Das geplatzte Festspiel-Jubiläum

Tobias Wolff und Clemens Birnbaum im Gespräch über Händel-Traditionen in Göttingen und Halle


(nmz) -
Ursprünglich sollte dieses Doppelinterview eine reflektierende Hommage über die 1920 in Göttingen begonnene Händel-Renaissance und das Teamplay der beiden Händel-Festspielstädte Göttingen und Halle 30 Jahre nach dem Mauerfall werden. Es kam leider anders: Erst mussten die Internationalen Händelfestspiele Göttingen (Eröffnung: 20. Mai) Ende März 2020 die Verschiebung Ihres 100-Jahre-Jubiläums bekanntgeben, kurz vor Ostern folgte die Absage der Händel-Festspiele 2020 (Eröffnung: 29. Mai) – ebenfalls wegen Corona.
Ein Artikel von Roland H. Dippel

Roland H. Dippel sprach für die nmz von Ende Februar bis Mitte April mehrfach mit den Leitern der beiden bedeutenden Händel-Stätten: Tobias Wolff leitet die Göttinger Händel-Festspiele seit 2011 und übernimmt 2022 die Intendanz der Oper Leipzig. Der Musikwissenschaftler Clemens Birnbaum leitet seit 2009 die Stiftung Händel-Haus und die Händel-Festspiele Halle.

neue musikzeitung: Händel ist seit einigen Jahrzehnten im internationalen Repertoire verankert und historisch informierte Aufführungspraxis weitgehend durchgesetzt. Was kann die zukünftige Aufgabe der Internationalen Händel-Festspiele Göttingen und der Händel-Festspiele Halle sein?

Tobias Wolff: Die Händel-Festspiele haben auch zukünftig die Aufgabe, Maßstäbe in puncto Aufführungspraxis und Repertoirepflege zu setzen. „Messiah“ oder „Giulio Cesare“ gibt es überall zu hören. Für eine „Brockes-Passion“ oder „Sosarme“ muss man schon nach Halle, Karlsruhe oder Göttingen fahren.

Clemens Birnbaum: In Halle versuchen wir deshalb, Werkgruppen wie die Pasticci oder besondere Fassungen bekannt zu machen. Meistens handelt es sich dabei um erste Wiederaufführungen seit dem 18. Jahrhundert. Hier arbeiten wir intensiv mit der wissenschaftlichen Forschung zusammen. Zudem möchte ich widersprechen, dass bereits alles in der historisch informierten Aufführungspraxis umgesetzt wurde. Ein Beispiel: In der Gegenwart wurde noch nicht die eigentliche Orchestergröße und -zusammenstellung unter Berücksichtigung der historischen Quellen für Aufführungen der italienischen Oper des 18. Jahrhunderts erprobt. Es gibt also noch viel zu tun.

nmz: Die Festivals spiegeln auch die Perioden von Annäherungsformen und -stilen. Wie würden Sie diese bei Ihren Festivals kategorisieren – gibt es Unterschiede zwischen Göttingen und Halle?

Wolff: In der Anfangsphase ab 1920 ging es nicht um historische Aufführungspraxis. Oskar Hagen und seine Mitstreiter*innen nutzten Händels Musik als Vehikel für eine Erneuerung des Musiktheaters. In den 1930er Jahren wurde hin zu einer historisch informierten Aufführung damit begonnen, die Opern ungekürzt zu spielen. Die Ära Günther Weißenborn 1960 bis 1980 war geprägt durch große Interpreten wie Dietrich Fischer-Dieskau oder Marilyn Horne. Mit John Eliot Gardiner hielten dann endgültig his­torische Instrumente und eine historische Aufführungspraxis Einzug in Göttingen, mit Nicholas McGegan auch szenisch auf der Bühne. Er gründete 2006 das FestspielOrchester Göttingen und begann mit der Einbindung der Region. Laurence Cummings und ich haben seit 2011 vor allem den Bereich Musikvermittlung massiv ausgebaut.

