Eine Alte Oper ist ein Neues Konzerthaus ist die Zukunft: Seit 1998 leitet Michael Hocks Frankfurts renommiertes Musikzentrum im früheren Opernhaus der Stadt


(nmz) -
Die Auguren prophezeien das Ende der abendländischen Musikkultur. Immer weniger Besucher in den klassischen Konzerten. Abonnements-Abende als Graues Meer: der Blick aus dem Rang ins Parkett, dazwischen immer häufiger leere Plätze. Jugend – wo bist du? Will denn niemand mehr Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms, Bruckner, Mahler hören? Von all denen, die danach komponierten, zu schweigen? Und: Stimmt das düstere Bild überhaupt?
Ein Artikel von Gerhard Rohde

Das Gegenbild: immer mehr Städte und Regionen träumen von einem großen Konzerthaus, einem Festspielpalast. Modestars schreiten über rote Läufer, um Musikstars auf dem Podium zu bejubeln. Ein bisschen Salzburg, Bayreuth, Baden-Baden überall, auch in der so genannten Provinz. Wobei doch schon Baden-Baden eher zu letztgenannter zählen dürfte und Bayreuth ein Sonderfall ist: alles Wagner. Im Westen der Bundesrepublik regen sich neue Kräfte. Warum dürfen nur Köln die Philharmonie, Dortmund und Essen Konzerthäuser besitzen? Warum nicht auch Bochum? Und jetzt wieder, nachdem die Pläne bereits auf Eis gelegt waren, Bonn? Psychologisch ist alles verständlich. Die ehemalige Bundeshauptstadt drängt zu neuer Bedeutung: Beethoven hilf! Der Sohn der Stadt, der überwiegend in Wien lebte, soll, nachdem seine Beethoven-Halle ausrangiert und unter Denkmalschutz gestellt worden ist, einem neuen Großprojekt eine Art Legitimation geben. Darüber soll hier nicht geurteilt werden. Die Frage ist nur: Mit welchen Inhalten will man die neuen Räumlichkeiten füllen? Nur aus diesem Blickwinkel wäre das geplante Großprojekt zu akzeptieren.

Hilfe könnte ein Blick auf ein anderes großes Konzerthaus bieten:  Frankfurts Alte Oper. Auch hier eine lange Vor-Geschichte. Im „Feuerzauber“ einer letzten „Walküre“-Aufführung anno 1944 brannte das Haus, nicht wegen Wagner, sondern wegen alliierter Bomber, aus. Die Trümmer bewegten die Stadt jahrzehntelang: Wegsprengen oder Wiederaufbau, das war die Frage. Anno 1980 stand das Haus wieder, nicht als Opernhaus, sondern als großes Konzerthaus mit 2.500 Plätzen und Nebensälen. Das Kulturleben der Stadt hatte wieder ein Zentrum, neben den Städtischen Bühnen mit Oper und Schauspiel. Und nicht nur das Kulturleben: Um die Alte Oper herum mit dem großzügigen Platz samt Springbrunnen und Baumalleen wuchsen die Wolkenkratzer empor, umstanden den alten neuen Musentempel wie in Paul Klees „Aufstand der Viadukte“ das Bett  mit dem kleinen Hündchen: Was geht‘s mich an! Es war die Zeit, als der damalige Oberbürgermeister Frankfurts, Walter Wallmann, und sein Kulturdezernent Hilmar Hoffmann erkannten, dass die kulturelle Identität einer Stadt aus ihrem Zentrum erwachsen muss.

In diesen Prozess einer Identitätsfindung war das Konzerthaus Alte Oper von Beginn an entscheidend eingebunden. Auf den furiosen Beginn mit kos-

tenträchtigen Frankfurt Festen, neuer Musik und repräsentativer Kultur folgten Abschnitte finanziell bedingter Sparsamkeit bis hin zu einer kurzfristigen, gleichwohl chaotischen Intendanz (Name tut nichts zur Sache), die das eigenständige Unternehmen Alte Oper fast zum Erliegen gebracht hätte.

Als Retter in der Not, gleichsam wie ein Ritter Lohengrin aus Wagners Oper, erschien dann 1998 Michael Hocks. Hocks, 1943 in Spittal in Österreich geboren, ließ sich nicht entmutigen. Der Betrieb wurde neu strukturiert, mit erheblich weniger Personal gleichwohl ein attraktives Programm entwickelt. Hocks kam bei allem seine große berufliche Erfahrung zugute: Der studierte Jurist steuerte den kühlen Kopf bei, der einstige Mitinhaber der renommierten Konzertdirektion Schmid in Hannover brachte seine reichen Verbindungen zu Künstlern und Konzertveranstaltern ein, als ehemaliger Direktor des musikalischen Betriebs der Hamburgischen Staatsoper wusste er, wie man das „Narrenschiff“ eines Opernhauses steuert. Vor allem aber hatte Hocks als Intendant der Jahrhunderthalle Höchst elf Jahre lang demonstriert, wie wichtig das künstlerische Engagement eines Unternehmens für eine Stadt und deren Region sei kann, wenn nur die richtigen  Leute das Sagen haben. Die Höchster Jahrhunderthalle, in den sechziger Jahren zum hundertjährigen Bestehen der Farbwerke errichtet, war bis zur Wiedereröffnung der Alten Oper das Zentrum des Frankfurter Musiklebens. Hier kehrten regelmäßig die großen Orchester aus aller Welt ein, hier gas-

tierten in eigenen Zyklen die wichtigsten Ballettcompagnien jener Jahre, vor allem aus den Niederlanden mit dem Nederlands Dans Theater und dem Amsterdamer Nationalballett.

