Das farbenreiche Leben eines Genies und Narrs

Ein Buch über den verblassten Ruhm des Komponisten Adalbert Ritter von Goldschmidt


(nmz) -
In Wien war der Komponist Adalbert Ritter von Goldschmidt eine zentrale Persönlichkeit der Kulturszene. Aber um die Jahrhundertwende begann sein Ruhm zu verblassen; immer heftigeren antisemitischen Schmähungen ausgesetzt, zog er sich mehr und mehr zurück, und als er im Jahr 1906 ziemlich verarmt starb, folgten nur ein Kritiker und Karl Kraus dem Sarg. Jetzt ruft eine Biographie des auch als Dramaturg arbeitenden Lyrikers Christian Filips dieses farbenreiche Leben in Erinnerung, – das Leben eines Künstlers, der gleichermaßen „Genie und Narr“ oder, wie er sich selbst beschrieb, ein „Unsterblichkeitsclown“ war.
Ein Artikel von Dirk Klose

Faszinierend und symptomatisch ist dieses Leben, weil sich in ihm wie in einem Brennpunkt Musik und Literatur, Tradition, Antisemitismus und heraufdämmernde Moderne spiegeln. Goldschmidt entstammte einer wohlhabenden jüdischen Familie, die mit den Rothschilds verwandt und für diese im Wiener Finanzwesen tätig war. Anders als seine fünf Brüder schlug Adalbert eine Banklaufbahn aus und wurde Künstler. Am Opernring 6, direkt neben der Staatsoper, führten er und seine Frau Paula (1846–1940) einen Salon, der jahrelang ein kultureller Mittelpunkt Wiens war.

Einen ersten großen Erfolg hatte Goldschmidt mit dem 1876 in Berlin uraufgeführten Oratorium „Die sieben Todsünden“, eine drastische Zeitkritik, die in vielen europäischen Musikzentren nachgespielt wurde. Goldschmidt fühlte sich musikalisch den „Neudeutschen“ und besonders Richard Wagner verbunden, dessen „Ring des Nibelungen“ er mit einem gewaltigen, auf drei Tage dimensionierten Chorwerk „Gäa“ zu überbieten suchte, ein Werk das in Arthur Nikisch einen begeisterten Fürsprecher fand, aber trotz einer internationalen „fund-raising“-Initiative letztlich stecken blieb. Seiner 1884 in Leipzig uraufgeführten Oper „Helianthus“ rühmte Franz Liszt nach: seit Wagner sei kein gewaltigeres Werk erschienen. Bei der Uraufführung seiner Oper „Die fromme Helene“ am 14. Oktober 1887 in Hamburg kam es zu einem handfesten, in einer Saalschlacht gipfelnden Skandal, worauf die Oper vom Spielplan verschwand. Allerdings hat sie kurz darauf Arnold Schönberg teilweise für das Berliner Kabarett „Überbrettl“ umgearbeitet. Erschöpft von ständigen künstlerischen und antisemitischen Anfeindungen hat Gold­schmidt zuletzt nur noch mehrere Märchen der Brüder Grimm vertont, die freundlich aufgenommen wurden.

Das Spätwerk von Franz Liszt sei – so Filips – für Goldschmidt Orientierung gewesen. In Liszt hatte er seinen wohl prominentesten Fürsprecher; noch drei Monate vor dessen Tod hatte er ihn in seinem Wiener Salon zu Gast gehabt. Die jahrelange Freundschaft mit Hugo Wolf kippte dagegen, als Wolf einem unversöhnlichen Antisemitismus zuneigte. Frei davon zeigten sich Kollegen wie Anton Bruckner, Johann Strauss (Sohn) oder Camille Saint-Saëns. Als Dichterkomponist, als der sich Goldschmidt verstand, verkehrte er jahrelang im legendären Café Grien­steidl mit Peter Altenberg, Hermann Bahr und Hugo von Hofmannsthal.

Filips sagt, er habe eine Gesellschaftsbiographie der Wiener Moderne am Schicksal eines einzelnen schreiben wollen. Wegen seiner einfühlsamen Darstellung und auch seines Sprachvermögens (Filips hat mehrere Literatur-Preise erhalten) ist ihm ein großes Panorama von Musik und Literatur des Wiener Fin de Siècle gelungen (leider ohne Register und Literaturverzeichnis). Aber ob es damit gelingt, Goldschmidt wieder dem Vergessen zu entreißen? Schon zu seinen Lebzeiten gab es ja nicht nur antisemitische Anfeindungen, sondern aus der Musik selbst begründete Vorbehalte.

Die Sing-Akademie zu Berlin, die unter www.unsterblichkeitsclown.de ein Werkverzeichnis und sechs Lieder ins Netz gestellt hat, wollte im Frühjahr 2020 jedenfalls „Die sieben Todsünden“ wiederbeleben, was allerdings corona-bedingt fehlschlug.

  • Christian Filips: Der Unsterblichkeitsclown. Adalbert Ritter von Goldschmidt (1848–1906) – Ein Dichterkomponist im Wiener Fin de Siècle, Engeler Verlag, Schupfart 2020, 323 S., € 24,00, ISBN 978-3-906050-61-4

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