Ein zweigeteiltes Leben für die Musik

Zum Tode des Komponisten Klaus K. Hübler


(nmz) -
Die Eintrittskarten zum musica-viva-Wochenende mit Werken von Gérard Grisey und Georges Aperghis Mitte März waren (so die Freundin) schon bestellt, doch der Sitzplatz im Herkulessaal blieb leer, eine schmerzliche Lücke in der Musikwelt nicht nur Münchens tat sich unvermittelt auf. Der 1956 in der Metropole an der Isar geborene Komponist Klaus Karl Hübler erlag in seiner Wohnung den Folgen eines Sturzes, der wohl auch mit den Beeinträchtigungen nach einer schweren Erkrankung im Jahr 1989 zusammenhängen dürfte.
Ein Artikel von Michael Zwenzner

Dies muss hier kaum vermeidlich zur Sprache kommen, denn die gravierende Zäsur mehrmonatigen Komas und langwieriger, nur teilweiser Genesung hat nicht nur seinen Lebensweg in zwei nahezu gleich lange Abschnitte geteilt, sondern scheidet auch sein Schaffen – kompositionstechnisch wie ästhetisch – in ein Davor und ein Danach.

Seine frühe Biografie liest sich wie der ideale Karrieretraum. Nach dem Studium von Musikwissenschaft und Komposition (bei Peter Kiesewetter) in München erhielt er mehrere Jahre lang Privatunterricht bei Brian Ferneyhough, schuf langsam aber stetig ein gewichtiges Werk der Kammermusik nach dem anderen – darunter eine verblüffende kurzweilige, über 50-minütige Violinsonate. Rasch folgten erste bedeutende Kompositionspreise (etwa aus Stuttgart und Darmstadt), Stipendien in Europa und den USA und Kompositionsaufträge renommierter Festivals und Interpreten. Eine leider nie wieder aufgelegte col-legno-LP mit seiner inzwischen legendären Streicherkammermusik mit dem Arditti Quartet dokumentierte eindrücklich seinen internationalen Durchbruch.

Mit weiteren furchtbaren Schicksalsschlägen, die sein Leben heimsuchten – so verlor er 2000 seine Frau und 2012 seine einzige Tochter – war es immer stiller um ihn geworden, wenngleich er nach seiner teilweisen Genesung 1995 längst wieder zu komponieren begonnen hatte und den Herausforderungen des Lebens mit erstaunlich positiver Energie begegnete. Waren seine international als bahnbrechend erkannten Werke der 1970er- und 1980er-Jahre von enormer struktureller Komplexität und transzendental-virtuosen Ansprüchen an die Instrumentalisten geprägt, so erweist sich die um 1995 einsetzende Reihe von Kompositionen als bislang kaum gewürdigte Neuerfindung einer wiederum stilistisch ganz und gar eigenständigen Musik; eine Neuerfindung, die man angesichts der zu überwindenden Schwierigkeiten im kompositorischen Arbeitsprozess ohne Übertreibung heroisch nennen kann.

Ausgehend von den Rändern der Stille und elementarster Lautproduktion im instrumentalen wie vokalen Gewand hat Hübler zuletzt knapp 30 weitere Werke vor allem der Solo- und Kammermusik und mit „Vanitas“ sein einziges veritables Orchesterwerk geschaffen. Lakonische Ausdruckskraft, reduzierte Fakturen, existenziell grundierte theatrale Aspekte und die oft ungewöhnlichen Instrumentalbesetzungen schlagen dabei unmittelbar in ihren Bann. Wird es für die Nachwelt vielleicht die vornehmste Aufgabe sein, diese Phase seines Schaffens endlich in angemessener Breite interpretatorisch zu erschließen und zu rezipieren, so kann man mit einiger Zuversicht davon ausgehen, dass viele von Hüblers vor 1989 entstandenen Werke zum eisernen Repertoirebestand künftiger Musiker-Generationen zählen werden. Viele Solisten, die sich einmal auf eines dieser Werke eingelassen haben, scheinen dieser Musik lebenslange Treue zu halten, wie man an den regelmäßigen Programmierungen seitens solcher Interpreten wie den Flötistinnen Sylvie Lacroix oder Carin Levine, dem Cellisten Friedrich Gauwerky oder dem Trio Coriolis erkennen kann. Noch ein Wort zur Musikstadt München. Nach Josef Anton Riedl (1929–2016), Wilhelm Killmayer (1927–2017) und Michael Hirsch (1958–2017) hat die Stadt am 4. März mit Klaus K. Hübler nun innerhalb von nur drei Jahren einen weiteren bedeutenden Querkopf unter den Komponisten unserer Zeit verloren. In einer mit einheimischen Komponisten internationalen Rangs durch die gesamte Musikgeschichte hinweg nicht gerade gesegneten Stadt stimmt es überaus betrüblich, dass die hiesige Tagespresse von Hüblers Tod keine Notiz nahm. So randständig die Szene komponierter Kunstmusik im Kontext feuilletonistischer Pop- und Opernbesoffenheit mittlerweile auch erscheinen mag, so lebendig und global vernetzt ist sie. Da ist es kein Wunder und einigermaßen tröstlich, dass sich die Nachricht vom Tod Hüblers zunächst über den amerikanischen Neue-Musik-Blog „The Rambler“ verbreitete.

Wie der englische Komponist Wieland Hoban am Grab Hüblers mit berechtigtem Staunen feststellte, ist dieser Komponist mit seiner Musik im Ausland offenbar weit bekannter als hierzulande. Bleibt der innige Wunsch, dass sich das so schnell wie möglich ändern möge.
  

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