Büttner taucht auf

Orchestrales in alten und neuen Aufnahmen


(nmz) -

Ein Euro von jeder verkauften CD soll an die Opfer der Flutkatastrophe gehen, verspricht die Werbung für die CD-Erstveröffentlichung von Paul Büttners Vierter Symphonie. Dabei ist kaum anzunehmen, dass sich unter den Betroffenen jemand befand, der sich in den Fluten so wohl fühlte wie das Coverpaar Triton und Nereide…

Ein Artikel von Christoph Schlüren

Ein Euro von jeder verkauften CD soll an die Opfer der Flutkatastrophe gehen, verspricht die Werbung für die CD-Erstveröffentlichung von Paul Büttners Vierter Symphonie. Dabei ist kaum anzunehmen, dass sich unter den Betroffenen jemand befand, der sich in den Fluten so wohl fühlte wie das Coverpaar Triton und Nereide… Und ob Büttner mit der Flut etwas zu tun hat, wird für den Käufer nicht ersichtlich. Ja, wer ist denn überhaupt dieser Komponist? Paul Büttner wurde 1870 in Dresden geboren und starb daselbst, als bekennender Sozialdemokrat von den Nationalsozialisten verfemt, im Oktober 1943. Die DDR-Kulturpolitik bewahrte ihm ehrendes Gedenken, wenngleich er selbstverständlich als „altmodischer Spätromantiker“ postum nicht gerade zum Aushängeschild wurde. Was überdies hätte der sozialistische Realismus mit seiner idealistisch geprägten Tonsprache ausrichten sollen? Bisher gab es kein Orchesterwerk Büttners, der einst in Nikisch, Schuricht, Fritz Busch, Reiner u. a. Vorkämpfer gefunden hat, auf CD und eine ausschließlich seinem Schaffen gewidmete Zusammenstellung sowieso nicht. Nun sind vom äußerst findigen schwedischen Label Sterling (Hans Huber, Burgmüller, Wetz, Staehle und viele mehr…) historische Dokumente des Radio-Sinfonieorchesters Berlin wieder zugänglich gemacht: die 1918 vollendete Vierte Symphonie vom 26. Juni 1964 unter Gerhard Pflüger (einst bei Eterna als LP erschienen) und die 1925 komponierte Heroische Ouvertüre von 1974 unter dem einstigen Helsingborger Chefdirigenten Hans-Peter Frank. Die Vierte Symphonie ist eine großartige Entdeckung, mit der sich Büttner als großer, aus der Tradition weitergeschrittener deutscher Meister neben Richard Strauss und Hans Pfitzner hören lassen kann, als einprägsamerer symphonischer Kombattant sozusagen des Österreichers Franz Schmidt. Handwerklich eignet ihm, dem bedeutendsten Schüler des eminenten Kontrapunktisten Felix Draeseke, eine an Strauss gemahnende Souveränität und Eloquenz. Doch ist er eine viel ernstere, symphonischere Natur. Auch stehen sein Schwung und die melodische Zugkraft kaum hinter dem großen Münchner zurück. Strauss ist origineller und hat Büttner passagenweise beeinflusst. Doch auch Büttner hat seine eigene Sprache, deren Wesen jedoch – vergleichbar dem schwedischen Zeitgenossen Wilhelm Stenhammar – mehr eklektizistischer Natur ist, ja geradezu eine die konkurrierenden Lager synthetisierende Qualität hat. Man hört die knorrigen „fingerprints“ des alten Draeseke, Beethovens übermächtiger Schatten wirkt immer noch, die Disziplin von Stimmverlauf und Phrasenbau, der nobel-gemütvoll gezügelte Affekt sind Brahms verwandt, die harschen Blöcke im Finale eindeutig von Bruckner bezogen. Alles in allem kann ich nur konstatieren: Büttner war ein großartiger Symphoniker. Die zyklische Anlage seiner Vierten Symphonie ist von exquisiter dramatischer Kohärenz, das Wechselspiel von „logischer“ Abfolge und Überraschung ist fulminant beherrscht, die Harmonik äußerst wendig, folgerichtig und farbenreich, der Kontrapunkt grandios und doch nicht überladen, die Orchestration virtuos, leuchtkräftig und weitgefächert nuanciert im Sinne Mahlers. Die vier Sätze bilden entschiedenen Kontrast, die Melodik ist – anders als bei Draeseke – nicht nur edel, sondern fesselnd, die finale Apotheose schafft organische Einheit. Die Aufführung lotet nicht das Potenzial aus, ist aber frisch und fließend musiziert (viel packender als der heutige Standard bei Raritäten), wobei zumal am Ende das Orchester (hohe Trompete!) überfordert ist und die Intonation leidet. Die abwechslungsreiche, das Titelversprechen einlösende Heroische Ouvertüre ist eine willkommene Ergänzung.

