Ein wesentliches Etappenziel ist erreicht

Epochale editorische Leistung: der zweite Band des Graduale Novum mit Kommentar


(nmz) -
Mit den beiden Bänden des „Graduale Novum“ (GrN) – Band I erschien 2011, Band II ist hier zu besprechen – legt die Gruppe von Forscherinnen und Forschern, die sich seit zirka vier Jahrzehnten unter dem Dach der Internationalen Gregorianik-Forschungsgesellschaft AISCGre der Melodierestitution der Messgesänge des Gregorianischen Chorals widmet, ihre Ergebnisse in einer für die liturgische Verwendung gemäß dem römisch-katholischen „Ordo Cantus Missae“ von 1970 geeigneten Editionsform vor. Für eine weitere Edition sind nun noch die Offertoriumsverse zu bearbeiten; für die ins GrN nicht aufgenommenen Communio-Verse gibt es bereits die einschlägigen Publikationen von Michael Hermes OSB (Das Versicularium des Codex 381 der Stiftsbibliothek St. Gallen, 2. Auflage St. Ottilien 2010) und Anton Stingl jun. (Versus ad Communionem, St. Ottilien 2017).
Ein Artikel von Liborius Olaf Lumma

Zugleich mit GrN II ist auch ein Kommentarband von Johannes B. Göschl erschienen, der Forschungsgeschichte, Forschungsparadigmen und Editionsform erläutert und eine kompakte Überblicksdarstellung zentraler Eigenheiten des Gregorianischen Chorals anfügt.

GrN II enthält nach einem Geleitwort des Regensburger Bischofs Rudolf Voderholzer (V–VI) und einem kurzen, in sechs Sprachen abgedruckten Vorwort (VIIXVII) alle Gregorianischen Gesänge der Eucharistiefeier, soweit sie nicht in GrN I enthalten waren, das heißt für die Werktage und die meisten Festtage des Kirchenjahres (3–318). Es folgen eine Fülle weiterer Gesänge (Akklamationen, Ordinarien, Votivmessen, Hymnen, Prozessionsgesänge u. Ä.; 321–556) und schließlich zwei Register, die alle Gesänge aus GrN I und GrN II nach verschiedenen Kriterien aufschlüsseln – besonders hilfreich sind hier die biblischen Quellenangaben (559–605) – sowie ein abschließendes Inhaltsverzeichnis (607–613).

In der Editionsform sind sich die Herausgeber treu geblieben; alle für das GrN I getroffenen Grundsatzentscheidungen wurden beibehalten. Die Option, die Neumenhandschriften der St. Galler und Metzer Notation so einzuarbeiten, dass sie sich nirgends mit den Notenlinien überschneiden (siehe Kommentarband 76), hat auch in GrN II zur Folge, dass die Gesamtanordnung der Seiten gelegentlich etwas unruhig wirkt (z.B. in der direkten Gegenüberstellung 12–13), aber das dürfte nur eine Frage der Gewöhnung sein. Anstelle von Gesängen, die bereits andernorts im Buch oder in GrN I abgedruckt sind, stehen nur Querverweise: Das war unvermeidlich und führt dazu, dass bisweilen ganze Seiten nur mit Verweisen gefüllt sind. Vielleicht hätte der Band etwas handlicher werden können, wenn man dabei auf die – zugegebenermaßen optisch sehr hilfreichen – Zeilenumbrüche verzichtet hätte (siehe z.B. 299–307 oder 328–335). GrN II kommt in der praktischen Verwendung jedenfalls nicht ohne GrN I aus (anders als umgekehrt).

Die Qualität der Forschungsleistung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Die einzelnen bei der Melodierestitutionsarbeit getroffenen Entscheidungen wurden (und werden fortlaufend) in den einschlägigen Fachartikeln der „Beiträge zur Gregorianik“ (BzG) dargelegt; das galt selbstverständlich auch schon für GrN I. Mit beiden Bänden liegt jetzt eine lückenlose Edition für den liturgischen Gebrauch vor.

Beeindruckend ist die Zusammenstellung der liturgischen Akklamationen etc. – inklusive einer Variante des „Credo apostolicum“ (391–392) –, die sich nirgendwo so kompakt zusammengestellt finden wie hier. Das Register ist hervorragend gearbeitet und eignet sich nicht nur zum Auffinden der Gesänge in GrN I und GrN II, sondern auch für inhaltiche Vertiefung; inklusive der Angaben, wo der Forschungsbefund in den BzG erschlossen wird.

Herausragend ist der Kommentarband, in dem mit Johannes B. Göschl einer der spiritus rectores des GrN ein überraschend leicht verständliches und kompakt gehaltenes Kompendium der Melodierestitutions- und -editionsarbeit vorlegt. Nach Anmerkungen zu Forschungsanliegen, -geschichte und -methodik (9–35), die Göschl aus der Sicht eines von Beginn an Beteiligten referieren kann, widmet sich der Autor in einem eigenen Kapitel zwei besonderen Herausforderungen: dem „Problem si naturale oder si bemolle“ (36–43) und dem „Problem Chromatismus“ (43–53). Er erläutert schlüssig die Entscheidungen, die die Herausgebergruppe des GrN getroffen hat und die die Anwenderinnen und Anwender vor die Aufgabe stellt, gelegentlich eigene Entscheidungen bei der Festlegung der Melodie zu treffen – für ein liturgisch zu verwendendes Buch ungewöhnlich, aber wissenschaftlich überaus redlich. Es folgen Angaben zum Inhalt der beiden GrN-Bände und zur Editionsform (54–85), wobei Göschl unter anderem ausführlich die Frage behandelt, warum für das GrN keine Neographie entwickelt wurde (78–85). Schließlich folgt ein Grundlagenartikel über die semiologisch fundierte Interpretation des Gregorianischen Chorals unter dem Titel „Einheit in Vielfalt“ (86–103). Im Kommentarband fasst somit einer der bewährtesten Lehrer des Gregorianischen Chorals wesentliche Einsichten der semiologischen Forschungsgemeinschaft zusammen; nirgends findet sich eine so prägnante und gehaltvolle Darstellung des aktuellen Kenntnisstandes.

Mit dem Erscheinen von GrN II und Kommentarband ist die Melodierestitutionsforschung zwar nicht an ihr Ende, aber doch an ein wesentliches Etappenziel gekommen. Zusammen mit GrN I liegt nun das volle Repertoire des Gregorianischen Chorals der heutigen römisch-katholischen Eucharistiefeier vor, und mit dem Kommentarband gelingt zugleich ein exzellenter Brückenschlag zwischen der für die praktische Benützung eingerichteten Edition und dem Forschungsstand der Gregorianischen Semiologie. Der Herausgebergruppe, für die das GrN einen nicht unbedeutenden Teil ihres akademischen Lebenswerks dokumentieren, kann für diese epochale Leistung nicht genug gedankt werden.


  • Graduale novum editio magis critica iuxta SC 117. Tomus II. De feriis et sanctis. Hrsg. von Ch. Dostal u.a., ConBrio Verlagsgesellschaft Regensburg/Libreria Editrice Vaticana 2018. XVII+613 Seiten. ISBN 978-3-940768-74-2, € 59,-
  • Johannes Berchmans Göschl: Graduale novum editio magis critica iuxta SC 117. Kommentar. ConBrio Verlagsgesellschaft Regensburg 2018. 103 Seiten. ISBN 978-3-940768-70-4, € 22,-

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