gegangen ist man diesmal auch mit Namen, Stilistik und Präsentationsformen. Der Performerin Meredith Monk etwa war neben dem mehrfach gezeigten Filmporträt „inner voice“ ein eigener Abend in der Gläsernen Manufaktur gewidmet, wo Klangkraft und Eigenwilligkeit auf nur wenig Interesse stießen. Selbst Frank Zappa, obwohl mit einer veritablen Uraufführung in der Interpretation des Ensembles ascolta vertreten, erwies sich nicht als magnetisierend. Erwartungsgemäß anders war das beim eigens eingeflogenen „Melt! Klub“, der ansonsten in der Braunkohlebagger-Stadt Ferropolis unter freiem Himmel agiert. Hier hat er seine Mitglieder, die zwischen Soloprojekt und Technoschwall changieren, in Heinrich Tessenows Bau aufspielen lassen – grenzwertige Schallwellen durchflossen ihn und er hielt stand. Es war ein Fest für Jung und Alt – zeitgenössische Musik sollte ohnehin nicht generationsbezogen sein –, das auch von der für alle offenen Abschlussparty kaum mehr überboten werden konnte und künftig fest zu den „TonLagen“ gehören soll.

Aktuell ging es jedoch nochmal mächtig märchenhaft zu. „Stifters Dinge“ von Heiner Goebbels entführten nicht etwa in den dunklen deutschen Wald, der als Gesamtbild für böhmische Herkunft und österreichische Lebensstationen des biedermeiernden Naturbetrachters stehen könnte, sondern in ein morbid-technokratisches Klangbild. Ein Konzert ohne Musiker! Theater, das nur aus seiner Bühne besteht! Goebbels montierte als „performative Installation“ diverse Klaviere, Wasserbehälter und -becken, er ließ klingen und plätschern, Nebel wallen und Blasen platzen; das gewaltige Orchestrion bewegte sich monströs aufs Publikum zu, in die Klangbilder wurden Baum- und Astwerk eingeblendet, beschnitten, verfärbt – und so verbreitet das von Musik, Tanz und Film lebende Festival „TonLagen“ sogar noch Leselust.

Der Anspruch, das Neue zu wagen und es mit seiner Herkunft sichtbar zu verbinden, um damit die Menschen von heute anzusprechen, sie sinnlich zu erreichen, der ist in Hellerau 2009 jedenfalls weitgehend aufgegangen.

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