„Die spielen um ihr Leben“

30 Jahre Deutsche Kammerphilharmonie: Viele lernen von dem selbstverwalteten Bremer Weltklasse-Orchester


(nmz) -
„Willst Du eine sichere Rente – oder Musik machen?“ Als der Oboen-Student Ulrich König vor drei Jahrzehnten mit dieser Frage eines Musikprofessors konfrontiert wurde, musste er nicht lange überlegen. Nein, „Orchesterbeamter“ wollte er nicht werden, zumal die Zufriedenheit von Berufsmusikern damals angeblich niedriger war als die von Gefängniswärtern. König verzichtete also auf Bewerbungen bei Staatsorchestern mit Tarifbindung, sondern schloss sich 1988 lieber der Deutschen Kammerphilharmonie an – einem jungen selbstverwalteten Ensemble, das damals noch in Frankfurt am Main residierte und 1992 nach Bremen umzog. Inzwischen ist es das vermutlich unkonventionellste Spitzenorchester der Welt.
Ein Artikel von Eckhard Stengel

Obwohl das Ensemble bereits zweimal an der Pleite vorbeigeschrammt ist, hat König seine Berufswahl nicht bereut. Statt ein festes Gehalt mit Rentenanwartschaft zu kassieren, teilen sich die 41 Musikerinnen und Musiker solidarisch die Einnahmen aus Konzerten und CD-Aufnahmen. Denn sie sind ihre eigenen Chefs: Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ist eine gemeinnützige GmbH, die den Instrumentalisten selbst gehört. Wenn sie krank werden, bekommen sie höchstens zehn Ausfalltage pro Jahr bezahlt. Aber dafür haben sie viel mehr Freiheiten. Bei Proben hat nicht einfach nur Chefdirigent Paavo Järvi (54) das Sagen – hier ein Crescendo mehr und dort ein Pizzicato weniger! –, sondern jeder kann seine eigenen Ideen einbringen.

Wenn Järvi gerade verhindert ist, treten die Musiker problemlos auch ohne Leitung auf. Manchmal folgen sie sogar dem Dirigat eines Firmenchefs. Denn gemeinsam mit dem Personalmanagement-Professor Christian Scholz hat die Kammerphilharmonie eine Managerschulung entwickelt, bei der die Teilnehmer auch mal zum Taktstock greifen. Das Thema: „Höchstleistung“. Die Führungskräfte erleben dabei, wie das Hochleistungsorchester mit Widersprüchen umgeht: zwischen Perfektion und Abenteuer, zwischen Erfolg und Spaß, zwischen Hierarchie und Demokratie.

Gelegentlicher Besuch von Top-Managern einerseits, ständige Begleitung durch Schüler andererseits: 2007 zog die Kammerphilharmonie in eine Gesamtschule in der multikulturellen Hochhaussiedlung Bremen-Tenever, weil die Stadt ihr dort einen passenden Probensaal angeboten hatte. Der experimentierfreudige Weltklasse-Klangkörper mit sozialem Touch nutzte die Gelegenheit, um ein „Zukunftslabor“ zu gründen: Wenn das Orchester nicht gerade in der Londoner Royal-Albert-Hall, in Peking oder in Rio de Janeiro gastiert, dann dürfen die Schüler bei Proben zuhören und Fragen stellen; außerdem erarbeiten sie mit Hilfe der Profis „Stadtteil-Opern“ und Musikshows („Melodie des Lebens“), mit eigenen Texten der Jugendlichen zu Gewalt, Liebe und Zukunftsträumen. Auch Eltern und Lehrkräfte werden mit einbezogen. Für den Bühnennebel ist dann die Chemielehrkraft zuständig.

Dass sie nach oben und unten soziale Schranken überwinden, hat den modernen Bremer Stadtmusikanten schon Auszeichnungen eingebracht: den Deutschen Engagementpreis 2016 und den Sonderpreis des Deutschen Gründerpreises 2008 für die gelungene Verbindung von Unternehmertum und Kultur („ein Spitzen-Orchester mit höchstem Qualitätsanspruch, das zugleich musikalische Jugendarbeit in einem sozialen Brennpunkt leistet“). Höchstes Lob auch vom Bundespräsidenten: Als das Ensemble 2014 mal im Schloss Bellevue auftrat, sprach der damalige Hausherr Joachim Gauck von einem „Orchester, wie es in Deutschland kein zweites gibt“.

Aber auch musikalisch wird das Ensemble allseits geschätzt. Es kassierte schon wiederholt Preise der Deutschen Schallplattenkritik und den Echo-Klassikpreis. Die britische BBC urteilte 2003, die Kammerphilharmonie sei „eines der weltweit führenden Orchester“. Besonders aufsehenerregend: der Beethoven-Zyklus – die Aufführung aller neun Sinfonien innerhalb von drei Tagen, erstmals 2006 in Yokohama.

Dabei hatte alles ganz bescheiden begonnen. 1980 trafen sich auf der Nordseeinsel Föhr einige Musikstudenten, probten fast rund um die Uhr und gaben danach Konzerte, mal hier, mal dort. Ihren provisorischen Sitz hatten sie zunächst in Berlin, später in Freiburg. 1987, vor 30 Jahren also, wurden sie professioneller: Unterstützt von der Stadt Frankfurt und der Deutschen Bank gründeten sie am Main eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts und gaben ihr den Namen Deutsche Kammerphilharmonie.
Frankfurt wollte pro Jahr nicht mehr als eine Million D-Mark (gut 511.000 Euro) zuschießen. Da kam 1992 ein besseres Angebot aus dem fernen Bremen: 1,3 Millionen D-Mark (665.000 Euro). Das Ensemble nahm dankend an. 1992, also vor 25 Jahren, verlegte das Orchester seinen Sitz an die Weser und nannte sich fortan Deutsche Kammerphilharmonie Bremen.

In den Anfangsjahren lief alles streng basisdemokratisch. Jeder Geiger musste auch mal Stimmführer sein, und für Dirigenten galt das Rotationsprinzip. 1999 wählten sich die Musiker dann doch einen festen Chefdirigenten, den damals 24-jährigen Daniel Harding. „Mit ihm begann der kometenhafte Aufstieg in die Weltspitze“, erinnert sich Kontrabassist Albert Schmitt, der 1999 die Geschäftsführung übernahm und sich seitdem „Managing Director“ nennt. 2004 dann der Stabwechsel von Harding zu Paavo Järvi. „Mit ihm etabliert sich das Orchester endgültig an der Weltspitze“, heißt es in der Chronik des Ensembles.

Geschäftsführer Schmitt (57) spielt virtuos auf der Klaviatur der Marketing- und Förderinstrumente. Er lockt Sponsoren und hat die städtische Förderung auf 1,8 Millionen Euro pro Jahr hochgehandelt. Für die Schülerprojekte fließen auch noch Bundesmittel. Aber alle Subventionen zusammen machen laut Schmitt weniger als ein Drittel des Orchester-Etats aus – eine ungewöhnlich niedrige Subventionsquote.

Das Rezept der Bremer, die oft mit angesehenen Gastsolisten musizieren und nebenher eine Akademie für herausragende Nachwuchs-Instrumentalisten betreiben, umschreiben sie selbst  so: „Jenseits konventioneller Interpretation wird Neues ebenso herausgearbeitet wie Ursprüngliches. Im scheinbar Altbekannten erleben Zuhörer bisher Unerhörtes.“ Beeindruckend auch die Spielfreude. Manager Schmitt sagt über seine 41 Ensemblemitglieder: „Da entsteht der Eindruck, die spielen um ihr Leben.“

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