Jetzt, da der Abschied sich nähert – Michael Hocks hatte vor drei Jahren, als er fünfundsechzig Jahre alt wurde, seinen Vertrag noch einmal um drei Jahre verlängert – ist Gelegenheit, seine Leistung für das Haus, darüber hinaus, aber auch für die Musikstadt Frankfurt und letztendlich für die Musik überhaupt, zu würdigen. Hocks gilt als äußerst genauer „Arbeiter“. Fehler sind dazu da, um abgestellt zu werden, schnell, geräuschlos, effektiv. Ein Stück Buchhalter steckt auch in ihm: zu seinem Abschied erscheint eine Dokumentation über seine Jahre von 1998 bis 2012. Alles, was in seinen Jahren Rang und Namen hatte, kehrte in die Alte Oper ein. Die Philharmoniker aus Berlin und Wien, die Rundfunksinfonieorchester aus München, Baden-Baden/Freiburg, Frankfurt, viele französische Eliteensembles, immer wieder auch die geliebte Academy of St. Martin in the Fields. 

Das ist überhaupt ein sympathischer Zug an Michael Hocks: Wenn er einmal einen Künstler, ein Ensemble, ein Orchester in sein Herz geschlossen hat, dann hält er diesem auch die Treue. Sie dürfen immer wiederkehren. Und das Publikum freut sich, diesen Künstlern immer wieder zu begegnen. Was gab es in all den Jahren nicht für wunderbare Begegnungen allein, um nur ein Beispiel zu nennen, mit dem unvergesslichen Alban Berg Quartett, das sich ja leider inzwischen aufgelöst hat.

Die Führung eines so großen Konzerthauses, wie es die Alte Oper ist, erfordert geradezu strategische Fähigkeiten. Großer Saal, kleiner Mozartsaal mit rund achthundert Plätzen, weitere Nebensäle, eine leistungsstarke Gastronomie, die zugleich die Pausenbewirtschaftung übernimmt, die zahlreichen Gastauftritte auswärtiger Veranstalter mit ihren Orchestern und Künstlern, die regelmäßigen Abonnementreihen des Hessischen Rundfunksinfonieorchesters, des Frankfurter Museums-und Opernorchesters, des Ensemble Modern mit avancierten Programmen, schließlich, nicht zu unterschlagen, der Unterhaltungssektor, der besonders zum Jahreswechsel immer wieder wichtige Musical- oder Operettenaufführungen in die Alte Oper bringt – das alles und auch noch ein anspruchsvolles Kongresswesen inklusive Opern- und sonstiger Bälle müssen in einem Jahresprogramm mit über vierhundert Terminen untergebracht werden. 

Das Frappierende dabei ist, dass alles mit relativ kleinem Personalaufwand und einem zuletzt knapp sieben Millionen Euro hohen Zuschuss der Stadt Frankfurt bewältigt wird. Das heißt: Die städtische Subventionierung deckt gerade einmal die laufenden Kos-ten für das hausinterne Personal plus Nebenkosten ab. Das künstlerische Programm muss selbst erwirtschaftet werden mittels Eintrittspreisen, Vermietungen, Sponsoren, den Beiträgen der „Freunde der Alten Oper“, bei denen noch etwas vom Geist des alten Frankfurter Mäzenatentums lebendig geblieben ist. Michael Hocks hat es verstanden, den finanziellen Balanceakt  geradezu virtuos zu absolvieren. Auf Dauer aber erhebt sich die Frage, ob nicht  durch eine Erhöhung der öffentlichen Zuwendungen das Programm der Alten Oper noch attraktiver gestaltet werden kann. Vor allem der von Hocks eingeführte „Auftakt“ zu Beginn jeder Saison, der jeweils einem Komponisten und einem Interpreten gewidmet ist, könnte durch eine programmatische Erweiterung an Gewicht gewinnen. Michael Hocks hat das alles in den Jahren mit der ihm eigenen Energie und Präzision mustergültig umgesetzt. Das Haus Alte Oper steht am Ende seiner Zeit wohlgeordnet da. Das künstlerische Profil ist klar und von individuellen Vorlieben geprägt, was kein Schaden ist: Ein Konzertprogramm darf kein Warenkatalog sein, der alles enthält. Das wäre langweilig und konturlos. Für Veränderungen sorgt schließlich der Wechsel an der Spitze. Auch dieser Wechsel ist für die Alte Oper perfekt organisiert. Hocks Nachfolger heißt Stefan Pauly, derzeit noch am Salzburger Mozarteum tätig und dort unter anderem für die Programmierung der Mozartwoche im Januar eines jeden Jahres zuständig. Pauly versteht etwas von Wirtschaft und von Kunst gleichermaßen: Die Mozartwoche ist unter ihm zu einem höchst lebendigen kleinen Festival geworden, in dem der Namenspatron und unsere Gegenwart sich musikalisch auf  anregende Art begegnen. Gute Aussichten für die musikalische Zukunft auch der Alten Oper. Pauly wird die Leitung der Alten Oper am 1. März 2012 übernehmen, mitten  in  der Saison also, weil er noch die Mozartwoche 2012 absolvieren möchte. Der Vorschlag für diesen unüblichen Stabwechsel kam von Hocks. Er hat für Pauly auch noch das Programm für die Spielzeiten 2012/13 organisiert, damit dieser sein  erstes eigenes Konzept für 2013/14 in Ruhe vorbereiten kann. Michael Hocks Handschrift wird also bis Ende der Saison 2012/2013 das Gesicht der Alten Oper noch bestimmen.

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