Der Sing-Anstifter: Gottfried Wolters zum 100. Geburtstag


(nmz) -
Gottfried Wolters hatte die Gabe, andere Menschen für das Singen zu begeistern und auch die Zuhörer zu aktivieren. In der Festschrift zu seinem siebzigsten Geburtstag finden sich Zeugnisse großer, nicht selten schwärmerischer Dankbarkeit. Die Rede ist von seiner Musiziergesinnung, seiner unbändigen Vitalität und einer fast legendären Ausstrahlung als mitreißender „Vollblutmusiker“.
Ein Artikel von Albrecht Dümling

Wenn er Offene Singen durchführte, habe man die gemeinschaftsbildende Kraft der Musik gespürt. Er habe „Führungskraft und Charisma“ besessen, meinte sein Generationsgenosse Jens Rohwer.

Tatsächlich hat Gottfried Wolters viel erreicht. Den Norddeutschen Singkreis, den er 1949 in Hamburg gründete, hat er fast zwanzig Jahre lang geleitet und mit ihm 307 Konzerte und 321 Offene Singstunden im In- und Ausland durchgeführt. Der Arbeitskreis Musik in der Jugend (AMJ) und die Europäische Föderation Junger Chöre (EFCJ) gingen wesentlich auf seine Initiative zurück. Und nicht zuletzt hat er immer wieder Liederbücher und Liedblätter herausgegeben, die sich großer Beliebtheit erfreuten.

Die Werkstattpraxis des Offenen Singens, in die er jeweils eine größere Menschenmenge einbezog (auch als Sänger der „Gemeindechoräle“ in Passionen), war für Wolters gleichberechtigt mit Konzertauftritten. Diese oft spontan aus dem Augenblick geborene Musizierform hat er aber nicht erfunden, wie im neuen MGG behauptet wird. Sie entstammte vielmehr der musikalischen Jugendbewegung Fritz Jödes, deren Impulse Wolters im Norddeutschen Singkreis  sowie im Arbeitskreis für Musik in der Jugend weiterführte. In der erwähnten Festschrift bezeugen einige der Mitwirkenden: „Wir wollten begeistert werden.“ Wolters habe sie begeistern können, er habe seine „kerngesunde Erdverbundenheit“ auf die Sänger übertragen und eine „vorbehaltlose Hingabe“ an das Singen erreicht. Der Mitstreiter Paul Wehrle berichtet, dass es zunächst nicht ganz leicht gewesen sei, das Offene Singen auch Chorleitern anderer Länder schmackhaft zu machen. Sogar bei jungen deutschen Chorleitern habe es das „Missverständnis“ gegeben, es sei eine nur allzu deutsche Erfindung. In der Tat war aber diese Musizierform, wie Wolfgang Stumme bezeugt, vom Nationalsozialismus und seiner Reichsjugendführung gerne gepflegt worden. Gottfried Wolters war an dieser damaligen Praxis beteiligt, was aber offenbar in seiner Umgebung – nicht untypisch für diese Generation – mit Stillschweigen übergangen wurde.

Der am 8. April 1910 in Emmerich am Niederrhein geborene Chorleiter hatte Germanistik und Musikwissenschaft, offenbar aber nie eigentlich Musik studiert. Aus Solidarität mit seinem Doktorvater Ernst Bücken trat er 1933 der NSDAP und der SA bei. Auf Adolf Hitler setzte er damals große Hoffnungen. „Wir haben ihn gefunden, den Führer aus der Not“, heißt es in einem HJ-Lied, das Wolters 1934 komponierte. Verse von dem als „Homer der SA“ gepriesenen Lyriker Herybert Menzel verwendete er 1936 für seine noch im gleichen Jahr im Kölner Gürzenich aufgeführte Kantate „Marsch ins Jahrtausend“, die mit dem Titellied „Männer werden und Kolonnen fallen“ den Heldentod fürs Tausendjährige Reich pries. Wolters war zu diesem Zeitpunkt junger Musikkritiker und Lektor im Verlag P.J. Tonger. Wenn er auch gegen die Verfemung Paul Hindemiths protestierte, so war das doch keine prinzipielle Opposition gegen den Nationalsozialismus. Als Oberscharführer der HJ leitete er zeitweise deren Kölner Rundfunkspielschar, bis er 1941 zur Marine versetzt wurde. Hier regte er die Gründung einer Singeleiterschule der Kriegsmarine an, die er bis Januar 1945 leitete. Das von ihm zusammengestellte „Liederbuch der Kriegsmarine“ (mehrere Hefte 1940–41) enthält neben fröhlichen Seemannsliedern auch kriegerische Gesänge wie „Jetzt geht es gegen Engelland“ oder das U-Boot-Lied „Das Meer haßt Engelland“. In einem damals von Wolters komponierten dreistimmigen Kanon heißt es markig: „Laß den Schwächling angstvoll zagen, wer um Hohes kämpft, muss wagen! Leben gilt es oder Tod.“

Obwohl seine Lieder und Bearbeitungen – darunter auch Volkslieder und geistliche Lieder – in vielen NS-Liederbüchern verbreitet waren (auch im  SS-Liederbuch), wurde Gottfried Wolters bei der Entnazifizierung als „unbelastet“ eingestuft. Eine offene Auseinandersetzung mit der Kontinuität von NS-Traditionen in Chorwesen und Musikerziehung fand in den Nachkriegsjahren nicht statt. Jedoch ist anzuerkennen, dass sich Wolters um eine Neuorientierung bemühte. Wohl deshalb spielten auf den von ihm durchgeführten Lehrgängen und in den Konzerten des Norddeutschen Singkreises Werke Hugo Distlers eine so prominente Rolle. Mit diesem Komponisten, der 1942 angesichts zunehmender Schikanen freiwillig aus dem Leben geschieden war, schien sich Wolters besonders zu identifizieren. Manche meinten sogar, dass niemand dessen „Choralpassion“ tiefer begriffen und verwirklicht habe als er. Gerühmt wurde dabei sein unpathetisch-transparentes und rhythmisch bewegtes Klangideal, das sich vom spätromantisch-expressiven Chorstil abhob.