Birnbaum: Eine der wichtigsten Zäsuren in Halle war sicherlich die Gründung des Händelfestspielorchesters 1993. Die Musiker sind größtenteils Mitglieder der Staatskapelle Halle. Sie wechseln für uns zu historischen Instrumenten und spielen auf Basis der historisch informierten Aufführungspraxis. In der Spielweise sind die Aufführungen in Halle einem stilistischen Wandel und vielleicht Moden unterworfen wie die gesamte Alte-Musik-Bewegung. In den 1950er Jahren wurde Händel in Halle wie andernorts mit großen Chor-und Orchester-Besetzungen aufgeführt. In den letzten Jahren erklingt Barockmusik meist etwas schneller und man greift auf Schlaginstrumente zurück, was vor 20 Jahren noch nicht verbreitet war. Diesen Wandel vollziehen auch die bei den Festspielen in Halle auftretenden spezialisierten Orchester.

nmz: Spielen Sie die Werke generell ungekürzt? Welchen Stellenwert haben Bearbeitungen und Einrichtungen?

Birnbaum: Die meisten Produktionen an der Oper Halle, die ja eigenständige Beiträge sind und dann auch im Repertoire gespielt werden, basieren auf Strichfassungen oder haben sogar Umstellungen. Bei konzertanten Aufführungen überlegen wir uns, behutsame Striche in den Rezitativen vorzunehmen. Konzertante Erstaufführungen sollen hingegen strichfrei erklingen, zum Beispiel das ziemlich lange Oratorium „Susanna“ als Erstaufführung nach der Halleschen Händelausgabe 2019.

Wolff: In Oper und Oratorium kürzen wir heutzutage nur, wenn wirklich gute Gründe vorliegen, und auch dann nur extrem maßvoll. Die Geschichte der Festspiele begann mit einer Bearbeitung, insofern spielen Arrangements bis heute eine wichtige Rolle. Beispiele dafür sind Crossover-Programme wie „Händel goes Jazz“, „Händel goes Pop“ oder die „HipHOpera“ für Jugendliche oder die Familienfassung der Festspieloper. Wenn ich mich an die Begeisterung der zirka 200 beteiligten Jugendlichen bei den Proben zu unserer HipHOpera „EZIO: Game of Rome“ erinnere, hat Händel das Potential, ziemlich cool zu sein.

nmz: Sind Ihre Festspiele in Göttingen und Halle ein Wirtschaftsfaktor der Städte?

Wolff: Selbstverständlich. Bei etwa 20.000 Besuchen kommen ein paar Tausend Menschen zusammen, die nach Göttingen anreisen, hier übernachten, Essen gehen, Taxi fahren, einkaufen. Nur ein Drittel unserer Mittel kommt von der öffentlichen Hand, zwei Drittel erwirtschaften wir selbst über Ticketing, Sponsoring, Spenden und Stiftungen. Der Wert der internationalen Ausstrahlung, welche die Festspiele in die Stadt bringt, ist auch nicht zu vernachlässigen.

Birnbaum: In drei Besucherbefragungen der Stiftung Händel-Haus mit der Stadtmarketing Halle GmbH in den Jahren 2014, 2016 und 2018 wurde eine Wertschöpfung ermittelt. Die lag im Jahr 2018 bei beachtlichen 9 Millionen Euro.

nmz: Lässt sich ein ambitioniertes Programm wie das zum Göttinger Jubiläum überhaupt angemessen verschieben?

Wolff: Für die meisten Veranstaltungen bin ich optimistisch. Sicher lässt sich eine Star-Konstellation wie für das Eröffnungskonzert bei „Alessandro“ schwerlich wiederholen. Inzwischen mussten viele Veranstalter im Rahmen der Pandemie absagen. Das Publikum erhält das Geld für die entfallenen Veranstaltungen laut aktueller Rechtsprechung ganz selbstverständlich zurück. Ungerecht finde ich, dass für die Mitwirkenden oft ebenso selbstverständlich das Honorar entfällt, obwohl beide Seiten am Nicht-Zustandekommen der Festspiele unschuldig sind. Unser FestspielOrchester Göttingen besteht aus freischaffenden Musikern, deren wirtschaftliches Überleben in den kommenden Monaten einer harten Bewährungsprobe ausgesetzt sein wird. Hilfsprogramme gelten oft nur für deutsche Künstler. Aber was ist mit den internationalen Sänger*innen, Dirigent*innen und Musiker*innen, die wir immer mit großem Stolz präsentieren?

nmz: Welche Auswirkungen hat die Göttinger Absage?

