Brummen im Broilerwagen

Zeit aufzuhören: Impressionen von einem DSDS-Casting


(nmz) -
2002. Daniel Küblböck wälzt sich wie eine angeschossene Schildkröte auf der DSDS-Bühne. Daneben, mit trauriger Clowns-Visage, das paralysierte Moderatorenpaar Hunziker und Spengemann, weil Heulkrämpfe prinzipiell Spengemanns Part und Prämisse für sein Engagement sind. Trotzdem. Alexander Klaws, im Moment des Sieges bereits vergessen und das Ticket für die Musical-Rente lösend, triumphiert als erster DSDS-Sieger.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Acht weitere Sieger kamen. Und gingen. Relativ unüberraschend ins Nirgendwo. Da mutet es beinahe anachronistisch bis revolutionär an, dass sich der DSDS-Casting-Modus selbst im zehnten Jahr treu bleibt. Während andere Shows Stars in die Jury kaufen oder Sendungen durch höchstkomplizierte Verfahren komplett sinnentleeren, bleibt RTL stur. Neben Bohlen sitzen ausnahmslos aussortierte B-Promis der Branche. Demnächst sogar die Tokio-Hotel-Zwillinge, die ihre „man-power“ (hoho, halber Scherz!) zur Verfügung stellen. Und: Ein gestriegelter DSDS-Casting-Bus rumpelt durch die Republik, um aufzusammeln, was der abgenagte Casting-Knochen im Euroretterland noch hergibt. Opfer wurde am 5. September 2012 die Weltkulturerbe-Stadt Regensburg. Durchaus Casting-erprobt. Man denke nur an die knallharte Auslese beim Vorträllern der künftigen Domspätzchen. 

Nun, das Casting-Genre kämpft ums Überleben. Und dass der DSDS-Lack ab ist, zeigt das überschaubare Häufchen singender Schäfchen, das sich gar nicht mal so verzweifelt vor dem Casting-Truck gruppiert. 120 mögen es sein. Vielleicht mehr. Genau lässt sich das nicht feststellen, sieht doch manche Mutter jünger aus als ihre gestressten Töchter. Stichwort Aussehen. Monoton wirkt das. Die männlichen Bewerber wollen mit dem „Daniele Negrini“-Borstenhaarschnitt punkten. Die weiblichen Teilnehmer mit hübschem Styling und „Brocken-Deutsch“. 

Die Eintönigkeit der Kandidaten, die Muttertags-Stimmung, das lediglich lokale Medieninteresse, das alles sind greifbare Indizien dafür, dass die Magie und Aufgeregtheit um DSDS in behäbige Krümel zerfällt. Auch die fehlenden „Vor-Ort-Seelsorger“ lassen darauf schließen. Ausbaden muss das jener RTL-Mitarbeiter, der sich durch einen Job zwischen Animateur und Produktionsleiter plagt. Zunächst dezimiert er die Wartenden um jene, die noch nicht 16 Jahre alt sind. Deren Enttäuschung hält sich in Grenzen. Dann eben shoppen mit Mama im benachbarten Einkaufszentrum. Es ist ein harter Job, den der RTL-Vorturner da stemmt. Denn interessant sind nicht die Jugendlichen, sondern die TV-Bilder, die man hier drehen kann. Muss. Und deshalb wird noch mal und noch mal und noch mal auf Zuruf gejubelt. Werden Arme hochgerissen und die nervösen Gesichter der Wartenden um Dauergrinsen gebeten. Sehr zwecklos. Die unmotivierten „Yeahs, Uuuhs und Aaahs“ verkümmern im Lärm der angrenzenden Hauptverkehrsstraße. Da müssen wohl Bilder anderer Städte reingeschnitten werden. Natürlich hat RTL ein Stimmungsass im Ärmel. Kim „Irgendwer“, selbst gescheiterte Teilnehmerin, macht den Kids Mut. Erzählt von ihrer glänzenden Karriere und ihrer aktuellen Single, die aber nur ein Coversong ist. Selbstvertrauen haben die jungen Dinger ja. Und weil es die zehnte Staffel DSDS ist, animiert Kim „Irgendwer“ die Menge zu einem Geburtstagsständchen für Dieter Bohlen. Selbst das geht schief, Produktions- und Kamerateam sind schlecht gelaunt. Also noch mal singen. Und drehen. Aber was vorher schwachbrüstig war, wird durch Wiederholung nicht zwingend besser. Regensburg singt wie ein ägyptischer Sklavenchor beim Bau der Pyramiden: leiernd.

Nach einer Stunde des Wartens stoßen einige Teilnehmer beim Ausfüllen der DSDS-Unterlagen an ihre Grenzen. Klappt sporadisch nur mit Hilfe der Eltern, erstaunlich oft jedoch auch unfallfrei. Auf zur nächsten Schlange. Eine Mitarbeiterin des TV-Teams beweist, dass das Klemmbrett das neue Zepter der Wichtigkeit ist. Sie schiebt, drückt, drängt die Kandidaten so elegant über den Bus-Vorplatz, dass kein Außenstehender sieht, wohin sie gehen. Ratlosigkeit. Schulterzucken. Aus dem Nichts tauchen sie wieder auf. Die Kandidaten. Lachend oder weinend. Weil abgelehnt. Und als die Gescheiterten erzählen, dass das Casting nicht im charmanten DSDS-Bus stattfindet, sondern im trostlosen, am Rand und im Halteverbot geparkten Hebebühnen-LKW, der am Wochenende wieder zum rollenden Hähnchengrill umfunktioniert wird, zerstäubt der letzte Klumpen Magie einer ehemals kontroversen Traumfabrik in Milliarden Gottesteilchen. Ein Jubiläum wäre ein guter Zeitpunkt aufzuhören.

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