Die ferne Nähe als Paradigma

Badenweiler Musiktage „à la française“


(nmz) -
Es gibt Architektur, die von außen wirkt und Architektur, die von innen wirkt. Der Kursaal in Badenweiler zählt zur zweiten Kategorie. Erbaut in einer Zeit, in der pro Jahr 600.000 Besucher in das Thermalbad an den Hängen des Schwarzwaldes kamen, wirkt er heute, wo es nur noch um die 300.000 sind, überdimensioniert. Von außen konturlos, entwickelt das Haus von innen unerwarteten Charme durch seine terrassierte Anlage mit freiliegendem Mauerwerk und viel Licht, die den Anstieg zur Burgruine imaginiert und durch große Panoramafenster Burgberg und Saalanlage als Eines erscheinen lässt. Neben mehreren kleinen Sälen bildet der große Saal in Weinbergbauweise Platz für 500 Zuhörer, ein Allzwecksaal für Veranstaltungen jeder Art. Diesen Saal acht Mal im Jahr zu füllen – vier Tage im Frühling und vier im Herbst –, hat sich Klaus Lauer vorgenommen, der 1974 die legendären Römerbad-Musiktage gegründet hat und bis heute deren künstlerischer Leiter ist. Nach dem Exodus aus dem Oktaeder des Hotel Römerbad und einem Umweg über Bad Reichenhall, ist Lauer vergangenes Jahr nach Badenweiler zurückgekehrt und will an die Erfolge früherer Zeiten anschließen.
Ein Artikel von Andreas Kolb

Auch in diesem Frühjahr konzipierte Lauer Programme, die mit dem Herunterbeten von Tourneeplänen der Konzertagenturen nichts gemein haben. Unter dem Motto des Festivaljahrgangs 2015 „à la française“ untersuchte Lauer anhand der Musik des Nachbarlandes ein Phänomen, das man „ferne Nähe“ nennen könnte, also das Unbekannte, Aufregende im Vertrauten und Alltäglichen, aber auch die Idee der L’amour éloigné, der fernen Geliebten. Abend eins war nicht nur Frankreich gewidmet, sondern auch dem kürzlich verstorbenen Musikkritiker und Herausgeber dieser Zeitung, Gerhard Rohde. „Drei Generationen französische Moderne“, so Klaus Lauer, „das wäre ganz nach Rohdes Geschmack.“

Jean-Efflam Bavouzet spielte Klaviermusik von Debussy und Ravel in bester französischer Manier: farbig, differenziert und subtil im Anschlag, raffiniert in der Pedaltechnik, flexibel und atmend in der Metrik. Dabei auch in höchstem Maße virtuos, denn Bavouzet hatte sich, was die technischen Herausforderungen angeht, mit Claude Debussys „Images“ oder seinem Arrangement von Debussys Orchesterwerk „Jeux (Poème dansé)“ nicht das Gängige und Einfache ausgewählt.

Für die Moderne stand Pierre Boulez’ „Sonate pour piano No. 1“ – ein Beispiel für die serielle Musik nach 1945, in der Bavouzet immer wieder impressionistische Klangfarbigkeit aufspürte. Mit „Le Livre de Jeb“ des französischen Komponisten Bruno Mantovani kam Bavouzet zur Gegenwart und damit auch zu den Fragen zeitgenössischen Komponierens: „Le Livre de Jeb“ hat Mantovani Jean-Efflam Bavouzet quasi auf den Leib geschrieben – man beachte die Initialen. Es ist virtuos in der Ausführung, fasslich in der musikalischen Struktur, effektvoll in der Dramaturgie – eine Musik zwischen dem augenzwinkerndem Neoklassizismus eines Jean Françaix und dem everything goes der Postmoderne.

Klaus Lauer hat dem Komponisten Bruno Mantovani die Aufgabe zugedacht, den zeitgenössischen Faden in die vier Tage à la française zu flechten. Am Tag zwei blieb es dann dem Quatuor Danel mit Marc Danel (1. Violine), Gilles Millet (2. Violine), Vlad Bogdanas (Bratsche) und Yovan Markovitch (Violoncello) vorbehalten, Mantovanis kompositorisches Spektrum aufzufächern: Zunächst mit „Quatuor à cordes No. 2“ von 2014, einem feinen Streichquartett zwischen 12-Tönigkeit, Minimal Music und Romantik, sowie mit dem Stück „Blue girl with red wagon“ für Klavier und Streichquartett. Wie tags zuvor beim Klavierstück „Le Livre de Jeb“ wird Mantovani auch hier alles zur Toccata. Harte rhythmische Akzente stehen im Gegensatz zur kunstvollen Mehrdeutigkeit eines Ravel oder eines Fauré. Bavouzet meißelte klare Linien, türmte Akkorde und phrasierte verfremdete Jazz-Changes. Mantovanis frei tonale, motorisch-zupackende Musik zeigt vor allem auch dank der Verve des Quatuor Danel Wirkung – da reißen die Bogenhaare, da hält es die Musiker kaum noch auf den Stühlen. Dem Quatuor Danel und Bavouzet gelingt eine superbe Vorstellung: Im Gegensatz zur pianistischen Monochromie des Klavierabends hat das Streichquartett andere Möglichkeiten, impressionistische Farben und Linien zu zeichnen, etwa bei Ravels „Streichquartett in F-Dur“. Spätestens bei Gabriel Faurés „Quartett für Klavier und Streicher Nr. 1 op. 15“ leuchten die Augen im Publikum und die Herzen gehen auf.

