Cluster 2011/11

Spargesellschaft


(nmz) -
„Anmut sparet nicht noch Mühe, Leidenschaft nicht noch Verstand“, mit diesen verdammt raffiniert und sensibel gehobelten Worten gab Bert Brecht der deutschen Bevölkerung in der Kinderhymne seine Aufgabe für ein blühendes, gutes Deutschland mit auf den Weg. Eine Ansprache an alle. Ein Auftrag für alle. Aber von allen Kanzeln wird gegenwärtig genau das Gegenteil herunterposaunt.
Ein Artikel von Martin Hufner

Sparet dies, sparet das, sonst blühet nur der Untergang. Heute sagt man wohl eher technisch Insolvenz dazu. Das Damoklesschwert der globalen Zahlungsunfähigkeit bedrängt alles, und die Versteinerung von Kultur, Sitte und Kommunikation droht in gleichem Maße. Nach Vorstellungen aus der Romantik der europäischen Kultur würde man sagen, beste Voraussetzungen für eben die Entfaltung der genannten Fähigkeiten. Denn die Bedrohung steigert angeblich den Widerstand. Darauf berufen sich allerdings gerne diejenigen, die sich finanziell oder institutionell aus dem Staub machen wollen. Dass das nicht stimmt, weiß man natürlich intuitiv. Zum Beweis der Richtigkeit der Verknappungstheorie jedoch können die Kultursparer all die gescheiterten Kulturinitiativen anführen, die durch Förderung besonders grandios gescheitert sind.

Bei diesen tritt künstliches Leben an Stelle eines künstlerischen und die künstliche Beatmung an die Stelle autarker Kulturfunktionen der Gesellschaft. Beim Bau neuer kultureller Leuchttürme wird umfangreich gepfuscht. Das zeigen Initiativen wie „JeKi“ im großen Maßstab, der öffentlich-rechtliche Rundfunk im noch größeren und daneben auch die ganzen anderen großen und kleinen Kulturaufbaustellen – zu denen, wie man jetzt weiß, selbst volkstümlicher Pop wie der von Tokio Hotel fiel. Da taugen natürlich schon die Baupläne nichts und selbst die besten Arbeiter können im gesellschaftlichen Fließsand keine Fundamente mehr legen, die die Aufbauten halten könnten. 

Führende Kulturkritiker meinen mittlerweile, das eigene Geld lege man besser unter das Kopfkissen, statt es den Banken oder dem Staat anzuvertrauen. Unsere Kultur ist dagegen unsere tatsächliche Rente, nicht die Privatvorsorge nach Mustern wie Riester, Rürup oder Goldbarren. Das alles versackt. Am Ende verlieren wir das Vertrauen in uns selbst, das nur eine kämpferisch-friedfertige Kultur zu geben in der Lage ist. „Wer jetzt kein Haus baut, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, / wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben / und wird in den Alleen hin und her / unruhig wandern, wenn die Blätter treiben“, schreibt Rilke. 

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