Das zweite Talent

Absolute Beginners 2022/12


(nmz) -
Vor kurzem schrieb ich hier über das „wichtigste“ Talent (Selbstdisziplin), wenn es ums Komponieren oder überhaupt um einen künstlerischen Beruf geht. In einem Leserbrief regte sich Widerstand gegen diese Behauptung – wäre nicht Begabung an sich das wichtigste Talent? Nun, wenn man sich anschaut, wie weniger begabte Menschen mit reiner Willenskraft oft weiterkommen als begabte und weniger ambitionierte Menschen, so würde ich weiterhin bei meiner These bleiben, vor allem, weil man davon ausgehen kann, dass Studierende, die überhaupt die Prüfung an einer Musikhochschule bestanden haben, auf jeden Fall grundsätzlich „begabt“ sind.
Ein Artikel von Moritz Eggert

Begabung an sich heißt leider erst einmal so gut wie nichts. Wir sind da leider verdorben von Filmen, in denen kompositorischen Genies wie Mozart das Komponieren leicht von der Hand geht, während sie gleichzeitig Billard spielen und mit der Kellnerin flirten. Die Wirklichkeit – und das weiß man auch bei Mozart ziemlich genau – sieht komplett anders aus.

Kommen wir aber nun zum zweiten wichtigen Talent: Wie erkennt man, für was man begabt ist und was nicht? Und ob man es überhaupt grundsätzlich draufhat? Wir sprechen oft davon, dass man „an sich glauben muss“, aber ist dies auch richtig, wenn alle Zeichen dagegensprechen, wenn das Feedback von außen negativ bleibt oder indifferent bleibt? Das ist tatsächlich eine schwierige Frage, denn Kompositionsstudierende sind von Anfang an einer gewissen Indifferenz ausgesetzt. Wie oft ich in meinem Studium irgendwelchen Schwachsinn wie „alle gute Musik wurde schon geschrieben, was willst Du überhaupt?“ gehört habe…hätte ich mir das zu eigen gemacht, wären mir viele schöne spätere Erfolgserlebnisse entgangen.

Andererseits braucht es ein gesundes Maß an Selbstreflexion, um nicht die Bodenhaftung zu verlieren. Es lauert viel Gefahr darin, das eigene Talent zu überschätzen. Wenn man Erfolg hat, bildet man sich zu viel auf das Falsche ein, wenn nicht, so sind meistens „die anderen“ Schuld. Ein typisches Beispiel dafür las ich neulich in einem Kommentar zur möglichen Auflösung von Rundfunkorchestern – der komponierende Kommentator begrüßte das, da diese Institutionen ihn ja bisher ignoriert hätten oder sogar bewusst seine Karriere verhindert hätten (?), es geschähe ihnen recht, wenn man sie jetzt in die Tonne kippte. Es ist eine Binsenweisheit, dass das Leben voller Ungerechtigkeiten ist, aber mit dieser Haltung wird man taub für das Gespür, das einen die eigenen Fähigkeiten richtig einschätzen lässt. Und das ist essenziell.

Vergessen wir nicht, dass es für selbstkritische Einschätzungen große und bewundernswerte Vorbilder gibt. Chopin – ein nun wirklich hervorragender und hochorigineller Komponist – hat sich wohlweislich auf das konzentriert, was er wirklich gut konnte, nämlich fantastische Klaviermusik zu schreiben. Er hatte erkannt, dass er für Sinfonik oder Oper einfach nicht genügend Begabung hatte (wer die Orchesterbegleitung seiner Klavierkonzerte anschaut, wird mir recht geben). Auch ein Brahms ist ein wunderbares Beispiel für richtige Selbsteinschätzung – anstatt sich als bisher hauptsächlich Klavierkomponist wagemutig in symphonische Untiefen zu stürzen (die ihm erst einmal weniger lagen) ließ er sich bekanntermaßen Zeit, und zwar so lange, bis er mit den Ergebnissen zufrieden war. Auch ein George Gershwin bildete sich bis zu seinem Tod ständig weiter, lernte Orchestration, Satztechniken und studierte anspruchsvolle zeitgenössische Partituren. Und ja, das hört man in jedem seiner Songs.

Wem es also gelingt eine gesunde Balance aus kritischer Selbsteinschätzung und der richtigen Ambition zu finden, dem werden alle Türen offenstehen. Sicherlich braucht es dazu auch ein bisschen Glück - wie bei allem im Leben. Aber es wird definitiv unterschätzt, wie oft man eigentlich seines eigenen Glückes Schmied ist, vor allem dann, wenn man dem eigenen Narzissmus ab und zu Mal einen Riegel vorschiebt.

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