Der heilige Zeitgeist ist über uns gekommen ...


(nmz) -

Llujah, sog i – und ein herzliches Grüß Gott. Willkommen in der Papst-Stadt Regensburg. Sehr viel Gscheites, jede Menge klasse Philosophie steht in diesem unserem Blattl: theo-sophisches, theo-kratisches und theo-retisches. Da darf ein praktischer Seitenblick von schräg unten nicht fehlen. Und von wo aus könnte der authentischer sein, als aus dem Verlags-Haus der nmz. Es liegt gewissermaßen in der Einflugschneise des Heiligen Vaters zur Papst-Wiese, im demnächst sicherlich seligen Herrgottswinkel Pentling – Graß – Oberisling, wo gerade die Immobilenpreise explodieren.

Ein Artikel von Theo Geißler

Tja, wir bereiten uns schon auf zwei Extra-Feiertage vor. Denn so lange wird unser Büro laut Auskunft des gut hundertköpfigen regionalen Event-Organisations-Komitees in Erwartung einer Viertelmillion Pilgerinnen und Pilger unerreichbar sein. Der kleine kulturelle Schaffensdrang eines Verlegers hat sich dem allgemeinen Seelenheil pfleglichst unterzuordnen. Schüchterne unternehmerische Versuche, durch die Beherbergung von einigen hundert christlich-sozialen Kultur-Journalisten in unseren Räumlichkeiten (immerhin über neunzig Quadratmeter, Stockbetten und Dixi-Duschen waren schon bestellt) eine gewisse materielle Kompensation zu erwirtschaften, wurde uns fürsorglich aus der Hand genommen. Um Unterbringung und Verpflegung kümmern sich generell Bundesgrenzschutz, Innenministerium und die Marianische Kongregation (wegen der Hygiene). Als Schutzmaßnahme vor Überbuchungen hat die regionale Hotellerie ohnedies ihre Zimmerpreise schon mal verzehnfacht.

Dafür, dass alles – man ist schon fast versucht zu sagen: göttliche – Ordnung hat, sorgt das Bistum Regensburg. Es hat den Vertrieb von offiziellen Arti-keln zum Papst-Besuch an die Regensburger Agentur Six Sigma Merchandising GbR vergeben, zu deren Gesellschaftern laut völlig unbestätigten Gerüchten neben dem Bischof höchstselbst auch der Oberbürgermeister, Fürstin Gloria und der regionale Monopol-Zeitungsverleger gehören sollen – eine wahrlich ehrenwerte Gesellschaft wäre das also. Sie will dafür sorgen, dass sich alle Papst-Fans künftig mit T-Shirts, Ansteckern und Maßkrügen samt Papst-Foto ausstaffieren können. Nicht umsonst heißt eine der ertragreicheren Regensburger Brauereien „Bischofshof“.

Zudem hofft das Bistum, durch den Vertrieb der Produkte einen Teil der Ausgaben refinanzieren zu können, die Benedikts Visite nun mal verursacht. Und zudem „durch weitere Verbreitung von Logo und Motto Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit zu stärken“ (sic!).

Als offenes Zeichen solcher Verbundenheit empfiehlt sich der Erwerb der offiziellen Papst-Medaille, einer in Kooperation mit der Württembergischen Münzprägeanstalt Dr. Ising gestalteten Gedenk-Prägung, versehen mit dem Motto des Papst-Besuches: „Wer glaubt, ist nie allein“. (Der ursprünglich geplante Claim: „Wers glaubt, wird selig“ wurde wegen des zu hohen Bekanntheitsgrades dieser Aussage in letzter Minute verworfen). Weitere Informationen zu dieser hübschen Devotionalie unter: www.ligabank.de (Selbstdarstellung: Die in Regensburg ansässige Genossenschaftsbank ist als Dienstleister für die katholische Kirche mit Schwerpunkt in Bayern und der Pfalz tätig. Mit dem Ziel, ihrem speziellen Kundenkreis maßgeschneiderte Produkte anzubieten und um der besonderen Geschäftsphilosophie auch weiterhin verstärkt konkrete Gestalt zu verleihen, bietet die LIGA Bank innovative Bankprodukte an, die den Grundsätzen der Nachhaltigkeit entsprechend christliche, ethische, soziale, ökologische und ökonomische Werte betonen …).

Doch auch die immaterielle – man möchte anmerken: menschliche – Komponente erfährt im Rahmen der benediktischen Präsenz einen Innovationsschub: So sollen sich bei den Regensburger Krankenhäusern schon hunderte von Frauen in froher Erwartung angemeldet haben, die ihr Kind auf der Papst-Wiese bei angemessener ärztlicher Versorgung zur Welt bringen wollen. Der amerikanische Pharma-Konzern Pfizer meldet dramatisch verstärkten Absatz geburtseinleitender Medikamente im süddeutschen Raum. Angeblich will die ukrainische und die polnische Sektion von Opus Dei auch noch ein kompaktes Zeltdorf für den Vollzug einer befleckten Empfängnis in Sichtweite zum Papst-Wiesen-Kreuz aufstellen und personell ausstatten. Dagegen wirkt der Plan eines ortsansässigen Konditors fast schon anrührend bescheiden: Er hat sich einen Wachs-Abdruck des heiligen Präputiums aus den Archiven des Vatikans beschafft und möchte mit einer Spritzgebäck-Nachbildung dieser Reliquie aus Plunderteig ins Geschäft kommen.

Tja: Vernünftigerweise muss die Bibel wohl umgeschrieben werden: danach hätte Jesus seinerzeit die Wechsler aus dem Tempel vertrieben. Vielleicht wird’s aber auch Zeit, dass er mal wieder vorbeischaut. Die kaum zu vermeidende Erleuchtung der nmz-Redaktion jedenfalls durch die päpstliche Nähe möge Ihnen helfen, auch geraume Exspektations-Zyklen intelligent zu überbrücken. Sollten Sie unsere Zeitschrift deshalb abonnieren wollen, dann können wir den ersten hunderttausend Neukunden eine wunderbare Abo-Prämie zusichern: Drei Original-Grashalme von der Papst-Wiese, ökologisch getrocknet und in Polyester eingegossen …

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