Wolff: Unsere Absage erfolgte relativ früh und war mit vielen Unsicherheiten behaftet. Mittlerweile zeichnet sich ab, dass die Entscheidung richtig war. In erster Linie ging es um die Menschen und die bestmöglich zu gewährleistende Sicherheit. Der Zeitpunkt der Absage erfolgte aber auch im Hinblick auf eine wirtschaftliche Schadensverhinderung. Als gemeinnützige GmbH haben wir keine Rücklagen gebildet, viele Projektausgaben werden durch Fehlbedarfsfinanzierung gedeckt. Doch wie fördert man ein Festival, das nicht stattgefunden hat? Wir decken einen großen Teil aller Kosten aus den Karteneinnahmen, aber diese brechen jetzt total weg. Hauptgesellschafter der Festspiele ist die Göttinger Händel-Gesellschaft e.V. Die Stadt Göttingen, der Landkreis Göttingen und die Stiftung Internationale Händel-Festspiele Göttingen sind jeweils Minderheitengesellschafter. Einen Rettungsautomatismus wie bei einem städtischen Eigenbetrieb gibt es also nicht. Stadt und Landkreis haben in der Zwischenzeit zugesagt, ihre Zuschüsse trotz Wegfall in voller Höhe auszuzahlen. Die Signale von Bund, Land und den anderen Förderern sind auch grundsätzlich positiv. Als Institution dürfen wir also hoffen, dass es weitergeht. Unsere Kartenkäufer*innen schreiben uns ganz rührend und spenden zum gro­ßen Teil den Gegenwert ihrer Tickets. Nun gilt es, dafür zu sorgen, dass die Künstler*innen, die unser Festival strahlen lassen, zumindest damit eine symbolische Ausfallgage erhalten. Das ist verwaltungstechnisch nicht ganz einfach.

Birnbaum: Bei Ausfall von Veranstaltungen verringern sich die Einnahmen der Mitwirkenden. Es zeichnet sich ab, dass durch den Wegfall von fixierten Auftritten und später durch das Ausbleiben von Konzerteinladungen für viele Künstler und Agenturen der Lebensunterhalt entzogen wird. Die Lawine der Absagen und die folgende Phase ohne Auftrittsmöglichkeiten werden für alle in der Alte-Musik-Szene agierenden Freischaffenden zu massiven Problemen führen, auch für die Veranstalter. Deshalb hoffe ich, dass die öffentliche Hand nicht mit zinslosen Krediten hilft, sondern mit Zuschüssen ohne besondere Auflagen.

nmz: Hat die Corona-Prävention Auswirkungen auf die Planung der Festspiele 2021 und 2022?

Birnbaum: Wenige Stunden vor dem Osterwochenende mussten auch wir die Händel-Festspiele in Halle absagen. Ein schmerzlicher, wenngleich in der jetzigen Situation auch unvermeidlicher Schritt für jeden, der jahrelang ein Programm plante. Auch wenn die Künstler*innen und Besucher*innen aus allen Teilen der Welt dies bereits erwartet haben, blieb doch lange noch der letzte Funken Hoffnung, dass es nicht dazu kommen müsste. Auch sie sind nun unendlich traurig. Welche Auswirkungen die Absage auf die Planungen der kommenden Festspiele in Halle haben werden, kann ich jetzt noch nicht detailliert abschätzen. Ich wünsche mir, dass wir beispielsweise unsere für dieses Jahr geplante Uraufführung von Händels „Fernando“-Fragment herausbringen – und die Signale aus London stimmen mich hoffnungsfroh. 2021 ist allerdings bereits fertig geplant. Wir werden unter dem Motto „Helden und Erlöser“ und in enger Kooperation mit dem Kantaten-Ring „Bachs Messias“ beim Leipziger Bachfest 2021 einen Schwerpunkt auf die Lebensgeschichte Jesu setzen. Die Oper Halle wird hierbei eine szenische Produktion von Händels „Brockes-Passion“ beisteuern, und Händels berühmtestes Oratorium „Messiah“ wird es in drei Versionen geben, darunter auch in der deutschen Übersetzung von Herder. Um wenigstens einen kleinen Ersatz zum Festspieljahr 2020 zu schaffen, bereiten wir einen Händel Day am 6. Juni aus dem Händel-Haus zur Übertragung in den Online-Medien vor. Diverse Festspielkünstler*innen haben hierfür ihre Mitwirkung bereits fest zugesagt, darunter der diesjährige Händel-Preisträger Valer Sabadus.

Wolff: Wir werden versuchen, große Teile des Jubiläums-Programms 2021 nachzuholen. Das bedeutet leider, dass wir den bereits für 2021 unverbindlich angefragten Künstlern absagen müssen. Die Covid-19-Pandemie wirft lange Schatten … 

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