Der Musiker, der sich mit sich selbst multipliziert

Im Gespräch mit dem Multiinstrumentalisten und YouTube-Star Jacob Collier


(nmz) -
In seinen Videos multipliziert sich Jacob Collier (21) nicht nur musikalisch, sondern auch optisch: Wie in einem Setzkasten ist der Multiinstrumentalist aus London darin als Solo- und Backgroundsänger, als Pianist, Schlagzeuger und Keyboarder zu sehen. Alles gleichzeitig und so ansteckend virtuos, dass seine Musikvideos bereits mehr als 6,5 Millionen Mal geklickt wurden. Zu seiner Fangemeinde zählen auch Musiklegenden wie Quincy Jones, Pat Metheny und James Taylor, die ins Schwärmen geraten, wenn der Name Jacob Collier fällt. Im Interview mit Claus Lochbihler erzählt der junge Engländer, wie er sich fühlt, wenn er neue Musik postet, was Brian Wilson mit dem Komponisten Benjamin Britten verbindet, und warum man als Jazzer auch Death Metal hören kann.
Ein Artikel von Claus Lochbihler

neue musikzeitung: Mr. Collier, was für ein Gefühl ist es, mit sich selbst Musik zu machen?

Jacob Collier: Ein ganz besonderes. Man fühlt sich wie in einem Wunderkabinett. Wie ein musikalischer Handwerker oder Designer, der einen riesigen Raum zur Verfügung hat und diesen füllen darf: Mit Grooves, mit Harmonien, mit Feeling. Und am Ende stammt alles von einem selbst, genauso, wie man sich das vorgestellt hat. 

nmz: Ist das schöner, als mit anderen zu musizieren?

Collier: Nein. Nur anders. Das sind zwei sehr verschiedene Prozesse. Musizieren  in der Gruppe ist wie ein gutes Gespräch. Da kreuzen sich die eigenen Ideen und Empfindungen mit denen der anderen. Wenn ich mein Leben lang nicht mit anderen musiziert hätte, hätte ich nie gelernt, was ich heute kann.

nmz: Sie singen, spielen aber auch weltklassemäßig Klavier und Keyboards, dazu Bass, Schlagzeug, Gitarre, Ukulele und viele Percussionins-trumente. Sehen Sie sich eigentlich mehr als Sänger oder als Multi-Instrumentalist?

Der Raum als Instrument

Collier: Schon mehr als Sänger. Die Stimme ist bei meinen Arrangements und Songs meistens das Fundament. Andererseits ist Stimme für mich auch nichts anderes als ein Instrument. Deswegen würde ich sagen: Mein eigentliches Instrument ist dieser Raum, in dem ich seit meiner Kindheit Musik mache.

nmz: Ein Musikzimmer als Instrument. Können Sie das genauer erklären?

Collier: Wenn ich in mein Musikzimmer gehe, weiß ich genau, wie ich bestimmte Klänge erzeugen kann. Für manches brauche ich gar kein Ins-trument, sondern einfach nur diesen Raum und seinen Klang: Anstelle meines Schlagzeugs erzeuge ich Grooves oft, indem ich klatsche, mir auf den Schenkel klopfe oder einen Holzblock auf den Boden fallen lasse, das aufnehme und dann zu Grooves verarbeite. Ich bin eigentlich nur ein Musiker, der diesen wunderbaren Raum voller Instrumente und Klänge hat und damit versucht Musik zu machen.

nmz: Dazu passend trägt Ihr Debüt den Titel „In My Room“. Ist das auch eine Hommage an Brian Wilson, von dem dieser Song stammt?

Collier: Schon mehr an mein Musikzimmer. Und an meine Familie, die mir diesen Raum netterweise überlassen hat und mein ständiges Musizieren erträgt. Aber ich verbeuge mich mit diesem Song natürlich auch ein kleines bisschen vor Brian Wilson, mit dessen Musik und Stimme ich aufgewachsen bin. Genauso wie vor Bobby McFerrin, Stevie Wonder, Take 6 und all den anderen, deren Musik mich geprägt hat. Auch Brian Wilson steckt in diesem Album. Nicht zuletzt mit diesem Song, der mir aus dem Herzen spricht: Was gibt es Schöneres als einen Raum, in dem man nach Lust und Laune Schönes erschaffen kann?

nmz: Suchen Sie eine bestimmte Art von Perfektion, wenn Sie als One-Man-Band Musik machen?