Vital und zupackend das belgische Quatuor Danel – analytisch und mit schlankem Geigenklang dagegen das Spiel von Isabelle Faust am Tag drei. Sie interpretierte mit Alexander Melnikov am Klavier das Motto „à la française“ mit Werken von Jean Françaix, Gabriel Fauré und George Antheil. Abgesehen davon, dass Melnikov den Franzosen mit russischer Spielkultur zu Leibe rückte und schon auch mal in Gefahr geriet, aus Violinsonaten Klaviersonaten mit obligater Geige zu machen, überzeugte das Faust’sche Programm zwischen Neoklassizismus (Françaix), dem späten Fauré mit der „Violinsonate Nr. 2“ von 1917 mit ihren Vorklängen auf die Moderne sowie Faurés „Violinsonate Nr. 1“, die noch die ornamentale und expressive Überfülle des Fin de Siècle atmet. Mit diesem spätromantisch überladenen Gestus machte George Antheils anti-romantische „Violinsonate Nr. 2“ Schluss, die buchstäblich alles dekuvrierte und ironisierte, was noch an Hörerwartungen „à la française“ in den Köpfen gespukt haben mochte.

Eine insgesamt etwas reserviert wirkende Faust blieb bei der Zugabe in Amerika und brachte mit John Cages „Nocturne“ von 1954 doch noch Gänsehautmusik: In seiner Klarheit wirkte das Stück wie ein Sonnenstrahl nach einem Gewitter und erweckte, um mit Beethoven zu sprechen, „frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm.“

Sowohl Klaus Lauer wie auch dem Badenweiler Ehrengast Isabelle Faust – die auch als Star gerne in das kleine Dorf zurückkehrt, in dem sie als junge Künstlerin von Lauer gefördert worden war – muss man zu ihrer Programmdramaturgie gratulieren. Damit wären wir wieder beim Musikkritiker Gerhard Rohde angelangt, dem Lauer ganz zu Beginn des Festivals gedankt hatte: „Gerhard Rohde hat Veranstalter wie mich ermutigt, Programme zu machen, die abweichen vom Weg des Üblichen. Ein Musikkritiker ist nicht dazu da zu meckern, sondern etwas zu fördern. Rohdes zweites Interesse galt den Irrationalitäten des Musiklebens. Er konnte sehr deutlich werden, besonders im Falle der Zerstörung unseres SWR-Orchesters. Er hat hier bis zum letzten Tag gekämpft, um es zu erhalten. Es ist ihm nicht gelungen. Damit geht für uns in Südbaden ein Stück kulturelle Identität verloren. Es ist eine Schande.“

Andreas Kolb

Der Tag vier mit dem belgischen Quatuor Danel
Edgar Varèses „Density 21,5“ für Flöte solo (Jana Machalett) trifft auf die klanglich etwas zu undifferenziert gestaltete Sonate für Flöte, Viola (Freya Ritts-Kirby) und Harfe (Sarah O’Brien) von Claude Debussy. Warum für Bruno Mantovani sein theatralisches „Quintette pour Bertold Brecht“ für Streichquartett und Harfe deutsch klingt, wie er im Gespräch mit Klaus Lauer bemerkt, erschließt sich nicht ganz. Eleganz und Raffinement fehlen jedenfalls dem hochemotionalen Stück, das den Kontrast sucht und gespannte Ruhephasen immer wieder in musikalischen Explosionen münden lässt.
Maurice Ravels schwebend interpretierte „Introduction et Allegro“ setzt den Schlusspunkt des zweieinhalbstündigen Konzertes. Und sorgt für einen ganz französischen, charmanten Ausklang der Badenweiler Musiktage, die mit 1.600 Besuchern wieder das starke Vorjahresergebnis erreichten.
[Georg Rudiger]

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