Die Angst des Veranstalters vor dem leeren Saal

Die Musik spielt wieder auf, doch wo bleibt eigentlich das Publikum?


(nmz) -
Sie haben auf Dächern gespielt und auf Lastwagen, um gehört zu werden. Auch mit Videostreamings versuchten Orchester und Opernhäuser in der Coronapandemie, eine digitale Brücke zu ihrem Publikum zu bauen. Noch im Frühsommer 2021 kämpften die deutschen Veranstalter darum, die Konzertsäle und Opernhäuser mit einer höheren Auslastung belegen zu dürfen, während in Nachbarstaaten wie der Schweiz, Österreich oder Frankreich das Musikleben schon längst wieder aufblühte.
Ein Artikel von Georg Rudiger

Nun dürfte das Publikum wieder kommen, weil in vielen Bundesländern voll belegte Säle und Opernhäuser möglich wären, aber überall ist noch eine große Zurückhaltung zu spüren. Rund ein Viertel des Publikums bleibt weg. Der Hunger nach Kultur, die Sehnsucht nach Live-Musik scheint doch nicht so groß zu sein wie erwartet. Ob das 2G-Modell, das Nichtgeimpfte ausschließt, den geimpften oder genesenen Konzertbesuchern aber bei voller Saalbelegung die Abstands- und Maskenpflicht erspart, entscheidende Zuschauerzuwächse verspricht, ist noch ungewiss.

Bei der Südwestdeutschen Philharmonie Konstanz fehlen sogar zwei Drittel des Publikums. Selbst die Open-Air-Konzerte im Sommer waren nicht ausverkauft. Die Gründe liegen laut Intendantin Insa Pijanka in der Vorsicht des Publikums. Auch die derzeit ausgesetzten Abonnements, die ab Januar wieder aktiviert werden sollen, trügen zur deutlich geringeren Besucherzahl bei. Die 2G-Option wird die Südwestdeutsche Philharmonie allerdings nicht anwenden. „Zum einen sehen wir, dass es Impfdurchbrüche gibt und halten daher eine Abschaffung der Maskenpflicht für derzeit nicht sinnvoll. Zum anderen möchten wir niemanden ausgrenzen. In unseren Konzerten geht es immer um Inklusion.“ Auf eine schnelle Wiederbelebung des Veranstaltungsbereichs glaubt Pijanka nicht. „Wir müssen mit guter Kommunikation, verstärkten Marketingmaßnahmen und natürlich gutem Programm versuchen, unser Publikum zurückzuholen. Das Geld sitzt auch bei Musikfreunden nicht mehr so locker wir vor der Pandemie. Gerade deshalb ist es für uns wichtig, dass unsere Träger uns unterstützen und unser Etat künftig nicht gekürzt wird.“ Von der Politik wünscht sie sich vor allem langfristige Regelungen.

Auch das Festspielhaus Baden-Baden wird zunächst weiter auf 3G setzen. „Wir behalten uns jedoch vor, in Zukunft auch die 2G-Regel anzuwenden, benötigen dafür aber einen gewissen Informationsvorlauf“, sagt Rüdiger Beermann, Direktor Kommunikation und Marketing. Den 2.500 Plätze fassenden Saal voll belegen durfte das Festspielhaus bereits seit Mitte September, aber auch hier hält sich das Publikum noch deutlich zurück. Aber nun habe bei den Aufführungen des Hamburg Balletts von John Neumeier die Nachfrage angezogen. „Und der Vorverkauf für die Osterfestspiele der Berliner Philharmoniker 2022 läuft sogar besser als vor der Coronapandemie“, sagt Beermann. Die Zurückhaltung des Publikums in den vergangenen Wochen hat für ihn mit dem hohen Sicherheitsbedürfnis der Besucher zu tun, aber auch mit der nur kurzfristig angesetzten Werbung. „Normalerweise bewerben wir unsere Konzerte ein Jahr im voraus, jetzt sind es sechs bis acht Wochen. Zumal sind unsere Veranstaltungen für viele mit weiten Anreisen und zum Teil auch Übernachtungen verbunden. Das muss langfris­tig geplant werden.“ Für die Osterfestspiele gebe es aber schon wieder Bestellungen aus Frankreich, Spanien und Italien. „Das Publikum aus Übersee wird aber noch nicht kommen. Gerade in Asien hatten wir vor der Pandemie eine bemerkenswerte Wachstumsrate. Jetzt fangen wir dort wieder bei Null an.“

Die in Stuttgart ansässige Südwestdeutsche Konzertdirektion Erwin Russ dagegen hat sich bereits vor der Saison entschieden, ganz auf 2G zu setzen – das betrifft auch die engagierten Künstler. Das Bühnenpersonal, dessen Impfstatus arbeitsrechtlich nicht nachgefragt werden darf, wird mit Masken arbeiten. Sie habe für die Einführung der 2G-Regel heftige Kritik von einigen nichtgeimpften Abonnenten bekommen, sagt Geschäftsführerin Michaela Russ, aber der möglichst hohe Schutz des Publikums sei ihr wichtig. Auch die sichere Planbarkeit sei für den nichtsubventionierten Veranstalter ein wichtiges Argument gewesen bei der schwierigen Entscheidung.