Collier: So wie ich Musik mache, wäre das Streben nach Perfektion ein großes Hindernis. Da ist es viel wichtiger, den Mut zu haben und zu sagen: Ich lass das jetzt mal so wie es ist und mache weiter. Sonst wird man nämlich nie fertig. Oder man hat am Ende etwas, was zu Tode perfektioniert ist: Ohne jedes Feeling und ohne jede Energie.

nmz: Wie kam es überhaupt, dass Sie so viele Instrumente beherrschen? Schlagzeug zum Beispiel.

Collier: Ich spiele Schlagzeug, würde mich aber nicht als Schlagzeuger bezeichnen. Ich verstehe, was man auf dem Instrument spielen und wie man es einsetzen kann. Wenn ich einen Song aufnehme, habe ich eine genaue Vorstellung davon, welchen Part das Schlagzeug übernehmen soll. Oft muss ich mir diesen Part aber erst noch beibringen. Mein Können als Schlagzeuger jagt immer meinen Ideen hinterher. Wie bei einem Wettlauf.

nmz: Sie sind nicht nur Multi-Instrumentalist, sondern auch Multi-Stilist. Ihre Musik verbindet eine Vielzahl von Genres: Jazz, Soul, brasilianische Musik, A-Cappella. Gibt es ein Genre, mit dem Sie gar nichts anfangen können? 

Collier: Ich könnte jetzt nicht behaupten, dass ich wahnsinnig viel Death Metal höre. Aber grundsätzlich versuche ich, offen für alles zu sein. Es wäre dumm, sich einer Musik von vornherein zu verschließen. Wenn ich Musik höre – egal welche –, versuche ich davon zu lernen.

nmz: Dann haben Sie also auch was vom Death Metal gelernt?

Collier: Schon. Dass nämlich der Übergang von Musik zu Lärm und Chaos eine bestimmte Art von Schönheit erzeugt. Das findet man so vielleicht nur im Death Metal. Keine Ahnung, ob ich das mal einsetze. Aber es ist gut zu wissen, dass es das gibt.

nmz: Hip-Hop scheint Sie mehr zu interessieren.

Collier: Ich hatte eine Phase, da habe ich ganz viel Hip-Hop gehört. 90er-Jahre Hip-Hop. Vieles gefällt mir heute noch. Ich mag besonders Sachen, die sich auf dem schmalen Grat zwischen Hip-Hop und Soul bewegen: D’Angelo oder J Dilla etwa.

nmz: Ihre tolle Fassung von Burt Bacharachs „Close to You“ klingt nach den Beiden.

Collier: Stimmt. Das ist meine Verbeugung vor J Dilla und seinen Beats, auch für D’Angelo. J Dilla war der erste und bis heute beste Hip-Hop-Produzent, der seine Beats ohne digitale Quantisierung gebaut hat. Deswegen swingen sie auch so: Immer etwas schief, wackelig und spannend. Nichts scheint zusammenzupassen, aber irgendwie passt doch alles zusammen.

nmz: Ist Ihnen Hip-Hop als Liebhaber des Mehrstimmigen und anspruchsvoller Harmonik manchmal nicht zu langweilig?

Collier: Klar höre ich Hip-Hop in ers-ter Linie nicht wegen der Harmonien, sondern wegen der Rhythmik. Den umgekehrten Fall gibt es aber auch: Bacharachs Musik bietet fantastische Harmonien und Melodien, groovt aber nicht so wie ich das am Hip-Hop liebe. Deswegen habe ich mit meiner Version von „Close to You“ versucht, Beides  zusammenzubringen. Für einen Musiker ist Rhythmik so wichtig wie Harmonik. Man muss beides studieren.