Die im Dritten Reich als „Vierteljüdin“ geltende Hamburger Komponistin Felicitas Kukuck zählte Wolters zu den Menschen, denen es gelungen sei, „in tiefer Betroffenheit seine Mitverantwortung für das, was geschehen ist, anzuerkennen und also ‚Trauerarbeit‘ zu leisten“. Wegen seiner eigenen Verstrickung in die Unkultur des NS-Staats distanzierte sich Wolters nun von Ideologien und lehnte auch Angebote der Bundeswehr ab. Die 120. und letzte Ausgabe seiner ab 1951 monatlich erscheinenden Liedblätter „Singendes Jahr“ überschrieb er 1968 mit „Shalom – Frieden“.

Zunehmend hatte er sich für internationales Liedgut geöffnet und Kontakte zum Ausland, vor allem nach Frankreich, gesucht. Mit César Geoffray, dem Gründer der französischen Chorbewegung A Coeur Joie, war er freundschaftlich verbunden. Auf dieser Basis kam es 1960 in Genf zur Gründung der Europäischen Föderation Junger Chöre, die bis heute regelmäßige „Europa Cantat“-Festivals durchführt. Wolters hat zu diesen Festivals vor allem das Offene Singen beigetragen. Anders als in den Jahren von 1933 bis 1945 war hier diese Form des Musizierens nun „offen“ für Musikbegeisterte aller Nationen.

Der vor 20 Jahren in seinem Geburtsort Emmerich verstorbene Musiker hatte schon zu seinen Lebzeiten erfahren müssen, dass die Traditionen der Jugendmusikbewegung, aus der er schöpfte, kaum noch eine Rolle spielten. Dennoch sollte die schöpferische Phantasie, die er gerade beim Umgang mit Liedern entfaltete, die ideenreiche Art, wie er sie zu Zyklen und so allmählich zu einer Großform verband, wie er auch durch Variation Altbekanntes auf eine neue Art erleben ließ, nicht in Vergessenheit geraten. Was heute Gotthilf Fischer mit seinen Laienchören oder Simon Halsey mit seinen Mitsingkonzerten beim Rundfunkchor Berlin gelingt, war Gottfried Wolters schon vor Jahrzehnten vertraut. Auch andere seiner Impulse wirken weiter. So veranstaltet der Arbeitskreis Musik in der Jugend immer noch regelmäßig Kurse und Musikwochen, er gehört weiterhin zu den Trägern der alle drei Jahre stattfindenden „Europa cantat“-Festivals, bei denen das Offene Singen einen wesentlichen Bestandteil bildet. Dazu hieß es 2009 in Utrecht: „Die Leitung eines Großen Singens gleicht dem Steuern eines Ozeandampfers. Jedes Signal, jede Entscheidung wirkt nachhaltig.“

Auch die Chor- und Instrumentalwochen Hinterschmiding im Bayerischen Wald, die Wolters von 1968 bis 1981 leitete, finden in diesem Jahr vom 22.–30. Mai bereits zum 42. Mal statt und laden wieder geübte Chorsänger/-innen und Instrumentalist/-innen zur Mitwirkung ein. 

Der Dirigent Gottfried Wolters

Sieben Jahre habe ich im Norddeutschen Singkreis mitsingen und -musizieren dürfen: ungezählte Proben, Wochenenden, Offenes Singen, viele Konzerte, Konzertreisen nach Dänemark, Belgien, Frankreich, … - eine wunderbare, reiche, prägende Zeit! Nie wieder habe ich eine gleiche Intensität, Gestaltungskraft und -differenziertheit erlebt. Da wir gehalten waren, auswendig zu singen, hatten wir ständigen Blickkontakt. Wie unglaublich sprechend war allein Gottfrieds Gesichtausdruck! In jedem Augenblick war darin seine tief empfundene Gestaltvorstellung präsent, die sich fast suggestiv übertrug. Wolters vermochte “durchzuhören” wie kaum ein anderer, ein Beispiel: Hinterschmiding, 160 Sänger und Sängerinnen, eine doppelchörige Motette sollte mit einem kleinen Orchester ein erstes Mal zusammen erklingen; im Orchester hatten wir alles einmal durchgespielt und uns dann auf die schwierigen Stellen konzentriert. Nach einigen Passagen bricht Wolters ab, sagt: “Schade, dass im Orchester die Stellen zu hören sind, die offenbar weniger intensiv geprobt worden sind.” Und dann nannte er drei, vier dieser einfachen Stellen, die wir ja alle konnten, die sich aber wohl doch durch leichte Irritationen nicht ganz so selbstverständlich ausnahmen …


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