Damaskus, 9. Februar 2017

Uraufführungen 2017/02


(nmz) -
Üblicherweise werden an dieser Stelle Denkanstöße und terminliche Hinweise zu Uraufführungen gegeben, die gemäß der Reichweite der nmz überwiegend im deutschsprachigen Raum oder in Mitteleuropa stattfinden, damit Leserinnen und Leser die angekündigten Veranstaltungen im näheren oder weiteren Umkreis auch gegebenenfalls selbst besuchen können. Ausnahmen bilden Aufführungen besonderer Werke von herausragenden Künstlern, die zumeist in den großen Metropolen und Musikländern der Welt stattfinden. Bloß äußere Umstände wie Ort und Zeit einer Uraufführung verdienen dagegen eher selten gesonderte Aufmerksamkeit. Das ist jetzt jedoch bei Naji Hakims Orchesterstück „Sindbad“ der Fall. Uraufgeführt wird die Komposition, die das klassische Orchester lediglich um Harfe und fünf Schlagzeuger erweitert, am 9. Februar vom Syrischen Nationalen Symphonieorchester in Damaskus.
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

Der Zeitpunkt der Premiere fällt in den syrischen Bürgerkrieg, der längst zu einem internationalen Konflikt zwischen verschiedenen Staaten und machtpolitischen, ethnischen, religiösen und ökonomischen Interessengruppen eskaliert ist. Der Ort der Uraufführung ist das Kulturzentrum „Dar al-Assad for Culture and Art“ an der Magistrale Basel Al-Assad im westlichen Zentrum des modernen Teils der syrischen Hauptstadt in direkter Nachbarschaft mit dem nationalen Rundfunk, der Universität und der Musikakademie. Ohne irgend etwas Weiteres über dieses zehnminütige Stück zu wissen, deuten Ort und Zeit der Uraufführung sofort auf verschiedenste Funktionen, die möglicherweise damit verbunden sind und von dieser Musik entweder erfüllt oder nicht erfüllt werden. Denn im Opernhaus von Damaskus gibt es dieser Tage – wie auch sonst jederzeit und überall auf der Welt – nicht „nur“ Musik und „bloß“ Kunst.

Doch während andernorts die Funktionen von Kunst eher in den Hintergrund treten, sensibilisieren die aktuellen Verhältnisse in Syrien in besonderer Weise für den Gebrauch und die Wirkung von Musik im Dienste von Unterhaltung, Eskapismus, Propaganda, Nationalismus, Affirmation, Widerstand, Protest. Das hat auch mit dem Sujet des Orchesterstücks zu tun. Denn das Märchen aus Tausendundeiner Nacht geht zurück auf die Zeit des Abbasiden-Herrschers Harun ar-Raschid, der in der Nationalhymne Syriens namentlich genannt wird, dessen Kalifat um 800 den halben Orient umfasste, einschließlich das heutige Syrien bis weit über Ägypten hinaus nach Algerien. Der Kalif unterhielt zudem diplomatische Kontakte zu Karl dem Großen und genießt dank anderer Geschichten Scheherazades über seine Machtfülle, Brutalität und Ausschweifungen seit Langem den Status „märchenhaft“.

Spielt dies eine Rolle bei der Aufführung des Orchesterstücks von Naji Hakim? Überformen die historischen Beziehungen die aktuellen Verstrickungen Syriens mit dem Westen, mit Russland, der übrigen arabischen Welt und dem heutigen Iran? Was bedeutet es, dass der 1955 in Beirut geborene, in Paris ausgebildete und lebende Komponist und Organist auf seiner Homepage den Uraufführungstermin in Damaskus nicht ankündigt, wie es das aktuelle „Schott-Journal“ tut? Wem dient diese Musik und an wen richtet sie sich? Geht es bloß darum, dem täglichen Schießen und Sterben wenigstens für zehn Minuten einmal in die heile Märchenwelt des alten Orients zu entfliehen? Oder haben die Schicksalsschläge und Wirrnisse auf der langen Reise des sagenhaften Seefahrers auch etwas mit dem gegenwärtigen Unglück der ganzen Nation und Region zu tun? Weckt das Stück gar Empathie mit Verfolgten, Fliehenden, Eingesperrten, Hungernden, Frierenden? Immerhin erleidet der friedliche Händler zahllose Gefahren. Sindbad entrinnt mehrmals nur mit knapper Not dem Tod, er erleidet wiederholt Schiffbruch oder kentert, wird auf einsame Inseln verschlagen, von Frau und Kindern getrennt, in Schluchten und Höhlen geworfen, von Zyklopen bedroht, von Schlangen fast gefressen, von Riesenvögeln wundersam gerettet, er verliert sein gesamtes Hab und Gut, gewinnt es auf unwahrscheinliche Weise zurück, bloß um es erneut zu verlieren: zuviel Schicksal für einen Menschen!

Weitere Uraufführungen:

2.–5.2.: Eclat Festival Stuttgart mit neuen Werken von Clara Iannotta, Elena Mendoza, Jagoda Szmytka, Gerhild Steinbuch, Hanna Hartmann, Clara Maïda, Brigitta Muntendorf/Vincent Mesnaritsch, Christoph Ogiermann, Bernhard Gander, Brice Pauset, Anna Korsun, Mark Barden, Ulrich Kreppein, George Lewis, Genoël von Lilienstern, Huihui Cheng, Birke Bertelsmeier, Alberto Posadas, Enno Poppe, Matthias Krüger, Richard Barrett, Johannes Schöllhorn, Klaus Ospald.
10./11.2.: Páll Ragnar Pálsson, Haukur Tómasson, Thurídur Jónsdóttir, neue Werke, Elbphilharmonie Hamburg
19.2.: Andrea Lorenzo Scartazzini, Edward II, Musiktheater in zehn Szenen, Deutsche Oper Berlin
24.2.: Harald Weiss, Ode an die Nacht für Solisten, Chöre und Instrumente, Radialsystem Berlin
25.2.: Martin Christoph Redel, Nirgendland, sieben Lieder, Tschaikowsky-Saal Hamburg
25.2.: Rudolf Kelterborn, Musica Profana, Musikakademie Basel

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