Chopin zu Ehren mit Neuer Musik

Das Internationale Festival „Chopin 200“ in Bukarest


(nmz) -
Unter dem grauen, ziemlich abgetragenen Wintermantel, den die rumänische Hauptstadt an dem letzten Februarwochenende noch immer trug, schimmerte gleichsam ein prächtiges Festkleid mit magischer Anziehungskraft, und ein inniger Nachhall musikalischer Schwingungen schien die Luft zu veredeln. Pünktlich zum Auftakt des 1. März, als die ganze Welt des 200. Geburtstags Fryderyk Chopins gedachte, fand in Bukarest anlässlich dieses Jubiläums das Internationale Festival „Chopin 200“ statt.
Ein Artikel von Ana Popescu

Im Rahmen des „Chopinjahres 2010“ unter der Schirmherrschaft der UNESCO wurde das Festival initiiert, konzipiert und organisiert von dem Exzellenzzentrum der Bukarester Musikuniversität (Centrul de Excelenta al Universitatii Nationale de Muzica Bucuresti) in Zusammenarbeit mit dem Polnischen Institut, der rumänischen Philharmonie „George Enescu“, dem Verband der rumänischen Komponisten und Musikwissenschaftler, dem Nationalen Operettentheater „Ion Dacian“, mit verschiedenen Fernseh- und Rundfunkanstalten, sowie mit vielen  anderen Institutionen. Für das facettenreiche Konzept zeichnete der Musikwissenschaftler Mihai Cosma verantwortlich, als Leiter des Exzellenzzentrums und des Musikuniversitätsverlags. Die Idee war, das Phänomen Chopin an nur zwei Tagen aus möglichst vielen verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten. Dazu fanden – neben einem hochkarätigen Meisterkurs für Interpretation mit Alicja Paleta-Bugaj aus Warschau, einem reichhaltigen musikwissenschaftlichen Symposium und einer Buchausstellung mit rumänischen Neuerscheinungen zum Thema – zwei große, grundverschiedene Konzerte statt, darunter eines mit vier Uraufführungen. Die Kompositionsaufträge, um Chopin zum Jubiläum mit Neuer Musik zu huldigen, wurden an Komponisten vergeben, die gleichzeitig Klaviervirtuosen sind. Solche vielseitige Persönlichkeiten braucht man in Rumänien nicht lange zu suchen, die lebendige Tradition reicht bekanntlich zurück zu großen Vorbildern wie George Enescu und Dinu Lipatti.

Für das neue Chopin-Projekt wurden nun in Bukarest vier Komponisten aus den Reihen der Lehrenden an der Musikuniversität ausgesucht. Jeder sollte ein Werk für drei Klaviere schreiben und dann das frisch Komponierte im Konzertsaal der Musikuniversität zusammen mit den Kollegen aufführen. Natürlich keine leichte Aufgabe, bedenkt man die Aura des Unnahbaren um die einzigartige Musik Chopins, die zwangsläufig Ehrfurcht gebietet.

Dan Dediu (geb. 1967), einer der auch international erfolgreichsten rumänischen Komponisten seiner Generation, scheint die Idee zu seinem geistreich verspielten Stück „Shopping Chopin“ für drei Klaviere aus dem inneren Kampf gegen das Gefühl eines Tabubruchs gewonnen zu haben. Das Shopping als eine moderne Form der Befriedigung archaischer Jagd- und Raubinstinkte betrachtend, sei er sich vorgekommen, als bediene er sich Teilen aus Chopins Werk, wie beim Einkaufen in einem Warenhaus – so nachträglich das Bekenntnis von Dan Dediu im Rahmen des Symposiums. Eine heitere Suite war die Folge, aus Sätzen wie „Promenade 1 und 2“, „Paul O‘Ness Jeans“ (Polnische Jeans, eine irische Verwandlung der Polonaise), „Wall-TZ-paper“ (Tapete) und „GersCHOPwIN“ (als Gershwin-Pizza einverleibt). Bei der Uraufführung ist der Komponist zusammen mit Valentina Sandu-Dediu und Mihai Maniceanu aufgetreten.