Zu Leopold Stokowskis 25. Todestag hat die britische Firma Cala Records, die hierzulande derzeit leider ohne Vertrieb ist, in Zusammenarbeit mit der Stokowski Society vier neue Scheiben ausgeworfen. Mendelssohns Italienische und Brahms’ Zweite Symphonie stammen aus Stokowskis letztem Lebensjahr. Nach wie vor ist unglaublich, welche sinnliche Jugendlichkeit und gebündelte Freude der 95-jährige bei Mendelssohn entfesselte. Auch dieser Brahms gehört zum Feinsten und beides ist nun in bisher nicht erreichter Tonqualität verewigt. Un-gefähr 30 Jahre früher gab es in New York „Stokowski and his Symphony Orchestra“. Die Begeisterung der damaligen Hörer ist nicht zeitgebunden. Haydns 53. Symphonie, ‘L’Impériale’, wird mit unübertrefflich strahlender Tonschönheit und rhythmischem Leben gegeben, Schumanns Zweite Symphonie in einer sehr subjektiv hypnotisierenden, so eigenwilligen wie in sich stimmigen Weise dargeboten – auch wenn ich über vieles entschieden anderer Meinung bin, lasse ich mich durchweg mit Gewinn auf diese zauberisch abenteuerliche Reise mitnehmen! Als Dreingabe gibts höchst unorthodox springlebendigen Johann Strauß. Des weiteren von Cala zwei Folgen, in welchen Stokowski 1947-49 die New Yorker Philharmoniker leitet, voll herrlicher Entdeckungen von Wagner und Tschaikowsky hin zu Kabalevsky und Messiaen. Ein besonderer Clou ist das Stokowski-Porträtalbum in der von IMG kreierten und von EMI veröffentlichten Reihe ‘Great Conductors of the 20th Century’, die mittlerweile 24 Doppel-CDs umfasst: Erstmals auf CD ist hier die meines Erachtens hinreißendste Wiedergabe einer Symphonie von Carl Nielsen, die je auf Tonträger dokumentiert wurde: die Zweite Symphonie, die ‘Vier Temperamente’, 1967 live mit dem Dänischen Rundfunk-Symphonieorchester. Nicht nur, dass Nielsen nie sonst so gut geklungen haben dürfte, auch strukturell, in der Plausibilität der alles entscheidenden harmonischen Entwicklung wird auf höchstem Niveau agiert. In der suggestiven Qualität zu empfehlen natürlich für alle, die Nielsen schätzen und lieben, aber fast noch mehr für jene, die bisher skeptisch oder ablehnend geblieben sind.

Nach wie vor angepriesen als der von Stokowski gelobte „größte Meister orchestraler Balance“ (aus dem Munde dieses Orchestergenies will das etwas heißen…), legt der in Uruguay geborene und in New York lebende Dirigent und Komponist José Serebrier seit Jahrzehnten eine hochklassige Einspielung nach der anderen vor, ohne dass unsere Fachwelt davon viel wahrnähme. Das ist vollkommen unverständlich. Als Fortsetzung des Tschaikowsky-Zyklus für BIS mit den Bambergern (der uns eine vorzügliche Vierte Symphonie bescherte) gibt es diesmal die drei Shakespeare-Tondichtungen und allen drei sehr anspruchsvollen und in der sensiblen Ausgestaltung äußerst heiklen Werken wird Serebrier in begeisternder Weise gerecht. Dass Celibidaches Romeo und Julia noch höher angesiedelt ist, kann keine Schande sein. Aber wo – außer bei längst verstorbenen Maestri wie Stokowski — hörte man den Hamlet oder die Sturm-Fantasie so überwältigend und bezwingend ausmusiziert?

