Biografie und Ausbruch

Absolute Beginners 2018/10


(nmz) -
Irgendwann kommt der Punkt, an dem ehemalige Studenten selber zu Kompositionslehrern werden. Der akademische Kreislauf beginnt von neuem – Lehrer unterrichten Schüler, die wiederum zu Lehrern werden, ad infinitum. Wird es irgendwann nur noch Musikhochschulen und Konservatorien geben? Wenn auch nur jeder vierte Kompositionsstudent selber zum Lehrenden wird – natürlich um finanziell ein wenig Sicherheit zu bekommen – kommt ein immer größer werdendes Häuflein zusammen, ein komplexer und sich verästelnder Stammbaum, wie in dem Gleichnis mit dem Schachbrett und den Reiskörnern.
Ein Artikel von Moritz Eggert

Nun erlebe ich es selber: meine ehemalige Studentin Anna Korsun wird bald weitere Kompositionsstudenten am Amsterdamer Konservatorium unterrichten. Ich freue mich darüber sehr, auch wenn ich mich nun ein Stückchen mehr als Großvater fühle (der ich noch nicht bin). Sie ist noch sehr jung und wird den Job sicherlich ein Weilchen machen.

Komponisten denken in Stammbäumen wie Genealogen. Mein Lehrer war der großartige Wilhelm Killmayer, dessen Lehrer wiederum Carl Orff war. Carl Orff ist also mein Großvaterlehrer, dessen Lehrer wiederum mein Urgroßvaterlehrer …

Auch bildende Künstler bilden „Schulen“ mittels ihrer Schüler, aber nirgendwo ist dieses Denken so ausgeprägt wie in der Musik, bei Instrumentalisten wie bei Komponisten. Wahrscheinlich können wir alle unsere Stammbäume bis zur Bachfamilie zurückverfolgen (und darüber hinaus!).

Dass dieses Denken patriarchalische Züge annehmen kann, konnte man unlängst in der neuen Biografie von Barbara Meier über Alban Berg nachlesen: Schönberg betrachtete Berg – ebenso erfolgreich wie er wirkend – bis zuletzt quasi als Eigentum, der (das?) ihm sogar Geld leihen musste, wenn Not am Mann war. Berg hinterfragte dies nicht, sondern fühlte sich quasi dazu verpflichtet, ewig in der Schuld des großen Meisters. Da fragt man sich schon ein bisschen, ob Schönberg damit heute noch durchkäme. Meine Studenten würden mir etwas pfeifen, wenn ich dies versuchen würde!

Ein komplett distanziertes Verhältnis zu seinen Studenten zu haben, ist aber ebenfalls nicht wirklich möglich. Beim Kompositionsunterricht spielt das mechanische und handwerkliche eine wesentlich geringere Rolle als beim Instrumentalunterricht. Wer kreativ arbeitet, wird verletzlich, vertraut sich an, lässt die Lehrer an persönlichen Krisen teilhaben. Hiermit verantwortlich umzugehen, ist eine der großen Herausforderungen des Lehrberufes.

Manche Lehrer entziehen sich dem durch möglichst große Abwesenheit – so bekam bekanntermaßen Franz Schreker den schönen Spitznamen „Der ferne Klang“ zugeeignet, da ihn seine Schüler so selten zu Gesicht bekamen. Vielleicht eine Art Überlebensstrategie dieses sicherlich sensiblen Künstlers?

Andere Lehrer sind vordergründig nahbar und gesellig, halten aber auch eine kontrollierte autoritäre Distanz (ein Talent, das Hans Werner Henze zu eigen war), andere wiederum sind grenz-überschreitend Nähe suchend. Manche gehen noch einen Schritt weiter und sehen ihre Studenten als eine Art Manipulationsmaterial zur Erfüllung ihrer eigenen Wünsche. Hier wünscht man sich kritischere Studenten, die solche Strategien schnell ausbremsen und Widerspruch leisten.

Auch die eigene Distanz zum Lehrberuf gilt es zu finden. Der Künstler, der dem Irrtum aufliegt, nun „ausgesorgt“ zu haben, nur weil er nun einen Professorentitel hat, riskiert Verlust von künstlerischer Potenz. Und die Gesänge der Gediegenen und Selbstzufriedenen will irgendwann keiner mehr hören, auch wenn ein Richard Strauss hier erstaunliche Gegenbeispiele lieferte.

Ich zumindest freue mich schon jetzt auf meine vielen Enkelschüler. Mögen auch sie mich stets in den Hintern treten und mich immer wieder daran erinnern, dass Komponieren ein viel zu verrücktes Unterfangen ist, als dass man es mit einem wie auch immer gearteten akademischen Curriculum (oder Artikeln wie diesem) in auch nur irgendwie geordnete Bahnen lenken könnte. Und der Ausbruch aus geordneten Bahnen ist ja vielleicht die eigentliche Freude am Komponieren.

Ähnliche Artikel