Bernd Alois Zimmermann 100

Uraufführungen 2018/03


(nmz) -
Er wurde am 20. März 1918 in Bliesheim bei Köln geboren und nahm sich 1970 unweit davon in Großkönigsdorf das Leben. Die nackten Lebensdaten von Bernd Alois Zimmermann umreißen einen denkbar kleinen Kreis: lokal, bäuerlich, kölnisch, rheinisch, katholisch. Seine Musik dagegen öffnet ganz andere Horizonte.
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

Als Komponist war er ein Universalist, schrieb Stücke für alle möglichen Gattungen, arrangierte und komponierte Musik für Hörspiel, Theater, Tanz und Film. Zunächst zwölf lange Jahre durch Nazi-Diktatur und Zweiten Weltkrieg von historischen und aktuellen Entwicklungen abgeschnitten, befreite er sich nach 1945 binnen weniger Jahre vom anfänglichen Neoklassizismus. Über den gesteigerten Expressionismus der „Sinfonie in einem Satz“ (1951–53) und dem seriellem Konstruktivismus der „Dialoge“ für zwei Klaviere und Orches­ter (1960) gelangte er in den 1960er-Jahren schließlich zu dem, was er in Theorie und Praxis als „Pluralismus“ verschiedener Zeit-, Medien-, Stil- und Materialschichten ausprägte.

Seine zuerst als unaufführbar abgelehnte, dann an der Oper Köln dennoch zur Premiere gebrachte und inzwischen längst international regelmäßig neu produzierte Oper „Die Soldaten“ (1958–65) bringt diesen Pluralismus durch Simultanszenen, Zitatcollagen, Film- und Tonbandzuspielungen ebenso zum Ausdruck wie das „Requiem für einen jungen Dichter“ (1967–69) und die ausschließlich aus Zitaten bestehende Ballettsuite „Musique pour les soupers du Roi Ubu“ (1962–1967).

Aus Anlass von Zimmermanns einhundertstem Geburtstag (siehe auch Seite 3) gibt es heuer vielerorts Aufführungen seiner Konzerte, Solo-, Kammermusik- und Orchesterwerke sowie in Nürnberg (Staatstheater, 4./5. April) und Köln (Musikhochschule, 5./6. April) auch Symposien zu seinem Schaffen und Neuinszenierungen der „Soldaten“. Das vielgesichtige Œuvre des Satirikers, politisch Engagierten, Humanisten, religiösen Bekenners und Verzweiflers ist präsent wie selten. Vor allem die von ihm eindrücklich demonstrierte Verfüg- und Komponierbarkeit von Musik unterschiedlicher Epochen, Stilistiken und Genres scheint heute aktueller denn je angesichts von Digitalisierung und Internet. Doch zugleich sind selbst seine letzten Werke inzwischen fast fünfzig Jahre alt, längst Geschichte und von jüngeren Komponistinnen und Komponisten vielfach vergessen. Die von Zimmermann und seiner Musik aufgeworfenen Fragen haben sich dennoch kaum geändert. Erneut gestellt werden sie unter anderem bei der diesjährigen MaerzMusik. Das Berliner „Festival für Zeitfragen“ widmet sich vom 16. bis 25. März in Wort und Klang dem Thema „Time Wars/Krieg der Zeitlichkeiten“. Uraufführungen gibt es von Marc Couroux, Johannes Schöllhorn, Georges Aperghis sowie von zwei Kollektivproduktionen „Soulnessless“ und „Deproduction“. Am 24. und 25. März erstmals gespielt werden bei der Kölner WDR-Reihe „Musik der Zeit“ neben Zimmermanns Trompetenkonzert „Nowbody knows the trouble I see“ Sven-Ingo Kochs Kammerorchesterwerk „Von der Liebe zur Linie II“ und Alberto Posadas Klavierzyklus „Erinnerungsspuren“, in dem verschiedene Komponisten Abdrücke hinterlassen haben: neben Couperin, Debussy, Schumann, Scelsi und Stockhausen auch Bernd Alois Zimmermann.

Weitere Uraufführungen
01.03.: Annette Schlünz, Cahier des cordes für verschiedene Streicher, Strasbourg
03.03.: Karl Gottfried Brunotte, neologismen – gegen die undurchdringliche Wand aus Musik, Galerie am Kurpark, Bad Homburg
09.03.: Dai Fujikura, The Gold-Bug, Oper Basel
17.03.: Georges Aperghis, Intermezzi für großes Ensemble (Musikfarbrik), musica viva München
18.03.: Carsten Braun, Gloria für Soli, Chor und Orchester, Kölner Philharmonie
21.03.: Georges Aperghis, Migrants für Ensemble Resonanz, Hamburg

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