In der Hamburger Elbphilharmonie gibt es seit Oktober einzelne Konzerte, die unter 2G-Bedingungen durchgeführt werden, aber die allermeisten Veranstaltungen finden nach wie vor unter 3G mit Maskenpflicht statt. Die Hamburgische Staatsoper wird dagegen ab 1. November 2021 das 2G-Modell für alle Opernvorstellungen, Ballettaufführungen und Konzerte des Philharmonischen Staatsorchesters anwenden. Auch das Nationaltheater Mannheim setzt ab 1. November auf Kunstgenuss ohne Maske nur für Geimpfte und Genesene – für den geschäftsführenden Intendanten Marc Stefan Sickel „ein wichtiger Schritt in Richtung Normalität.“

Johannes Tolle, Geschäftsführer des Ticketportals Reservix, hält das 2G-Modell langfristig für den Schlüssel zum Erfolg. „Für Veranstalter ist die größte Bedrohung, Kapazitäten wieder runterfahren zu müssen. Dies ist zwangsläufig der Fall, wenn es Infektionen bei Veranstaltungen gibt. Diese sind aber weitestgehend auszuschließen, wenn alle Besucher geimpft sind.“ Auch hätten die Veranstalter durch 2G eine größere Planungssicherheit, falls die Pandemieregeln wieder verschärft werden und Tickets, die für ein 3G-Konzept gekauft sind, mit behördlich vorgeschriebenem 2G nicht mehr gelten würden. Tolle, dessen Firma rund 7.000 Veranstalter mit unterschiedlichsten Hygiene-Konzepten betreut, berichtet von einem derzeitigen Zuwachs der Ticketbestellungen, nachdem die Monate zuvor nur zurückhaltend gekauft wurde. Das habe neben der langfristigeren Planbarkeit durch 2G auch mit der größeren Sichtbarkeit von Publikum zu tun, beispielsweise durch volle Bundesligastadien.

Während Theater und Klassikveranstalter derzeit wieder volle Spielpläne haben, finden im Popbereich nur wenige Konzerte in kleineren Locations statt. Viele für den Herbst geplante Tourneen von großen Bands wie Rammstein oder Die Ärzte wurden wegen der unterschiedlichen Auflagen in den verschiedenen Bundesländern erneut ins nächste Jahr verlegt. Das Problem: „Im Konzertjahr 2022 wird nicht genügend Publikum da sein, weil durch die verschobenen Tourneen extrem viele Konzerte stattfinden werden. Eine gewisse Normalität erwarte ich erst im übernächsten Jahr“, sagt Marc Oßwald, Geschäftsführer von Vaddi Concerts. Aber zumindest der Vorverkauf für die Topacts läuft gut. „Derzeit atmet die ganze Branche ein wenig auf. Auch wir holen unsere Mitarbeit wieder aus der Kurzarbeit zurück“, sagt Oßwald. Er wird mit Vaddi Concerts, wo es möglich ist, das 2G-Konzept ohne Maskenpflicht umsetzen. Nur, wenn ein verpflichteter Künstler nicht geimpft sein sollte, würde er wohl auf 3G umstellen müssen. „Bereits verkaufte Karten an Nichtgeimpfte müssen wir bei 2G dann wieder zurücknehmen.“ Es bleibt kompliziert für Veranstalter, weil politisch nicht einheitlich entschieden wird und die unterschiedlichen Konzepte kommuniziert und organisiert werden müssen. Auch deshalb fordert das Forum Veranstaltungswirtschaft von der Politik bereits zum 1. Dezember 2021 einen Freedom Day, also die Aufhebung aller Corona-Eindämmungsmaßnahmen. Und begründet dies mit konstanten Inzidenzzahlen, der moderaten Intensivbettenbelegung, der hohen Impfquote von rund 84 Prozent der Erwachsenen und vergleichbaren Lockerungen in zahlreichen anderen europäischen Ländern. Damit könnten auch die Ungeimpften am kulturellen Leben teilnehmen. Die Debatte, welches Modell Anwendung findet, wird in jedem Haus und in jedem Orchester sehr emotio­nal geführt. Dabei entsteht in den Orches­tern derzeit ein großer Druck auf die rund zehn bis fünfzehn Prozent nichtgeimpften Mitglieder, sich impfen zu lassen, berichtet Gerald Mertens von der Deutschen Orchestervereinigung: „Die Orchester stehen vor einer Zerreißprobe.“

Gerade bei Reiseorchestern, die international unterwegs sind, können nichtgeimpfte Mitglieder auf Tourneen oder auch bei privaten Veranstaltern oftmals nicht eingesetzt werden.

Fazit: Aufbruchsstimmung ist im Musikbetrieb nach eineinhalb extrem schwierigen Jahren trotzdem zu spüren. Und die Hoffnung, dass das Publikum zurückkommen wird.

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