Durch choreographisches Denken entsteht Musik

Zum Berliner Musikfestival und Symposium „Labor Sonor : Moving music“


(nmz) -
Auch wenn der Begriff Choreographie im Titel auftaucht: mit Tanz hatte die Veranstaltung rein gar nichts zu tun. Nichts lag Labor Sonor, dieser Plattform für Konzerte und Experimente aus der Berliner Echtzeitmusik-Szene ferner, als mit „Moving music“ einen Beitrag über Tanz/Bewegung zu Musik zu liefern.
Ein Artikel von Hans-Peter Graf

 Bei „Moving Music“ ging es um „Performance“ schlechthin, in dem Sinn, dass Performance als Teil der künstlerischen Musikpraxis verstanden wird, und Bewegungen, Gesten, Aktionen, Choreographie, also der sichtbare Teil einer musikalischen Präsentation untrennbar zur Komposition gehören. Der Begriff „Composer-Performer“, wie ihn Musi­ker/-innen von Labor Sonor/Echtzeitmusikszene nutzen, trifft diesen Ansatz genau.

Er geht Hand in Hand mit einem weiten Verständnis dessen einher, was prinzipiell Musik sei, nämlich alle mit dem Ohr wahrnehmbaren Phänomene, wie umgekehrt einem ebenso erweiterten Verständnis vom visuell wahrnehmbaren Gegenstück, wo alle Ereignisse in Zeit und Raum Teil der Choreographie sind. Mit anderen Worten: Wenn alle Klänge schon Musik sind, aber es dazu Aktivitäten braucht, ist auch jede dieser Aktivitäten Teil des Musikmachens.

Hieraus speist sich die Aufgabenstellung von „Moving Music“, wobei Labor Sonor den Ansatz der Interdisziplinarität, Merkmal der Musikperformance seit Satie, über Cage, Schnebel, Kagel et cetera, querbürstet und sich nicht bei einer weiteren Untersuchung zum Zusammenwirken von Musik und Bewegung aufhält, sondern der Frage nachgeht, was passieren würde, wenn durch Choreographie, also durch choreogra­phisches Denken Musik entsteht. Also die in einer Musikszene fast naheliegende Reihenfolge Musik – Performance konsequent umdreht, um von choreographischer Perspektive aus musikalische Vorgänge zu entwerfen.

Wie schon beim letztjährigen Festival „Labor Sonor : Translating music“ (sie­he nmz 10/1205) ging es auch hier um das Thema Übersetzung von künstlerischen Prozessen. Seit Langem beschäftigt Labor Sonor das Problem der Weitergabe, wenn die im musikalischen Spektrum der Szene zwischen Freier Improvisation, Neuer Musik, Performance, Avantgarde-Rock und Electronica von Komponisten und Ausführenden in Personalunion entstandenen – und deshalb zumeist nichtnotierten –Werke von anderen Composer-Performern aufgeführt werden. Welche Veränderungen erfährt ein Werk in der Transkription, was nach diesem künstlerischen Ansatz unvermeidlich auf seine Übersetzung hinausläuft? Solche Übersetzungen verlaufen hier, statt wie bei „Translating music“ innermusikalisch, nun zwischen zwei verschiedenen künstlerischen Disziplinen. Für „Moving music“ (künstlerisch geleitet von Andrea Neumann und Chris­tian Kesten sowie wissenschaftlich von Matthias Haenisch) wurden sechs Choreograph/-innen mit musikalischen Werken beauftragt; die Instrumenta­tion beziehungsweise die Wahl der Musiker/ -innen war freigestellt.

Wie komplex und differenziert sich die Arbeit an den Produktionen gestaltet hatte, erschloss sich aus den Symposiumsbeiträgen der beteiligten Künstler/-innen über das Zustandekommen der Stücke. In den beiden von Mathias Maschat und Constanze Schellow moderierten Panels ging es dabei implizit auch um Themen wie die Auflösung der traditionellen Rollenverteilung von Composer und ausführendem Performer, Fragen der Hierarchie; von wo aus nahm eine Produk­tion ihren Ausgang, von Inhalt oder Methode? In welcher Konsequenz werden die Vorstellungen vom Gegenüber akzeptiert? Wie geht die Gegenseite mit den Elementen meiner Disziplin um, die sie nicht versteht oder umzusetzen vermag? Natürlich waren die Gesprächsrunden je nach Künstler/-in in wissenschaftlicher Hinsicht mehr oder weniger ergiebig („es passierte“ war eine beliebte Formulierung); ein zusätzlicher, der Komplexität des Gegenstandes angemessener Vortrag wäre schön gewesen, was wohl aber wegen stark abgeschmolzener Fördergelder nicht möglich war.

Gleichwohl, in den beiden Konzerten war deutlich spürbar, dass dieser spezifische Ansatz von choreographiegesteuerter Musikperformance durchweg funktioniert hat und sehr eigenwillige Produktionen mit dem Reiz des Nichteinordenbaren hervorgebracht hat.

Nile Koetting und der Performerin Annie Gårlid (Stimme & Violine) ging es in „Vol.0“, dem vielleicht narrativsten Stück des Festivals, um die aufführungspraktische Zurichtung des Körpers zukünftiger Musiker/-innen. (Liner Notes zu den Stücken und Biografien der Künstler/-innen unter www.laborsonor.de) Litó Walkey und Biliana Voutchkova (Violine) mutierten mikrotonale Klänge in der choreographischen Transformation zu einer minimalistisch anmutenden Slow-Motion-Sequenz. Am anderen Ende auf der Zeitschiene stand „Moving Drum“ von Clément Layes für den Schlagzeuger Steve Heather und Anthea Caddy, die eine kleine Trommel über ein Seilsystem großräumig zum „Tanzen“ brachte und dabei in immer explosiveren Aktionen der Trommel die Grenzen körperlicher Möglichkeiten im „geführten“ Musiker Heather thematisierte. Antonia Baehr verschmolz Johnny Chang (Violine), Neele Hülcker (Stimme), Lucie Vítková (Akkordeon) musikalisch, elektroakustisch (Soundaustausch über Schläuche zwischen den Körpern) wie auch mechanisch (z.B. Synchronisation von Bogenstrich und Haareflattern) zum in sich verbundenen „Röhrentier“. Wie Robin Hayward mit seiner Tuba musikalisch wie darstellerisch die Bühne in starken Bildern bespielte und darin vollständig sein Stück „Treader“ realisierte, das Takako Suzukis Choreographie auch den Namen gab, war eine in allen Belangen überzeugende Performance und in diesem Kontext künstlerisch eine Klasse für sich. Die Komposi­tion „Rub“ von Fernanda Farah für Lucio Capece (Slide Saxophon) und Sabine Ercklentz (Trompete) insis­tierte in poetischen Tableaus einmal mehr auf den poli­tischen Kontext des künstlerischen Projektes „Moving music“ und der Übersetzungsthematik – die Begegnung mit dem Anderen.

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