Eine ganz andere klangliche Atmosphäre umgab Adrian-Leonhard Mociulschis pianistische Huldigung „Omagiul lui Chopin“. Sensibel brachte er die subtilen Verzehrungen und Verwandlungen des Stils aus der Nähe Chopins bis hin zu Bereichen von Jazz und Avantgarde. Er spielte im Konzert zusammen mit Ieronim Buga und Eliodora Falan.

Andrei Tanasescus sprühende Inspiration für sein fulminantes Stück „Lumea de ieri. Parafraza de concert pentru trei piane pe tema valsului op. 18 de Chopin“ („Die Welt von Gestern. Konzertparaphrase für drei Klaviere über das Thema des Walzers op. 18 von Chopin“) verlangte zusätzlich nach zwei Pauken neben dem dritten Flügel. Im Titel bezog sich Tanasescu auf Stefan Zweigs „Erinnerungen eines Europäers“, um dann musikalisch ein Panorama vergangener Zeiten zu entwerfen, nicht ohne die Kraft sprühender Ironie, die er aus der Stimmung von Chopins Walzer op. 18 herausdestillierte. Trotz vieler Manuskriptblätter, die während der Aufführung von den Notenpulten  wegzufliegen drohten, haben der Autor, Livia Teodorescu und Verona Meier faszinierend zusammengespielt.

Mit enormer Sensibilität drang Livia Teodorescu kompositorisch in die poetische Essenz bei Chopin ein. In ihrer „Fantasie für drei Klaviere über Chopins Nocturne op. 27 Nr. 2“ – „Nocturniana“ –, entwarf sie eine zutiefst berührende Vision, die Idee der Nocturne als „zeitlose Nacht“ vertiefend, in Verbindung mit der romantischen Dichtung von Mihai Eminescu und dem Gesang der Nachtvögel aus Olivier Messiaens Turangalila-Sinfonie, VI. Teil, „Jardin du sommeil d’amour“. Sie hat das Werk Andrei Tanasescu gewidmet, der es zusammen mit der Komponistin und mit Alina Balaban uraufgeführt hat.

Alle vier Komponisten waren einen Tag später zum musikwissenschaftlichen Symposium eingeladen, um über ihre Neukompositionen zu sprechen. Unter der Leitung der Musikwissenschaftlerin Valentina Sandu-Dediu fand das Symposium in den prachtvollen Räumen des Verbands der rumänischen Komponisten und Musikwissenschaftler, benachbart mit dem Enescu-Museum unter dem Dach des Cantacuzino-Palasts. Aus verschiedenen Perspektiven wurde außerdem die Bedeutung Chopins für die Entwicklung der rumänischen Musik beleuchtet, sowie auch neue pädagogische und originelle analytische Aspekte und Impulse, die in Verbindung mit Chopin von Rumänien ausgehen. Die Autorin, Pianistin und Pädagogin Lavinia Coman präsentierte beispielsweise ihre Monographie „Frédéric Chopin“ (Editura didactica si pedagogica, 2009), die besonders an junge Leser gerichtet ist, und die Chopin-Forscherin Carmen Manea sprach über ihr informatives Buch („La Pian cu Frédéric Chopin“, Editura Universitatii Nationale de Muzica, Bucuresti 2010).  

Den krönenden Abschluss des Festivals bildete die Aufführung beider Chopin-Klavierkonzerte im Saal des Bukarester Atheneums mit dem Orchester „Universitaria“ unter dem Taktstock von Alexandru Ganea. Als Solisten konnten hierzu Viniciu Moroianu gewonnen werden, sowie der in New York lebende Matei Varga, der mit seiner atemberaubenden pianistischen Zauberkunst und der poetischen Kraft seines Spiels das Publikum in die Sphäre von Chopins Visionen versetzte.

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