Erweckungserlebnis Britten

nmz: Ihr großes harmonisches Erweckungserlebnis sollen Sie gehabt haben, als Sie mit zehn Jahren die Kinderrolle des Miles in Benjamin Brittens Oper „The Turn Of The Screw“ gesungen haben.

Collier: Diese Oper hat mich richtig erschüttert. Vor allem wegen ihrer außerirdischen Harmonien: Unglaubliche Akkorde, aber auch Klangfarben, die man nie zu hören bekommt, wenn man immer nur Pop hört. Diese Oper ist wie ein riesiger harmonischer Swimming Pool, in dem man alles findet, was die Klassik bis dahin hervorgebracht hatte. Von Britten habe ich gelernt, dass Musik auch ganz ohne Text, rein über die Harmonien unglaubliche Emotionen auslösen kann. Aber wissen Sie, was das Überraschendste ist?

nmz: Nein.

Collier: Wenn ich Pet Sounds von Brian Wilson höre, höre ich Britten heraus: Eine ähnliche Instrumentierung, ähnliche Klänge und Klangfarben. Ich finde das sehr inspirierend.

nmz: Könnten Sie sich vorstellen, auch Johann Sebastian Bach à la Jacob Collier zu bearbeiten? Oder hätten Sie davor Skrupel?

Collier: Wenn es jemanden gibt, bei dem ich Skrupel hätte, dann Bach. Weil seine Musik so perfekt ist. Aber vielleicht ist das auch falsch. Bach hat nämlich oft selbst ältere Melodien genommen und diese meisterhaft harmonisiert. Meistens sind es ja erst die Harmonien, die eine Melodie zum Leben erwecken. Und genau das mache ich ja selbst so gerne. Nicht, dass Sie jetzt denken, ich möchte mich mit Bach vergleichen. Nein … Aber das, was ich versuche, hat letztlich mit ihm und seinen Inventionen begonnen. Wenn ich Stevie Wonder oder Brian Wilson covere, dann sind das letztlich Inventionen. Mit Bach hat alles begonnen.

nmz: Wie fühlt es sich an, wenn Sie ein neues Video mit Ihrer Musik posten?

Collier: Das ist eine wirklich seltsame Mischung aus Gefühlen: Da bin ich glücklich, aufgeregt, aber auch ein wenig traurig.

nmz: Traurig?

Collier: Weil das, an dem ich so lange gearbeitet habe, die ganze Zeit meines war. Nur meines. Mit dem Posten wird es plötzlich öffentlich. Das ist natürlich auch schön. Dafür ist Musik ja letztlich da. Aber für einen kurzen Moment bin ich traurig.

nmz: Können Sie schlafen, wenn Sie neue Musik von sich gepostet haben?

Collier: Nicht besonders. Deswegen poste ich meine Sachen jetzt am frühen Nachmittag. Und gehe danach eine Pizza essen oder zum Laufen.

nmz: Haben Sie eine Erklärung, weshalb Ihre Videos hunderttausendfach geklickt werden?

Collier: Ich glaube, mit einer Sache, die ein Gesicht hat, kann jeder etwas anfangen. Diese Videos geben meiner Musik ein Gesicht: Meines und das meiner Instrumente. Sie zeigen, was passiert. Jeder kann Musik hören und empfinden. Aber nicht jeder versteht, wie sie funktioniert. Vor allem, wenn so viel gleichzeitig passiert wie in meiner Musik. Viele möchten aber verstehen, auch wenn sie keine Musiker sind. Meine Videos zeigen mich am Schlagzeug, wenn das Schlagzeug einsetzt. Und wenn ich auf der Ukulele spiele, ist eine Ukulele zu sehen. Man kann meine Musik nicht nur hören, sondern auch sehen.

Aktuelle CD:

  • Jacob Collier: „In My Room“ (membrane/Sony Music)

Aktuelle Konzerte:

  • Württembergische Landesbühne/ Esslingen am Neckar, 10. September
  • Musig im Pflegidach/Muri, 11. September
  • Jazznojazz Festival/Zürich, 2. November
  • Leverkusener Jazztage, 4. November (Doppelkonzert mit Gregory Porter)

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