Vom „schwedischen Mussorgsky“ Ture Rangström (1884-1947), einem nordisch-mystischen Originalgenie, sind in Ersteinspielungen die in völlig unorthodox durchbrochenem Satzbild formulierte, neobarocke Partita für Geige und Orchester, die in magischem Moll anbrandenden, schroff behauenen Klangformationen von Havet sjunger (Gesang des Meeres) und der Orchesterlieder-Zyklus ‘Hexen’ zu hören, in ziemlich ordentlichen Aufführungen. Der Altmeister der schwedischen Moderne, Hilding Rosenberg (1892-1985), wird erstmals mit der späten Symphonie für Bläser und Schlagzeug präsentiert, einem konzessionslosen, freitonal dissonanten Werk absoluter Musik, von immenser handwerklicher Meisterschaft und Charakterisierungskunst und nicht ebenso großer Persönlichkeit. Ergänzt wird die CD mit drei Konzerten für Cello und Bläser: je eins vom hochbegabten, pfiffigen Mats Larsson Gothe (geb. 1965) sowie, in zwei Dreisätzern aus Mitte der 20er-Jahre, von Martinu und Ibert. Ein bunter Strauß, kurzweilig.

Diskografie

  • Paul Büttner: 4. Symphonie, Heroische Ouvertüre; RSO Berlin, G. Pflüger, H.-P. Frank; Sterling CDS 1048-2 (Vertr. Musikwelt)
  • Stokowski dirigiert: Schumann: 2. Symphonie, J. Haydn: 53. Symphonie, Werke von Humperdinck, J. Strauß II, Mozart; Cala CD 0532
  • Stokowski & National Philh. Orch.: Mendelssohn: 4. Symphonie A-Dur, Brahms: 2. Symphonie; Cala CD 0531Stokowski & New York Philharmonic
  • I: Tschaikowsky: Francesca da Rimini, Wagner: Fliegender Holländer-Ouvertüre, Wotans Abschied und Feuerzauber, Messiaen: L’Ascension, Werke von Griffes, Ippolitov-Ivanov, Vaughan Williams; Cala CD 0533
  • Stokowski & New York Philharmonic II: Wagner: Rienzi-Ouvertüre, Siegfrieds Rheinfahrt und Trauermarsch, Kabalevsky: Maskerade-Suite, Werke von Sibelius, Copland, Schönberg, Tschaikowsky; Cala CD 0534
  • Leopold Stokowski dirigiert: C. Nielsen: 2. Symphonie, Sibelius: 1. Symphonie, Wagner/Stokowski: Liebesmusik aus ‘Tristan und Isolde’, Ibert: Escales, Werke von Grainger, Turina, Brahms, Liszt, Dukas, Glière; EMI 2CD 575480-2
  • Tschaikowsky: Romeo und Julia, The Tempest op. 18, Hamlet op. 67; Bamberger Symphoniker, J. Serebrier; BIS 1073 (Vertr. Klassik-Center)
  • Rangström: Havet sjunger, Divertimento elegiaco, Partita für Violine & kl. Orch., Häxorna; B. Lysell (Violine), K. Ingebäck (Sopran), Schwedisches RSO; Phono Suecia PSCD 712 (Vertr. Liebermann)
  • Rosenberg: Symphonie für Bläser und Schlagzeug, sowie Konzerte für Cello und Bläser von Mats Larsson Gothe, Martinu und Ibert; T. Thedéen (Cello), Östgöta Blåsarsymfoniker, H. Bäumer; BIS 1136 (Vertr. Klassik-Center)

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